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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-15 · Heft 46 (15.11.1901) · p. Seite 547

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 46 (15.11.1901)
Date
1901-11-15
Page
Seite 547 (sequence 9)
Language
German
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547 Aenderung einzelner Ausdrücke, — nach altbewährtem Rezepte — einen neuen „geschichtlich beglaubigten" Ritualmord festzustellen. Zweifellos war es die löbliche Absicht jener hetzerischen Zeitung, dem Wahn eine neue Unterlage zu bieten. Doch die Unwahrscheinlichkeit und das Uuwahrhafte jener Notiz nachzuweisen, dazu lag wirklich kein Grund vor, denn — wie sagte doch der Herr Staatsanwalt am Landgericht I zu Berlin? „Für einen gebildeten Menschen giebt es überhaupt keinen Ritualmord" — und der Verlogenheit unserer Gegner gegenüber hat selbst die klarste Beweisführung keinen Werth. Immerhin hat sich Herr Lichtenstein es angelegen sein lassen, den Spuren jener Zeitungsrelation nachzugehen und bedauert, von dem Archivar hiesiger Stadt keine Antwort erhalten zu haben. Die Voraussetzung, das; ein solcher instruirt sei, an ihn gerichtete Briefe unbeantwortet zu lassen, war aber um so ungerechtfertigter, da mir Herr Pastor Rackwitz versicherte, zweimal Herrn Lichtenstein geantwortet zu haben. Derselbe dürfte Herrn Lichtenstein wohl auch dahin verständigt haben, daß ein eigentlicher Archivar hierorts nicht angestellt sei, und daß das Archiv des Magistrats sich noch in solcher Unordnung und Verwirrung befindet, daß es unmöglich ist, weitere Requisitionen über bestimmte Aktenstücke anzustellen. Uebrigens ist es auch nicht ersichtlich, wie gerade über diesen Fall von anno 1736. welcher sich im Posenschen zugetrageu, nähere Angaben im hiesigen Archiv sich finden sollten, wenn man auch nach einem der vermeintlichen Uebelthäter in hiesiger Gegend gefahndet. Es ist aber ein eigenartiges Zusammentreffen, daß die in jener Notiz erwähnte Anklage durch den Bericht einer Familienchronik, welche gerade in diesen Tagen mir liebenswürdigerweise zur Einsicht überlassen wurde, in nähere Beleuchtung gerückt wird. Ist auch eine Duplicität der Ereignisse nicht ausgeschlossen, da ja die Anschuldigung eines Nitualmordes häufig genug erhoben wurde und ist vielleicht die aus gleicher Zeit nmio 1736 stammende „Ritualmord"beschuldigung mit der in jener Zeitungsrelation erwähnten Anklage ohne Zusammenhang, so will ich dennoch jenen Bericht zu Nutz und Frommen auch des „Bayrischen Vaterlands", welches denselben seinen Lesern sicherlich nicht vorenthalten wird, hierhersetzen, den ich aus der erwähnten Familienchronik entnehme, welche unter dem Titel „Mein Lebensbild" im Anschluß an sieben Ahnenbilder dargestellt von Salomon Kaliphari genannt Poseuer und aus dem Hebräischen übertragen von seinem Enkelsohu Dr. Moritz Landsberg, Rabbiner zu Liegnitz, autographisch für die Familienmitglieder vervielfältigt worden. Die Familienchronik führt als den fünften berühmten Ahnen den „Arie Lob Darschan, hakadosch" auf, der im Jahre 1714 die von seinem Vater lange Zeit bekleidete Predigerstelle in Posen angetreten. Als solcher hatte er den Oberrabbiner der Gemeinde in allen Funktionen zu vertreten. Dieser hatte nach 22 jähriger Wirksamkeit den Märtyrertod erlitten, dem er den Beinamen „Kadosch" verdankt. Ueber das verhängnißvolle Ende dieses frommen und bedeutenden Predigers der Posener Gemeinde, ist in jener Autobiographie Folgendes ausgezeichnet: „Am Nüsttage des jüdischen Neujahrfestes 5496 (1736) verbreitete sich in der jüdischen Gemeinde zu Posen plötzlich die Schreckensnachricht. daß ein christlicher Knabe todt anfgefnnden worden, und man die Juden des Mordes desselben beschuldige. Es dauerte nicht lange, und der Darschan wurde an der Stelle des Oberrabbiners, der zufällig verreist war, ergriffen und abgesührt. Zwar hatte seine Frau schnell enng für einen bereitsteheuden Wagen gesorgt, ans den er noch recht wohl (zu Verwandten nach Meseritz) hätte entfliehen können, allein er war durch keinerlei Bitten zur Flucht zu bringet!. „Wie. sagte er, soll ich in solcherZeit meine Gemeinde verlassen? Und hätte ich es nicht zu verantworten, wenn an meiner Stelle vielleicht viele andere und bedeutendere Männer ergriffen würden?" Als man ihn abführte, wandte er sich zu der Menge, von der die Judengasse angefüllt war. und die ihr Klagegeschrei erhoben hatte: „Was schreit Ihr? Habt Ihr mcht erst heute Morgen das Gebet von den zehn Märtyrern gesprochen? - Aber ich fürchte." sprach er. „daß ich. wenn ich jetzt sterbe, keine zehn Leute bei mir haben werde, um den Namen Gottes zu heiligen, so lasset es mich jetzt thun. Ich bin bereit nnd entschlossen, deinen Namen, mein Gott, zu heiligen. Gelobt seist du, Ewiger, der du deinen Namen heiligen lässest von der Menge!" Und weinend rief die ganze Menge: „Amen!" „Wie es ihm in der Untersuchungshaft und in der Folterkammer ergangen, ist zum Theil noch von ihm selbst erzählt worden. Erhalte die ersten Folterqualen standhaft, ohne selbst zu stöhnen nnd zu seufzen, ertragen. Da glaubte man an irgend einem Zauber, der besonders in den Haaren läge, oder man stellte sich doch so an, als ob mail dies glaubte; man befahl, ihm den ganzen Haarwuchs des Körpers abzu* nehmen. Am meisten schmerzte ihn hierbei die Schmach, daß er nun seinen Bart verlieren sollte, und er bat flehentlich, doch vergebens, daß man ihm denselben lassen möge, er wollte sich dafür aus eine halbe Stunde länger der Folter unterwerfen.! Die schwersteil Folterqualen waren für ihn die Bekehrungsversuche, die man nun unzählige Male, bald schrecklich drohend und bald verführerisch lockend, mit ihm anstellte.! .... Endlich, um den letzten Versuch zur Erpressung eines Geständnisses zu machen, schritt man zur Tortur in der Nacht vom 7. zum 8. Chaschwan. vor dessen Vollendung er sich die Gnade ausbat. eine halbe Stunde allein sein zu dürfen; er schloß in derselben mit seinem Leben feierlich ab. Die schreckliche Prozedur selbst zu schildern, ist wohl weder nöthig, noch gut möglich; bemerkt sei nur, daß es ihm, dein Darschan, mindestens besser erging als dem Leidensgefährten, den er hatte, dem Syndikus der Posener Gemeinde, Namens Jacob, dem man noch obendrein die Seelenpein angethan, daß er dieselbe bei jenem in allen ihren Einzelheiten mit ansehen, ja sogar dazu leuchten mußte, um sie unmittelbar daraus in gleicher Weise selbst bestehen zu müsseil. Man brachte beide Männer am andern Morgen zerschlagen nnd zerrissen nach Hause; sie starben beide kurz darauf all den Folgen jener Nacht. Der Darschan am 18. Kislav 5497 (1736); er hatte, wie er sagte, den eigentlichen Todesstoß scholl empfunden, als mall ihm die glühenden eisernen Pfannen unter die Arme und in die Hände legte. Der Prozeß selbst dauerte übrigens trotzdem noch ea. drei Jahre und wurde zuletzt in der Hauptstadt des polnischen Reiches, in Warschau, geführt. Die Posener Gemeinde war genöthigt, sich von Wien her Rechtsanwälte zu verschaffen, da die Warschauer Geistlichkeit den dortigen Rechtsanwälten untersagt hatte, sich der Posener Juden in dieser Angelegenheit cmzunehmeu." Sv weit der Bericht, dem wir entnehmen, daß der traurige' lästerliche Wahn des Ritualmvrdes im Jahre 1736 in der That zwei blutige Opfer gefordert, und zwar den frommen Prediger der Posener Gemeinde, Arie Lob Darschan, und den Syndikus Jakob, wie leider derselbe Wahnsinn bis heute nicht aufgehört hat, blutige Orgien zu feiern, denen unschuldige jüdische Familien zum Opfer fallen. Die Kittenlehre des Iudenthmns. VonZDr. M. Joseph. II. ir haben gesagt: Die israelitischen Propheten waren nicht nur retigi ö se, sie waren anch sittliche Genies. Wir können jetzt hinzufügen: sie waren nicht nnr sittliche Genies, sie waren auch sittliche Heroen, Männer mit heldenhaftem Mnth und mit eiserner Energie, fest und beharrlich in ihren Ziele», durch und durch kraftvolle Persönlichkeiten, wie

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