Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1901)
- Date
- 1901-11-15
- Page
- Seite 546 (sequence 8)
- Language
- German
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546 lich starke Fruchtbarkeit der Judeu ist, wenigstens in Preußen, I längst eine Fabel geworden, und dieser Rückgang in der Fruchtbarkeit wird nur durch die sich stetig günstiger gestaltenden Sterblichkeitsverhältuisse der Juden einigermaßen paralysirt. Boin 2. Dezember 1895 bis zum 1. Dezember 1900 hat also die absolute Zunahme der Juden in Preußen 12 606 Personen betragen. Hiervon entfallen 605-1 Personen, d. h. fast die Hälfte, allein auf Berlin, dessen jüdische Bevölkerung von 86 152 Personen am 2. Dezember 1895 auf 92 206 Personen am 1. Dezember 1900 gestiegen ist. Trotz dieser absoluten Zunahme hat sich jedoch die jüdische Bevölkerung Berlins im Berhältniß zur Gesammtbevölkerung Berlins vermindert. Am 1. Dezember 1895 waren nämlich unter 1000 Einwohnern Berlins noch 514 Juden, am 1. Dezember 1900 nur noch 488 Juden. Die christliche Bevölkerung Berlins hat sich eben im Jahrfünft 1895-1900 noch viel stärker vermehrt als die jüdische; sie ist von 1 591 152 Personen auf 1 796 642 Personen 'angewachsen, hat sich also um 205 490 Personen oder 12,91 Prozent vermehrt, während der Zuwachs von 6050 Personen bei der jüdischen Bevölkerung Berlins nur eine Zunahme von 7,06 Prozent bedeutet. Der im ganzen neunzehnten Jahrhundert stetig gewachsene Antheil der Juden an der Gesammtbevölkerung Berlins ist infolge dieser Verhältnisse jetzt zum ersten Male zum Stillstand gekommen, oder hat vielmehr sogar einen Rückgang erfahren. Während der Antheil der Inden an der Berliner Gesammtbevölkerung von 3,79 Prozent im Jahre 1861 fortdauernd bis ans 5,14 Prozent im Jahre 1895 gestiegen war, ist er jetzt auf 4,88 Prozent zurückgegangen. Die Ursache hierfür bildet das außerordentlich starke Anwachsen der nichtjüdischen Berliner Bevölkerung; mit diesem hat das Anwachsen der jüdischen Berliner Bevölkerung im letzten Jahrfünft nicht gleichen Schritt gehalten, obwohl die Juden Berlins sich immer noch weit stärker vermehrt haben als die Juden in Preußen ohne Berlin. Während die Juden Berlins sich nämlich, wie gesagt, um 6054 Personen oder 7,03 Prozent vermehrt haben, hat die Zunahme der Judeu im ganzen übrigen Preußen nur 6552 Personen oder 2,26 Prozent betragen. Die Folge ist, daß von je 10 000 Juden in Preußen am 2. Dezember 1895 2269, am 1. Dezember 1900 aber bereits 2350 auf Berlin entfallen bezw. in Berlin leben. Für die Preußischen Provinzen ergeben sich folgende Resultate: Es wurden Inden gezählt: am 2. Dez. 1895 arn 1. Dez. 1900 Zunahme s Abnahme s Prov. Ostpreußen 14 364 18 877 — 487 „ Westpreirßl u 20 M 18 226 — 2 012 Stadtkreis Berlin 80 152 92 206 - 6054 Prov. Brandenburg 18 894 25 766 7 372 „ Pommern 11661 10 880 — 781 „ Posen 40 019 85 827 - 4692 „ Schlesien 48 598 47 586 — 7 Sachsen 7 850 8 047 8- 197 „ Schlesw.-Holst. 8 702 8 486 - 216 „ Hannover 15 065 15 398 328 „ Westfalen 19 859 20 640 «- 1 281 „ Hessen-Nassau 45 725 48 105 n 2380 „ Rheinland 49 018 52 251 8- 3 233 Hohenzollern 576 532 — 44 Königreich Preußen zusammen: 379 716 392 322 -0 12606 Eine Zunahme weisen alsv die westlichen Provinzen Westfalen. Hessen-Nassau, Rheinland auf, während die jüdische Be- I völkernng der östlichen Provinzen erheblich zurückgegangen (Ost- und Westpreußen, Pommern, Posen) oder annähernd stabil geblieben ist (Schlesien). Die erhebliche Steigerung der jüdischen Bevölkerung in der Provinz Brandenburg dürfte größtentheils dem Anwachsen der Juden in den noch nicht eingemeindeten Vororten Berlins zuzuschreiben sein. Wie Nitualmord-Legenden entstehen. Von Dr. B. Elsaß-Laudsberg a. W. o hätte das Argusauge des Hasses und der Verleumdungssucht die so unscheinbare und an sich harmlose Notiz, welche Herr Pfarrer Rackwitz, hier, ich brauche wohl nicht zu bemerken, ohne jeden Hintergedanken, blos als historische Kuriosität neben anderen aus den „Zeitungs-Nelationes" in denJahren 1736—1757 in demXI. Hefte der „Schriften des Vereins für Geschichte der Neumark" veröffentlichte, entdeckt und ausgegraben, um sie zu ihren gehässigen Zwecken auszubenten! Ich muß gestehen, daß mir dieselbe entgangen, trotzdem ich mit großem Interesse die Aufsätze des betreffenden Heftes, und besonders die aus der Feder des Pfarrers Rackwitz stammenden, weil auf Landsberg bezüglichen Artikel durchgelesen und bin erst durch die Ausführungen des Herrn Lichtenstein, beziehungsweise durch seine Festnagelung des „Bayrischen Vaterlands" in Nr. 44 auf dieselbe aufmerksam gemacht wordew Es ist eine alte Erfahrung, daß der Haß viel schärfere Angen hat, und jeder Kundige weiß, wie die feindselige Gesinnung auslängst vergessenen, gänzlich unbekannten Schriften Stellen entnommen hat, die ohne jede böse Absicht niedergeschrieben, im Zusammenhang vielleicht ganz harmlos sind, um darauf „Anklagen surchtbar" gegen Juden und Judenthum aufzubauen. Es ist die altbewährte Methode, die eine Spezialität ja gerade des „Bayrischen Vaterlands" ist, Verdächtigungeil auszustreueu und den gläubigen Lesern Thatsachen vorzuerzählen, die Gruseln und Schaudern erwecken, wenn dieselben auch nmw 1736 sich ereignet, und wenn sie sich auch ans solch haltlose Unterlagen stützen, wie es jene Zeitnngsrelation aus dem alten verstaubten Aktenbündel des hiesigen Archivs ist, um den Haß und das Bvrnrtheil zu nähren. Daß man nuuo 1736 und in den folgenden Jahren im Falle eines Kindesmordes - der leider auch heute noch zu den Alltäglichkeiten zählt, — so man des Uebelthäters oder der Uebelthäterin nicht sofort habhaft geworden, die Juden beschuldigt und im Verdacht gehabt, wird Keinen Wunder nehmen, wer das tiefwnrzelnde Dorurtheil, welches alle Schichten der Bevölkerung in jener Zeit durchdrang, in Betracht zieht. Ist doch der erleuchtete Redaktionsstab des „Bayrischen Vaterlands" und seine Gesinnungsgenossen auch heute noch immer bereit, einen Mord, der keine Sühne fand, den Juden in die Schuhe zu schieben. Hat sich doch im Jahre 1900 ein freiwilliger Untersuchungsausschuß aus gebildeten Ständen zusammengesetzt, um für jeglichen Fall aus einem traurigen Verbrechen, welches in der Kriminaljustiz sonst nicht unbekannt ist, doch bei welchem man die Spuren verwischte, einen Ritualmord zu konstruiren. Gewiß war es von Herrn Lichtenstein richtig, das „Bayrische Vaterland" auf seine Erzählung hin festzunageln, denn sicherlich hätte der Historiker antisemitischer Provenienz sich nicht gescheut, auf jene Zeitungsmeldung hin, mit Weglassung oder