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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-15 · Heft 46 (15.11.1901) · p. Seite 545

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 46 (15.11.1901)
Date
1901-11-15
Page
Seite 545 (sequence 7)
Language
German
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545 zngcsprocheu wurde, die Leute zu übernehmen. Dadurch seien diesen Komitees unsägliche Opfer, nicht nur an Geld, erwachsen. Bon Kattowitz ans allein wurden 2500 Ausländer unterstützt. Die Mittel des oberschlesischen Komitees seien erschöpft. Man müsse dafür Sorge tragen, daß die Rückwanderer wirklich zu Rückgewanderten werden. — Dr. Rosen ak meint, daß, um dem Uebel zu steuern, vor allem darauf hinznwirken sei, daß die Zahl der Rückwanderer so viel als möglich reduzirt werde. In Amerika müsse der Hebel allgesetzt werden. Von segensreichem Einfluß seien auch die Wohlfahrtseinrichtungen, wie Volksküchen. Bekleiduugsaustalten rc. gewesen, die Bremen zu Gunsten der Emigranten geschaffen. Bis vor drei Jahren habe die Zahl der Zurückgeschickten noch 5 Prozent betragen; seit Bestehen jener Einrichtungen sei dieselbe aus 1 Prozent zurückgegangen. — Will- Löwenthal beantragt, die Debatte ausschließlich auf die Frage der Rückwanderung zu beschränken und auf die speziellen Punkte zu konzentriren: 1. Wer ist Objekt der Rückwanderung? und 2. Wie soll diese Rücksendung vor sich gehen? — In der weiteren Diskussion stehen einander bezüglich der Art und Weise der Rücksendung zwei Ansichten gegenüber: Die eine plädirt dasür. daß die Rückwanderer in einer Tour voll der Hafenstadt bis zur Grenze bczw. bis zur Heimath geschickt werden. Die aridere empfiehlt eine Beförderung in Etappen mit möglichst geringem Aufenthalt an den einzelnen Stationen und unter Ausstellung von bestimmt formulirten, irr verschlossenem Couvert weiterzugebenden Legitimationspapieren, welche genaue Angaben über die Personalien, über Ausgangspunkt und Ziel der Reise rc. enthalten sollen. Die Mehrzahl der Redner Pflichtet der letzteren Ansicht bei. — Zur Frage der Kostendeckung schlägt Herr Laskar vor, daß die Ausgaben für die Beförderung Hamburg-Berlin von Hamburg, diejenigen für die Route Berlin- Breslau vou Berlin, für die Strecke Breslau-Kattowitz von Breslau getragen werden sollen, während die Weiterbeförderung von der Grenze ab seitens der betreffenden Landesorganisationen zu erfolgen hat, und zwar Kattowitz - Krakau seitens der Israelitischen Allianz, Krakau — Lemberg seitens Krakaus, von Lemberg und weiter seitens Lembergs. Landgerichtsrath Wollstein hält eine Feststellung der Gesammtkosten für ein Jahr und Repartirung derselben nach Maßgabe der Verhältnisse unter den verschiedenen Gemeinden für zweckmäßig, da der vorgeschlagene Modus zu schematisch und deshalb ungerecht sei. — Dr. Kaminka erklärt, daß die Israelitische Allianz außer Stande sei, die ihr zugedachten Kosten zu tragen, da sie bereits jetzt mit einem Defizit von 108000 Kronen arbeite. Dr. Czeszer entwirft ein Bild voll dem furchtbaren ökonomischen Tiefstand der galizischeu Juden. In Lemberg allein seien von 43 000 jüdischen Einwohnern 20000 im Ar»nenkataster ausgewiesen, d. h. gezwungen. die Unterstützung der Knltusgemeinde in Anspruch zu nehmen. Täglich würden 700 Armenkinder unentgeltlich gespeist, und Tausende müßten mangels der uothwendigeu Mittel zurückgewiesen werden. Dabei lägen die Verhältnisse in Lemberg noch relativ günstig. In den kleineren Städten und auf dem Lande sehe es noch weit schlimmer aus. Leider könne in absehbarer Zeit eine Besserung nicht erhofft werden, im Gegelltheil sei bei dem seucheuartig schleichenden galizischen Antisemitismus, der sich nicht in brutalen Gewaltthätigkeiten. sondern in dem Bestreben, durch Errichtung katholischer Konsumgenossenschaften mit der Parole „Kauft nicht bei Juden!" unsere Glaubensgenossen aus dem Erwerbsleben zu drängen und zu Proletarisiren, äußert, der Eintritt einer verheerenden Katastrophe unter den 700000 Juden Galiziens zu befürchten. Keineswegs könne von Lemberg und noch weniger von dem übrigen Galizien materielle Hilfe erwartet werden. — Herr Mart. Simo u betont, daß die Berliner Gemeinde nicht in der Lage sei, dasjenige, was ihr zugemuthet werde, än leisten, da es zweifelhaft erscheine, ob die Gemeinde als solche gesetzlich überhaupt berechtigt ist, für Ausländer Geld zu bewilligen. Redner schlägt vor. die Beförderung Hamburg-Berlin wie bisher zu belassen, prinzipiell an der Etappenbesörderung mit kurzem Aufenthalt und Speisung festzuhalten und die am meisten belasteten Gemeinden seitens der Centrale zu unterstützen. Eine Subkommission möge mit der Feststellung der Etappen und der nothwendigen Mittel sowie mit der Ausarbeitung eines Plaues für die Repartirung der Kosten betraut werden. Redner lenkt die Aufmerksamkeit auf die neu errichtete jüdische Arbciterkolonie in Weißensee und empfiehlt deren materielle Förderung. — Amtsgerichtsrath Levy wünscht, daß die sür dringende Fälle noch vorhandenen Restbestäude des „Deutschen Centralkomitees für die russischen Juden" in Höhe von 40000 Mark für den vorliegenden Zweck in Anspruch genommen werden. — Dr. Guttmanu befürwortet, an die von der Nückwandererfluth nicht unmittelbar berührten Gemeinden, namentlich an die potenteren, einen Aufruf zur Beisteuer vou Beiträgen zu richten. Die zufällige Lage gewisser Orte an der Heerstraße könne doch in der Kostenfrage unmöglich den Ausschlag abgeben. — Stadtrath Pringsheim versichert, daß die Gemeinde Breslau, wie früher, so auch diesmal nicht zurückstehen werde. Schließlich wird nachstehender, von Herrn Gumpertz-Harnburg eingebrachter Antrag einstimmig gutgeheißen: „Die Konferenz nimmt im Prinzip die Vorschläge Hamburgs dahingehend an, daß die Rückwanderung nach Prüfung in Hamburg oder in Bremen über Berlin, Breslau bezw. die anderen in Betrach kommenden Hauptplätze bis zur Heimath möglichst ohne Aufenthalt erfolgen soll. Die Kosten werden von den größeren Gemeinden, durch welche die Rückwanderer kommen müssen, bis zur nächsten größer« Gemeinde übernommen. Die nicht durch die Rückwanderung tangirten größeren Gemeinden Deutschlands und die bestehenden größeren Wohlthätigkeitsanstalten sollen ersucht werden, zu dem Liebeswerke nach Kräften beizusteueru, hauptsächlich, um den Grenzstädten, welche zu den großen Ausgaben nicht im Stande sind, sowie den Seestädten für ihre unverhältnißmäßig bedeutenden Lasten die nöthigeu Mittel zu gewähren." Zur Ausführung der gefaßten Beschlüsse wurde ein aus folgenden sechs Herren bestehendes Exekutivkomitee eingesetzt: Landgerichtsrath Wollstein und Theod. Oschinsky sür Breslau, Laskar für Hamburg, Simon sür Berlin, Stadtrath Schleyer für Posen und Rabbiner Dr. Cohn für Kattowitz. Dieses Komitee beschäftigte sich alsbald nach Schluß der Sitzung mit dem Entwurf eines diesbezüglichen Aufrufs und Begleitformulars. Als Vorort wurde Breslau gewählt. Die jüdische Bevölkerung in Preußen nach der Volkszählung vom i. Dezember 1900. Von Arthur Ruppi» in Halle a. S. as königlich Preußische statistische Büreau veröffentlicht soeben (im „Deutschen Reichsanzeiger" vom 2. November) die endgiltigen Ergebnisse der Volkszählung vom 1. Dezember 1900. Die ortsanwesende Bevölkerung betrug an diesem Tage in Preußen 34 472 509 Personen, die sich auf die einzelnen Religionsbekenntnisse wie folgt vertheilen: Evangelische. 21817 577 Katholiken. 12113 670 Andere Christen (incl. Dissidenten). 139 127 Inden. 392 322 Andere und nnbekannter Religion cmgehörig 9 813 Im ganzen stehen also den 392322 Juden 34080187 Andersgläubige gegenüber. Vergleicht man diese Zahlen mit den Zahlen der vorhergehenden Volkszählung vom 2. Dezember 1895, so ergiebt sich, daß sich die Juden während dieses fünfjährigen Zeitraums von 379 716 auf 392 322, d. h. um 3,32 Prozent, die Andersgläubigen dagegen von 31475 407 auf 34 080187, d. h. um 8,28 Prozent vermehrt haben. Die Volksvermehrung der Juden ist also auch im letzten Jahrfünft wie jschon in den früheren Jahrfünsten wieder erheblich hinter der Vermehrung der Christen zurückgeblieben. Der Antheil der Juden an der preußischen Eesammtbevölkerung ist in den letzten 20 Jahren infolgedessen langsam aber stetig gesunken. Während bei der Volkszählung von 1880 unter 1000 Personen der preußischen Eesammtbevölkerung noch 133 Juden waren, ist diese Ziffer in den folgenden Volkszählungen von 1885 bezw. 1890 bezw. 1895 auf 129 bezw. 124 bezw. 119 gesunken und ist bei der Volkszählung von 1900 ans 114 angelangt. Die früher außerordent-

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