Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1901)
- Date
- 1901-11-15
- Page
- Seite 544 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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544 glänzende Zukunst. Durch dieselbe wird nicht allein die materielle Lage des jüdischen Handwerkers in Rußland gefördert; sie trägt auch viel zur Erziehung des russischen Juden zur Selbsthilfe bei. Der Breslauer Kongreß. Breslau, 11. November. ÄLÜ^er Vorstand der hiesigen Synagogengemeinde und der „Jsraelitische Unterstützungsverein für Obdachlose in Hamburg" hatten auf Montag, den 4. November, Nachmittags 3 Uhr gemeinsam an eine Reihe von Gemeinden und Korporationen Einladungen zu einem „Kongreß zur Schaffung einer Organisation für die bedürftigen jüdischen Rückwanderer und Besprechung der Answanderersrage" ergehen lassen. Der Einladung waren 21 Delegirte als Vertreter von 15 Gemeinden und Korporationen gefolgt. Es waren vertreten die Herren Rabbiner Dr. Guttmann und Rosenthal sowie die Vorstandsmitglieder Stadtrath Pringsheim, Landgerichtsrath Wollstein und Burgfeld; der „Verein für Obdachlose" iu Hamburg durch die Herren Laskar und L. Mendelssohn; die Armenkommission in Hamburg durch Herrn Weinheim und das russische Hilfskomitee ebendaselbst durch Herrn Hermann Gnmpertz; die ^llianee isrrwlite universelle durch Herrn Generalsekretär Bigart; der „Hilfsverein der deutschen Juden" durch Herrn Willibald Loewenthal-Berlin; der Deutsch-Israelitische Gemeindebund durch Herrn Theodor Oschinsky-Breslau; die Armenkommission der jüdischen Gemeinde zu Berlin durch ihren Vorsitzenden, Herrn Martin Simon; das „Komitee für durchreisende Juden" in Bremen durch Herrn Rabbiner Dr. Nosenak; der „Verein für Wanderbettele!" in Beuthen durch Herrn Rabbiner Dr. Kopfstein, die Synagogengemeinde ebendaselbst durch Herrn Amtsgerichtsrath Levy; das russische Hilfskomitee in Kattowitz durch Herrn Rabbiner Dr. Cohn, die Synugogengemeinde durch Herrn Leopold Altmann; die Synagogengemeinde Posen durch Herrn Stadtrath Schleyer; die Israelitische Allianz in Wien durch ihren Generalsekretär, Herrn Dr. Kaminka, und der Armenhilfsverein in Lemberg durch Herrn Dr. I. Czeszer. Das Referat erstattete Herr Laskar-Hamburg. Redner kennzeichuete zunächst die vier Kategorien, ans denen sich das Rückwandererkontingent zusammensetzt. Es sind dies 1. Kaufleute, Handwerker, Handelsleute n-. aus Rumänien. Ungarn, Galizien, Rußland rc., welche nach Hamburg kommen, um dort Erwerb zu finden, oder ans Vereins¬ und Gemeindemitteln nach Amerika oder England weiterbefördert zu werden, aber in ihrer weit überwiegenden Mehrzahl zur Auswanderung durchaus ungeeignet sind und deshalb im ihrem eigenen Interesse daran gehindert, d. h. zurückgeschickt werden müssen; 2. Solche, denen der Londoner öoarck ok (Umrllians die Mittel zur Rückreise bis in ihre Heimath gewährt; 3. Diejenigen, welche von der genannten Körperschaft nur bis Hamburg geschickt werden, oder ihr letztes Geld ausgegeben haben, um dahiu zu gelangen; endlich 4. die Unglücklichen, denen als ..paupers" die Landung in Amerika verweigert werde. lLetztere Kategorie sei die kleinste: von 38 751 Zwischendeckpassagiereu, welche die Hamburg-Amerika-Linie vom 1. Januar bis 25. September d. I. nach New-Uork beförderte, seien nur 276, und unter diesen blos 120 Juden seitens der Einwanderuugsbehörden zurückgewiesen worden.) Seine Vorschläge zur Beseitigung der vorhandenen Mißstände faßte Redner in folgende Sätze zusammen: „Vor allem muß darauf hingearbeitet werden, daß die für die Auswanderung ungeeigneten Elemente im Lande bleiben müssen, um nicht einem noch schlimmen» Elend entgegengeführt zu werden. Dabei macht es keinen Unterschied, ob sie mit großen oder geringen Mitteln versehen sind oder nicht. Die Mittellosen werden zwar vielfach bereits all den Grenz-Kontrolstationen seitens der Grenzkommissare am Uebergang verhindert, eine leider sehr bedeutende Zahl schmuggelt sich aber durch. Diese kommen zu einem sehr großen Dheil aber nicht über die Hafenstädte hinaus, da allen Denen die Weiterbeförderung verweigert werden muß, welche nach sorgfältiger Prüfung snr's Allsland ungeeignet erachtet werden. Haben die Leute aber einige Mittel, so sind dieselben doch sehr bald aufgebraucht, falls sie sich für das Ausland nicht eignen, und sie fallen entweder schon bei der Ausreise oder nach kurzer Zeit bei der Rückfahrt der Wohlthätigkeit iu den deutschell Hafenstädten zur Last. Dabei haben dann die Armen noch die geringen Mittel eingebüßt, die die Grundlage ihrer kargen Existenz in der Heimath gebildet haben. Hier heißt es, durch Warnungen Vorbeugen! Es ist nicht zu verkennen, daß dies schwierig sein wird; es ist schwer, Leute zurückznhalten, die ihr Glück in der Fremde zu finden hoffen. Aber der Versuch muß gemacht und seitens der österreichischen Vereinigungen mit aller Energie darauf hingearbeitet werden, daß in Oesterreich-Ungarn durch Wort und Schrift, durch die Rabbiner n. s. w. die Bevölkerung über die hier geschilderten thalsächlichen Verhältnisse, namentlich über die den Auswandernden drohende Nothlage aufgeklärt wird. Insbesondere aber müssen die Gemeinden und Komitees vorbeugend eingreifen, den Hafenstädten überhaupt keine für die Auswanderung ungeeigneten Leute zu schicken. . . Der weitere Zweck unserer Zusammenkunft soll sein, für Diejenigen, welche nun einmal bis hierher gelangt sind und zurückbefördert werden müssen, sowie für die eigentlichen Rückwanderer eine Organisation zu schaffen, welche die bestehenden Nachtheile beseitigt. Diese Nachtheile bestehen bekanntlich darin, daß die Leute, wenn sie nur von Station zu Station in kleinen Etappen geschickt werden, dem Wanderbettel oder gar der Vugabondage anheimfallen, daß ihr Auftreten unangenehmes Aergerniß erregt, daß weiter den Gemeinden und Korporationen durch den unnöthigen Aufenthalt respektive durch das Hill- und Herreisen unnöthige Kosten ent stehen, und daß, lvas die eine Vereinigung eben gut gemacht hat, durch ungeeignete oder verkehrte Hilfe all anderer Stelle wieder verdorben wird. Als Beispiel diene, daß die von Hamburg aus mit Kleidung Ausgestalteten festgestelltermaßen vielfach diese unterwegs wieder aus Noth veräußern mußten, da sie nicht prompt weiterbefördert wurden, und daß auch zu reichlich gespendete Hilfe und Geld die Leute zu längerem Aufenthalt im Jnlaude verleitet. Daß bei möglichst wenig unterbrochener Rücksendung in die Heimath auch vermieden wird, daß die Leute den all den Bahnhöfen rc. aus solche Opfer wartenden Seudlingen der Mission anheimfallen, soll auch nicht unerwähnl bleiben. Unser Verein schlägt daher bezüglich dieser Rückwanderer vor, daß die Bestimmung der in die Heimath Zurückzubesördernden der Hamburger Einrichtung, d. h. dem „Verein für Obdachlose" gemeinsam mit der Armenkommission der Hamburger „Deutsch-Israelitischen Gemeinde" überlassen bleibe, daß wir die so Bezeichnten auf schnellsten Wege nach Berlin befördern, worauf durch in Berlin zu treffende Organisationen ohne Verzug die direkte Weitersendung in die Heimath oder, soweit dies »licht möglich, an die zu bildenden GreuzkomiteeL erfolgt, die in entsprechender Weise für die Weiterbeförderung zu sorgen haben. Die Kosten werden derartig getragen, daß die Hamburger Institution die Kosten bis Berlin, Berlin die Kosten etwa bis Breslau u. s. w. zu leisten hat. Mit Rücksicht darauf, daß wir nicht allein zur Nebernahme der Kosten bis Berlin bereit sind, sondern auch noch für die Beförderung der Geeigneten nach Uebersee, solveit möglich sorgen, also eine Aufgabe erfüllen, die mit wesentlich höheren Lasten verbunden ist, als sie irgend eine inländische Korporation zu tragen hat. bitten wir die auf dem Kongreß vertretenen wohlthätigen Institutionen, denen ans der Rückbeförderung der Leute keine Kosten erwachsen, den „Verein für Obdachlose" durch Werbung neuer Mit glieder oder durch Beiträge zu unterstützen." In der anschließenden Debatte galt es zunächst, das Verhandlungsgebiet abzugrenzen. Dr. Kopfstein hält die Frage der Rückwanderung für unlösbar verknüpft mit der Allswanderung. Auch dieser müsse näher getreten werden, wenngleich zuzugeben sei, daß die Repatriirungsfrage zur Zeit die dringendere ist. Für einen beträchtlichen Theil der Emigranten sei die Rückkehr in die Heimath mit erhebliche!» Schwierigkeiten verbunden, wenn nicht gänzlich unmöglich. Für diese müsse ein Asyl geschaffen werden. — Dr. Cohn weist auf die Unzuträglichkeiten hin, welche dadurch entstehen, daß die Remigranten bis zur Grenze geschafft werden, daß man aber nicht dafür Sorge trägt, daß sie auch über die Grenze wirklich in ihre Heimath gelangen. Für Leute ohne gellügende Mittel und ohne Ausländerpaß sei eine Repatriirung nicht möglich. In den Grenzstädten Kattowitz und Myslowitz seien sogenannte Auswechselung - Kommissariate errichtet. An diese werden alle Diejenigen gesandt, welche ohne Ausläuderpaß betroffen wurden. Die Erlaubniß für diese Personen, in die Heimath zurückzukehren, sei — wenn überhaupt — nur auf diplomatischem Wege zu erreichen. Dies bedeute einen Zeitverlust von 2 — 3 Monaten, während welcher die Leute im Gefängniß internirt bleiben. Eine Ministerial-Versügung vom Jahre 1893 habe freilich eine Besserung gebracht, indem den Grenzkomitees das Recht