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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-15 · Heft 46 (15.11.1901) · p. Seite 543

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 46 (15.11.1901)
Date
1901-11-15
Page
Seite 543 (sequence 5)
Language
German
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543 auf einen Erfolg zu rechnen war, sind im Jahre 1899 drei Juden, die Herren Jnstizrath Gustav Meher, Stabsarzt Dr. Schweitzer und Hvfjuwelier Julius Jacobh zu Geschworenen ernannt, und ist der Letztgenannte im Sommer 1899 ausgeloost worden. Alles dies wurde ohne Enquete und ohne sonderliches Aussehen bewirkt und ist durch unser Vereinsorgan wiederholt bekannt gegeben worden. Der Versuch mit einer Enquete wurde voll uns ebenfalls gemacht, und zwar gerade dort, wo die Juden von den gedachten Ehrenämtern völlig ausgeschlossen scheinen, bezügliche Klagen aber trotzdem an uns nicht herangetreten sind. In dem Aprilheft unserer Zeitschrift von diesem Jahre veröffentlichten wir iu fetter Schrift das Folgende: „Unsere Vertrauensmänner in Ostpreußen ersuchen wir um gefällige Mittheilung darüber, ob tatsächlich in der ganzen Provinz seit Jahren kein einziger Jude als Schöffe sungirt hat und nur in einzelnen Fällen Inden als Geschworene zugelassen worden sind. Die jüngsten Judendebatten im preußischen Abgeordnetenhaus machen es wünschenswert!), genaueres darüber festzustetteu, insbesondere über die Sch offen Wahl." Darauf ist aus Ostpreußen iu keiner Weise reagirt worden, während sonst die geringste Anregung in unserer Zeitschrift massenhafte -Zuschriften zur Folge zu haben Pflegt. Wir haben aber die Ueberzeugung gewonnen, daß man von jedem Orte ans, wo man den Ausschluß der Inden vom Schöffen- und Geschworenendienst als Zurücksetzung empfindet, auch künftig au uns herautreten wird, und selbstverständlich werden wir dann nach wie vor mit Rath und That diesen Kreisen beisteheu. Die Opportunität bezüglicher Interpellationen in den Einzellandtagen ist uns aber noch io zweifelhaft, daß wir Bedenken tragen, durch Veranstaltung einerallgemeinen Enqnete den Anschein zu erwecken, als ob die Anregung zu jenen Interpellationen auf den Centralverein zurückzuführen sei. Berlin. 2. November 1901. Mit vorzüglicher Hochachtung Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. H o r w i tz. 4- Daß auch der christlich-soziale Parteitag in Barmen nicht an uns Juden stillschweigend vorübergehen werde, war zu erwarten. Gleichwohl ist es diesmal doch im Ganzen glimpflich abgegangen. Selbst Herr Stöcker hatte nichts vorzubringen. Ja, im Gegentheil, er behauptete frischweg: „In der evangelischen Kirche habe Unduldsamkeit oder Fanatismus keine Stätte!" Und dann verhieß er, er werde bemüht sein, im Reichstage dahin zu wirken, „daß die Idee der Wahrheit, des Rechts und der Gerechtigkeit wieder zur Geltung komme". Wir wollen sehen, ob Herr Stöcker Wort hält. Den antiiemitischen Ton brachte diesmal ein Pastor Philipps in die Versammlung, der erklärte: „Es gebe bereits eine große Anzahl jüdischer Kirchenpatrone. Wenn es mit der Landwirth- >chaft noch weiter so bergab gehe, dann komme die evangelische Kirche unter das Patronat des Judenthums." (Heiterkeit.) Diese Heiterkeit hat den ehrwürdigen Herrn wohl über die Bedeutung seiner Klage zur Genüge aufgeklärt. 4 In der Leipziger „Theologischen Litteraturzeitung" (N. 41, g 977) finden wir u. a. folgende Aeußerung: „Der Mörder Mae Kinleys, der übrigens Jude ist, wird zwar hingerichtet werden rc." Czolgosz ist Pole und Katholik, und am v. M. wurde in allen New-?)orker Blättern das Gespräch Gzolgosz mit dein katholischen Seelsorger Pastor Szandinski, der ihn im Gefängnisse besuchte, abgedruckt, in dein dieser ausdrücklich erklärte, daß er aus einer alten katholischen Familie stamme. In derselben Nummer des Blattes steht zufälligerweise auch ein Aufsatz von Professor Cornill über die Jüdische Enchktopädie, der uns beweist, daß man, wenn man nur will, auch über die amerikanischen Verhältnisse gilt unterrichtet sein kann. Wie kommt nun jene häßliche Lüge in das sonst so ernste und vornehme Blatt? 4 Die drohende antisemitische Invasion in England hat, lange noch bevor sie den Juden Englands irgendwelchen nennenswerthen Schaden znfüaen konnte, schon, ihr Gutes gestiftet. Durch die Erfahrung in Deutschland und England gewitzigt, haben sich die englischen Juden angesichts der drohenden Gefahr rasch zusammengeschlvssen, um in der Gestalt eines „Bund der jüdischen Shnagogengemeinden Englands" (Lkexvratll Imei, -lisroöl) dem anrückenden Antisemitismus einen kräftigen Damm entgegenznsetzen. In einem Rundschreiben vom 6. November ladet Sir Samuel Mvntagu, der Präsident der Londoner?6«leiatio» ok Lz imAo^es, die Vertreter sämmtlicher Synagogen Englands zn einer im Februar oder März nächsten Jahres in London unter dem Vorsitz des Lord Rothschild stattsindenden Konferenz ein, auf welcher alle die englische Judenheit betreffenden Fragen, wie Ein- und Auswanderung, Naturalisation rc. verhandelt werden sollen. Ferner sollen ans derselben alle Klagen über ungesetzliche oder ungleichmäßige Behandlung von Juden erörtert werden. Endlich soll auf der Konferenz der Widerstand gegen alle wider die Juden geplanten Gesetze organisirt werden. Der Beitrag für jede einzelne Shnagogengemeinde soll für Gemeinden mit über 100 Mitgliedern mindestens fünf Pfund jährlich, für kleinere Gemeinden einen Schilling pro Gemeindemitglied betragen. 4 Seit zwei Decennien häufen sich immer mehr die Beweise dafür, daß die armen russischen Inden fest entschlossen sind, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, um auf dem Wege der Selbsthilfe ihre Lage nach Kräften zu verbessern. Als eines der sichersten Zeichen für diese erfreuliche Erscheinung ist die seit drei Jahren um sich greifende Bewegung zur Errichtung von Kreditgenossenschaften zu begrüßen, welche dazu berufe» zn sein scheint, die alte und vor Alter nicht mehr fnnktionirende Institution des „Gemiluth-Chessed" zu ersetzen. Es giebt in Rußland zehntausende von jüdischen Kleinhändlern und „Kanflenten", welche blos dadurch ein klägliches Dasein fristen, daß sie ein häufig aus »ur wenigen Rubeln bestehendes Vermögen im Laufe eines Jahres unzählige Male umsetzen. Verliert so ein kleiner Mann durch irgend ein unvorhergesehenes Ereigniß einmal sein „Kapital", so muß er in Ermangelung eines billigen Kredits entweder in die Hände von Wucherern gerathen oder der öffentlichen Wohlthätigkeit verfallen. Um diesem llebelstand abznhelfen, hat sich in Wilna vor drei Jahren die erste moderne jüdische Kreditgenossenschaft nach dem System Schultze-Delitzsch gebildet, und das glänzende Gedeihen dieser Genossenschaft bildete das Signal zur Entstehung weiterer Genossenschaften in zahlreichen Städten und Städtchen des gesammten AnsiedelnngsrayonS. Gegenwärtig bestehen in Rußland bereits 25 solcher jüdischen Kreditgenossenschaften, deren Antheilscheine von 10 bis 50 Rubel schwanken. Nebst Gewährung von billigem Kredit an die Inhaber von Antheilseheinen beginnen diese Genossenschaften hier und da mit der Beleihung der Erzeugnisse der jüdischen Handwerker, deren Produkte dann entweder an Ort und Stelle in einem zu diesem Zwecke errichteten Laden verkauft oder nach dem Innern Rußlands exportirt werden. Die neue Bewegung hat eine

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