Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1901)
- Date
- 1901-11-15
- Page
- Seite 542 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228466--58097-3294523- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
542 D. I. G. N. scheint jedoch bedauerlicherweise nicht gewillt zu sein, die Aufgabe, die bestehenden Organisationen zusammenzusassen, zu übernehmen. Damit entfällt aber die Möglichkeit der Schaffung einer offiziellen Gesammwertretnng. Denn wer kann dem Ausschuß einer ans den freiwilligen Beitritt einzelner Korporationen und Einzelpersonen begründeten neuen Organisation das Recht geben, im Namen aller deutschen Juden zu handeln und das gesammte deutsche Judenthum zu vertreten! Es ist ferner betont worden, das; die neue Organisation mit den bereits bestehenden nicht in Konkurrenz treten soll. Das wird jedoch nicht möglich sein. Die Thätigkeit des Centralvereins z. B. würde unbedingt lahmgelegt werden, da laut Cirkular die neue Organisation einen wesentlichen Theil seiner Aufgaben übernehmen soll. Dabei würden naturgemäß manche Angelegenheiten unerledigt bleiben, weil eine offizielle Gesamlntvertretung nicht die Freiheit der Bewegung haben kann, wie ein privater Verein. Der Centralverein wäre nach wie vor nothwendig. aber das Interesse für ihn würde ein wesentlich geringeres sein. Der auf die Juden in: lösten bezügliche Passus des Cirknlars bedeutet ferner bereits einen Eingriff in die Thätigkeit des soeben begründeten Hilssvereins der deutschen Juden. Wiederholt ist die Schaffung einer neuen Organisation damit begründet worden, das;, wie die Erfolge der antisemitischen Bewegung beweisen, die bestehenden Organisationen nicht im Stande seien, ihre Aufgaben in vollem Umfange zu erfüllen. Ich bin der Ansicht, daß die Ursache hierfür nicht sowohl in der Mangelhaftigkeit der bestehenden Organisationen, als vielmehr in erster Reihe in den ungünstigen Zeilverhältnisseu zu suchen ist. Auch die geplante neue Organisation wird im Augenblick nicht den vollen gewünschten Erfolg haben. Um so größer wird, wie ich fürchte, die Enttäuschung sein, um so mehr das Interesse erlahmen, und um so geringer werden demzufolge die Erfolge der neuen wie der alten Organisationen sein. So betrachtet, erscheint mir die Schaffung der geplanten Organisation äußerst bedenklich. Ich halte demgegenüber die Kräftigung und Festigung der bestehenden Organisationen, ganz besonders des D.-J. G.-B. lind des Centralvereins, für dringend geboten. Durch Wanderversammluugen und Ausbau der Provinzialen und Bezirksorganisationen könnte das Interesse für dieselbeugeweckt und belebt, und könnten diese Verbände mehr als bisher aktionsfähig gemacht und zu gemeinsamem Vorgehen befähigt werden. Aus vorstehenden Gründen habe ich mich nicht entschließen können, uieine Zustimmung zu erklären. Sollte dennoch die geplante Organisation geschaffen werden, so werde ich mich allerdings wohl kaum ausschließen. Aber ein anderes ist es. zur Schaffung einer Sache, die ich nicht für zweckmäßig halte, mitzuwirken, ein anderes, das nun einmal Geschaffene zu fördern. Hochachtungsvoll Rabbiner Dr. Herrmanu Bogelsteiu. Unserer Meinung nach beruht das letztere Schreiben auf einer Reihe innerer Widersprüche. Der D.-J. G.-B. und der Centralverein sind ebenso „freiwillige" Organisationen, wie es der neue allgemeine Berband sein würde. In der That, wenn nicht ein neues Gesetz den Juden von Staats wegen eine Organisation auferlegt, werden alle unsere Bereinigungen freiwillige sein müssen. Der „Centralverein" kann aber die neugeplante freiwillige Gesammtorganisation nicht ersetzen, weil er weder von den gesetzlich bestehenden Gemeinden noch von deren Verbänden einen Auftrag erhalten hat: diesen soll eben die neue Gesammtorganisation bekommen. Der D.-J.G.-B. andererseits ist statntenlnäszig nur zur Förderung des inneren Gemeinde- und Kulturlebens der deutschen Israeliten bestimmt. Wenn eine beträchtliche Anzahl größerer Gemeinden auf den: im kommenden Februar stattfindenden deutsch-israelitischen Gemeindetage die Umgestaltung des D.-J. G.-B. zur leitenden Organisation auch für die äußeren Angelegenheiten des deutschen Judenthums fordert, wird sich schwerlich weder die Versammlung selber noch der Ausschuß einer solchen Aenderung entziehen können. Dann müßten die Gemeinden aber auch die Konsequenz ziehen, den D.-J. G.-B. mit ganz anderen Aktionsbezw. Geldmitteln anszurüsten, als dies bisher der Fall gewesen ist. Im grtzßeu Ganzen aber stehen wir dieser neuen Anregung sympathisch gegenüber und glauben wohl, daß diese auch in weiten Kreisen Anklang finden dürfte. Me Woche. Berlin, 12. November. Verurtheilung des Grafen Pückler-Kl.-Tschirne ist für uns das charakteristische Ereigniß der Woche, Es handelt sich dabei nicht um die Strafe, zu der der Gerichtshof den Dreschgrafen verurtheilt hat, sondern um die Feststellung der Thatsache, daß es doch auf die Dauer nicht angehe, die jüdischen Staatsbürger in Preußen in maßlosen Ausdrücken zu beschimpfen, um sich hinterher mit der Ausrede, mall habe die Sache nur bildlich gemeint, aus der Klemme zu helfen. Graf Pückler spricht in dieser Woche wieder in Berlin über „die Macht des Judenthums"; man darf gespannt daraus sein, ob er auch noch immer an seiner Bildersprache festhalten und die edlen Gesinnungsgenossen dazu auffordern wird, jeden Juden, der ihm begegnet, tüchtig „durchzudreschen", oder wie es in der Pücklersprache heißt, „durchzubimsen". Das Charak teristischste an der ganzen Sache ist das Benehmen dieser Leute den Gerichten gegenüber. Der Herr Graf selbst versäumt gewöhnlich zwei bis drei Termine, ohne sich auch nur zu entschuldigen. Kaum ist das Urtheil gegen ihn gesprochen, so verkündet sein Moniteur allen Gläubigen verheißungsvoll, daß der Herr Graf sich über den Gang der Verhandlung, über das Gericht und über den Staatsanwalt beschweren werde. Die Blätter seiner Partei aber glossiren das Urtheil in einer Weise deren Keckheit geradezu in Erstaunen setzen muß. Und diese Leute Predigen dann Achtung vor der Justiz — natürlich nur wenn sie ihnen Recht giebt. * Zu der kürzlich angeregten Frage einer Enquete über jüdische Schöffen und Geschworene erhalten wir vom Vorstande des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" das nachfolgende Schreiber:: Sehr geehrter Herr Redakteur! In der Nr. 43 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" vom 25. v. M. haben Sie an leitender Stelle einen Artikel „Jüdische Schöffen und Geschworene" veröffentlicht, in welchem es als Sache deö Centralvereins bezeichnet wird, sich dieser Angelegenheit anzunehmen und durch seine Vertrauensmänner seststellen zu lassen, ob Juden in der betreffenden Gegend zu den genormten Ehrenämtern herangezogen werden, und wie sich die Praxis ist dieser Hinsicht gestaltet hat. Wo sind dem Verfasser dieses Artikels sür den guten Willen und den Eist' dankbar, der sich in dieser Anregung kund giebt und sind ersreut übe; das Vertrauen, welches in uns gesetzt wird. Tatsächlich bearbeiten wir diese Angelegenheit bereits seit Jahren, und es füllt die hieran' bezügliche Korrespondenz mit zahlreichen deutschen Gemeinden bereite dicke Akteilstücke. Wir sind von den verschiedensten Seiten deshalb nin Rath angegangen worden und haben denselben stets mit möglichstem Berücksichtigung der lokalen Verhältnisse prompt und in zahlreichen Fällen erfolgreich geleistet. Jim einem ganz prägnanten Falle, in welchem unser Rath die Heranziehung mehrerer jüdischer Bürger der Stadt Eschwege zu den fraglichen Ehrenämtern bewirkte, ist die An gelegenheit in der Magdeburger „Israelitischen Wochenschrift" vom 7. Dezember 1894 veröffentlicht worden. Seitdem haben sich die Fälle vielfach wiederholt, und selbst in Dresden, wo gewiß am wenigsten