Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1901)
- Date
- 1901-11-08
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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2 arbeitet; wir betrauern aufrichtig ihren Heimgang und werden ihr Andenken stets in Ehren halten. Jede der Unterzeichneten nimmt Beiträge an Geld. Stoffen. Jngendschristeu oder dergleichen mit Dank entgegen und ertheilt gern nähere Auskunft. Berlin, im Oktober 1901. Das Komitee für Channkah-Bescheerung Frau Julie Neumann. Vorsitzende, Frau Marcus Adler, Frau Bernhard Behrens, Frau Max Benjamin, Frau Julius Boehm. Frau Geheime Sauitätsrath Flatow. Frau Dr. Frankl, Frau Leopold Friedmann. Frau Dr. Ginsberg. Frau Dr. Grabower, Frau Anna Jtzig, Frau Professor Dr. F. Liebermann, Frau Sanitätsrath Dr. Mühsam, Frau Louise Oliven, Frau Louis Oppenheim, Frau Helene Schönwald. Frau Emma Sieskind, Frau Sanitätsrath Dr. Stern. Frau Dr. Ungerleider. 2XD Berlin, 26. Oktober. Das in dem Israelitischen Lehrerinn enhe im in Steglitz bei Berlin, Albrechtstraße 41. eingerichtete Erholungsheim bietet Lehrerinnen und Erzieherinnen, welche ruhebedürftig sind, vorübergehend unentgeltlich angenehmen Anfenthalt^nit guter Verpflegung. Gesuche sind an den ersten Vorsitzenden Herrn Dr. Wiesenthal. Linkstraße 3, oder an die zweite Vorsitzende Pa ul ine Münchhausen. Großbeerenstraße 94, Berlin SW., zu richten. - Berlin, 31. Oktober. Ein Schöffe jüdischen Glaubens wurde gestern von einem Privatkläger als befangen abgelehnt. Privatkläger war Dr. Giese, Angeklagter der Redakteur der „Israelitischen Wochenschrift" M. A. Klausner. Die „Staatsbürger-Zeitung" hatte Erhebungen über den Ritualmord veranstaltet, und für das Bestehen eines solchen hatte sich auch der Privatkläger ausgesprochen. Der Verklagte hatte dagegen den Standpunkt vertreten, daß Diejenigen, die an einen solchen Mord glauben, „Verbrecher oder Narren" seien. Da vor Beginn der Verhandlung der Schöffe als befangen abgelehut wurde, wird das Landgericht sich erst hierüber zu äußern haben. Prerrzlan, 1. November. Wie ich Ihnen schon kurz mitgetheilt, starb hier am 25. v. M. Sanitätsrath Dr. Julius Grosser, der Herausgeber der „Deutschen Medizinal-Zeitung". nach längerer Krankheit. 1835 zu Freistadt in Schlesien geboren, gelangte Grosser 1859 in Berlin zur Promotion. Nachdem er im Jahre daraus die ärztliche Staatsprüfung abgelegt hatte, lieh er sich in Prenzlau als Arzt nieder. Eine Unterbrechung erfuhr sein dortiges Wirken während der Jahre 1970 und 1871. Grosser machte den deutsch-französischen Krieg mit und wurde während desselben durch das eiserne Kreuz ausgezeichnet. 1880 ries Grosser die „Deutsche Medizinal-Zeitung" ins Leben. Längere Zeit war er Mitglied der Aerztekammer für Berlin-Brandenburg. Ehre seinem Andenken! 8. Slltbernn O.-S., 27. Oktober. Am 20. d. M. fand hier die Einweihung eines erweiterten Friedhofes unter zahlreicher Betheiligung statt. Herr Angreß rezitirte ansgewählte Psalmen während eines dreimaligen Umzuges um die neue Gräberstätte. Darauf legte Herr Rabbiner Dr. Nordeu-Myslowitz die Bedeutung eines Friedhofes in ergreifender Rede dar. Indem uns der Friedhof die ungewisse Zeitdauer des menschlichen Lebens alle Zeit in Erinnerung bringe, ermahne er uns zum friedlichen Zusammenleben, damit uns nicht einst Reue am Grabe Derer, die wir gekränkt haben, ein „Zuspät" zuruse. Wenn uns der Friedhof durch seine Mahnung zu einträchtiger, gottgefälliger, nutzbringender Arbeit führe, so werde er für uns ein Haus des Lebens. Aber auch ein Haus der Ewigkeit könne die Stätte an der unsere irdischen Ueberreste der Vernichtung anheimfallen, für uns werden. Wenn unsere Gesinnungen und Thaten in unseren Kindern fortleben, wenn sich das Gemeindeleben durch seine Bemühungen ebenso gottgefällig und würdig gestaltet wie zu unseren und unserer Väter Zeiten, dann werden wir in ehrenvollem Andenken in der Gemeinde und außerhalb derselben fortleben, daun ist der Friedhof für uns ein Haus der Ewigkeit geworden. Nach der stimmungsvollen Predigt des gewandten Kanzelredners, welche die Anwesenden sichtlich gerührt hatte, gab Herr Angreß durch einen Lobgesang der erhebenden Feier einen würdigen Abschluß. Zu Wagen begaben sich die Festtheilnehmer nach Neuberun, wo bei geschmackvoll arrangirter Tafel die Einführung des neuen Jugendbildners stattfand. Nachdem Herr Vorsteher Salo Tiehauer die erschienenen Gäste im Namen der Gemeinde aufs Herzlichste begrüßt und das Kaiserhoch ausgebracht hatte, ergriff Herr- Rabbiner Dr. Norden das Wort zu einer längeren Ansprache. Von Herzen kommend, zu Herzen gehend, gab die Rede des Herrn Dr. Norden eine lebhafte Schilderung der verantwortungsvollen und vielseitigen Aufgabe eines Kultusbeamten. In Erwiderung darauf zeigte Herr Angreß, wie tief er den Beruf eines Lehrers erfaßt habe. Damit war der offizielle Akt geschlossen. I.. Hannover, 5. November. An, 25. v. M. verschied nach nur wenige Tage dauerndem Leiden vollkommen schmerzlos, in der Zeit, in der die Gemeinde in der Synagoge den Sabbath empfing, der I. Vorsteher, Herr Julius Kauffmanu. Der Heimgegangene ist 1830 in Schwerin geboren; in seinem 23. Lebensjahre, im Jahre 1852, siedelte er nach Hannover über und wurde Mitinhaber der Firma Simon May A Cie. Der reichbegabte und vielseitig gebildete Mann lenkte bald trotz seiner großen Bescheidenheit die Aufmerksamkeit aus sich, und als 1868 in der hiesigen Gemeinde ein Repräsentantenkollegium gebildt wurde, wählte die Gemeinde Julius Kauffmann in die Gemeindevertretung. 1878 wurde er Mitglied des Vorstandes, und 1889 bezeigte die Gemeinde ihrem bewährten und edlen Vertreter ihr Vertrauen dadurch, daß sie ihn zum I. Vorsteher wählte. Bis zu seinem Tode besaß er dieses Ehrenamt und arbeitete in vollständig geistiger Frische au dem Gemeindewohl. Auch politisch hat sich der Verstorbene hervorgethan, er war Mitbegründer der nationalliberalen Partei, war aber zu bescheiden, um Ehrungen zu suchen, er that alles für Andere, nichts jedoch, um seine Persorr mit Ruhm zu umgeben. Trotzdem kannte man Julius Kauffmann, und die Mitbürger wählten den trefflichen und rechtschaffenen Mann zum Handelsrichter; er war auch Vorstandsmitglied sämmtlicher Wohlthätigkeitsvereine unserer Gemeinde und Mitglied der Verwaltung des hiesigen jüdischen Lehrerseminars. Durch ein hochherziges Legat, das seinen Namen und den seiner ihn überlebenden Gemahlin trägt, hat er für die Schüler des Seminars Segen gestiftet. Um den Verstorbenen als Menscheu zu schildern, braucht man nur einen Theil einer Rede, die am Grabe gesprochen wurde, zu wiederholen: „Die Züge seines Wesens, sie ergeben sich alle aus dem einen Grundzug seines Charakters, der ihn uns als eines harmonisch in sich geschlossenen Menschen erscheinen läßt, aus seiner wahrhaften, innigen Herzenssrömmigkeit. Er trat nicht hervor mit seiner Religiosität, sein Grundsatz war: Recht thun und in Demuth wandeln vor Gott. Aber seine Religiosität trat hervor, sie prägte sich unwillkürlich aus und gab das Gepräge seiner Gesinnung, seinem Wort und seiner That. Temperamentvoll, war er doch bedächtig, weil er Selbstzucht übte, des eigenen Werthes sich bewußt, war er doch bescheiden und erkannte gern fremdes Verdienst an, vielseitig gebildet und voll Respekt vor der Wissenschaft und ihren Vertretern, gläubig, fromm und duldsam, ausgerüstet mit eigenen, gefesteten Ueberzeugungen und voll Achtung vor der ehrlichen Ueberzeugung des Nächsten, streng gegen sich, mild gegen Andere, weitblickend und darum vorsichtig, würdevoll und doch für Jedermann zugänglich, wahrhaft vornehm und dabei schlicht, reich an Erfahrung und klug durch Erfahrung, zuvorkommend und friedliebend, von nimmer müder Schaffenslust und vorbildlicher Pflichttreue, mäßig im Glück, ergeben im Leid — so steht er vor uns, ein frommer und ein weiser, ein weiser, weil ein frommer Manu". Den Beamten war er stets ein treuer Berather und ein wohlwollender Beurtheiler ihrer Leistungen. Man glaubte wieder, so ungefähr lauteten die Worte eines anderen Redners, in seiner Nähe an Menschen, das Unedle ließ er nicht an sich herantreten. Die Todesnachricht versetzte die ganze Gemeinde in Trauer, und eine große Menge begleitete den Heimgegangenen am Montag, den 28. Oktober auf seinem letzten Wege. Ein starkes Polizeiaufgebot mußte dafür sorgen, daß durch den imposanten Leichenzug keine Verkehrsstockungen eintraten. Im Trauerhause redete der Schwiegersohn des Verstorbenen, Herr Rabbiner Dr. Cäsar Seligmann-Hamburg. Aus den Worten, die der beredte Mund sprach, klang das tiefe Weh über den großen Verlust der Familie. Auf dem Friedhofe sprach zunächst Herr Landrabbiner Dr. Gronemanu. Seine Worte zeigten klar und deutlich den Verlust, den die Gemeinde erlitten hatte. Herr Seminardirektor Dr. Knoller sprach im Namen der Beamten und beklagte den edlen Menschen. Als treuer Freund war Herr Landrabbiner Dr. Prager- Kassel herbeigeeilt, um ergreifende Abschiedsworte dem Freunde nachzurufen. Der herrliche, von dem Syuagogenchor begleitete Gesang deS Herrn Oberkantor Linhardt trug vollends dazu bei, die Tranerfeier zn einer erhebenden zu gestalten. o. Aus der Provinz Hannover, im Oktober. Es dürste von Interesse sein zu erfahren, daß die königliche Regierung in