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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-08 · Heft 45 (8.11.1901) · p. Seite 540

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 45 (8.11.1901)
Date
1901-11-08
Page
Seite 540 (sequence 14)
Language
German
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540 Wahrscheinlich war die Hatz heute nicht der erste Versuch dieser Art. Davidsohn mochte gewußt haben, was ihm bevorstand »nd eilte nur darum so hastig vorüber. Bei der Rückkehr aber — „Stimmt, stimmt," fiel der Doktor dröhnend ein. „Bei der Kanaille, dem Müller, ist es gewesen." „Ist das sicher?" fragte die Mutter. „So sicher, Mama, als wie ich mrwenli Atmori^ Dein Einziger bin. Der Müller ivar's. Den Kerl bring ich zur Anzeige." „Du willst ihn zur Anzeige bringen?" fragte Anna erregt. „Aber natürlich. Ihn etwa laufen lassen, das wäre noch schöner." Mar wunderte sich, daß das kaum 'zwanzigjährige junge Mädchen in einem solchen Tone mit ihrem zweinnddreißigjährigen Bruder sprach. Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte er diesem seltsamen Dialog. „Aber was willst Du, Annchen," sagte der Doktor jetzt etwas unsicher. „Nicht ich bin es, der die Sache an die große Glocke hängt. Das ist sie schon, Kind. Die Nachbarn sahen diese Rohheit und waren wüthend, trotzdem sie Germanen sind. Sie verlangen, ich soll anzeigen, oder sie thun es selbst." „Um Gottes willen nicht," rief Anna fast schreiend. „Nein, in keinem Fall. Höre, begütige diese Leute, gleiche alles aus. Meinetwegen behandle den Bengel umsonst. Nur keine Anzeige, keine Anzeige." „Was hast Du. Anna?" fragte die Mutter erstaunt. „Ach Mama, Du siehst auch gar nichts. Dieser Müller würde Hetzen. Und wozu das alles? Was geht uns dieser kleine Polnische Judenjunge an, dieser unbescheidene Bengel." „Entschuldigen Sie," unterbrach Map, „der Name Davidsohn läßt entschieden nicht auf polnischen Ursprung schließen. Auch kam mir der kleine Knabe gar nicht unbescheiden vor, im Gegentheil, entsetzlich verschüchtert." Das junge Mädchen warf einen zornfunkelnden Blick zu Max hinüber und kehrte sich daun wieder ihrem Bruder zu. „Du darfst nicht, Adolf. Ich weiß, auch für Georg wäre diese Sache entsetzlich Peinlich." Georg war ihr Verlobter, und es schien, als ob dieses Argument auf den Doktor einen besonderen Eindruck machte. Er schwankte offenbar und wandte sich Plötzlich direkt an Mar: „Was soll ich thun?" Mar erwiderte, daß er es als eine Rücksichtslosigkeit betrachten würde, sich irr einen Familienstreit hineinzumischen. Er müßte es ablehnen, über diesen traurigen Fall seine Meinung zu äußern. Dann stand er auf, um sich zu verabschieden. Er fühlte sich todmüde und erschlafft an allen Gliedern, als hätte er eben erst eine gluthheiße Sommerreise in einer überfüllten Eisenbahn zurückgelegt. Er mußte sich zusammennehmen, um nicht zu fallen und zu taumeln und merkte kaum, wie der Doktor, der ihm bis zur Ausgangsthür das Geleite gab, sich mit einem kräftigen Händedruck von ihm verabschiedete. Erst ans der Straße brachte ihn das Geläute und Gerassel der Pferdebahnen, das Drängen und Stoßen der Spaziergänger wieder zur Besinnung. Er ging weiter und durchdachte das eben Erlebte. „Du schwärmtest, guter Philipp. Die ist keine zweite Mirjam." Fitterarrfche Mittheilnngen. — Lion Wolfs: Lehrbuch der Schechitah und Bedikah in fünf Theilen. Leipzig 1901. M. W. Kaufmann. Das hier angezeigte Werk ist nicht etwa ein gewöhnliches Lehrbuch der Schechitah und Bedikah. sondern es ist sowohl für den Lehrenden wie für den Lernenden, für den Anfänger wie für den praktischen Schochet bestimmt. Das Buch enthält in seinem 1. und II. Theil den gesummten Lehrstoff zum ersten Male systematisch dargestellt, so daß auch der Laie sich dar,ach ausbilden kann. Es kann nicht geleugnet werden, daß ein Vedürfniß für eine zeitgemäße, d. h. für eine Bearbeitung nach didaktischen Gesetzen vorhanden. und daß diese Forderung erfüllt ist, dafür spricht der Name des Verfassers, der schon manches nützliche Handbuch für seine Amtsgenossen geschrieben hat. Der 111. Theil enthält ein ausführliches Repetitorium, d. h. Wiederholungsfragen für den Lehrenden und den Memorirstoff für eine Wiederholungsprüfung. Sehr wichtig, weil durchaus aktuell, ist der IV. Theil: „Die Schechita vom Standpunkt der Wissenschaft." Hier giebt der Verfasser ein vollständiges Material um alle Angriffe auf das Schächten mit den Waffen der Wissenschaft erfolgreich zu bekämpfen. Es sind alle Anzeichen vorhanden, daß der Kampf gegen das Schächten bald allgemein entbrennen wird, und Ausgabe der Kultusbeamten, selbst in der kleinsten Gemeinde, muß es sein, diesen Kampf aufzuuehmen und alle bekannten Verdächtigungen an der Hand dieses Buches zu widerlegen. Schon ans diesem Grunde dürfte es geboten sein, das vorliegende Werk entweder für seine eigene Bibliothek oder auf Kosten der Gemeinde anzuschaffen. Der V. Theil enthält einen Leitfaden für die Laien- Fleischbeschau und soll dem Schochet Anleitung geben, sich mindestens die Kenntnisse eines Fleischbeschauers anzneignen. soweit die von ihm geschachteten Thiere in Frage kommen. Sprechfaul. Sehr geehrte Redaktion! /^estattell Sie mir. Ihnen einige Berichtigungen zu dem Aufsatze über meinen seligen Vater mitzutheilen. Mein seliger Vater wurde, unserer Familientradition nach, hier am 15. März 1800 geboren, und dies Datum steht auch aus dem Grabstein. So wurde denn seiner im vorigen Jahre hier in sehr freundlicher, eingehender Würdigung voll unseren Rabbinern Dr. Vogelstein und Dr. Perles in der Synagoge und in einer Sitzung unseres Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur gedacht. — Sein Hauptwerk, das Mosaische Recht, ist keine Neubearbeitung von Michaelis, sondern ein durchaus selbständiges Werk, wie jeder Fachkundige durch deu Vergleich wird konstatiren können. In der ersten Hälfte der fünfziger Jahre, wenn ich nicht irre Dezember 1853, wurde meinem Vater der Charakter als Professor verliehen, und so durfte er sich auf dem Titel der 1855 erschienenen „Archäologie der Hebräer" auch als Professor der Archäologie bezeichnen. — Was mich selbst betrifft, so haben Sie mich weit überschätzt, ich thue nach Kräften meine Pflicht, halte meine Vorlesungen und veröffentliche manches in den mathematischen Zeitschriften, aber mit Gelehrten wie Kronecker und anderen voll Ihnen genannten Männern, denen noch Hnrwitz-Zürich zuzusügen wäre, kann ich mich nicht messen. Nur daß ich noch, was den inneren Kern des Judenthums anbetrifft, mit Leib und Seele Jude bin, acceptire ich von ganzem Herzen. Königsberg. 21. Oktober. Ihr hochachtungsvoll ergebener Professor Dr. L. Saal schütz. 4 Wohllöbliche Redaktion! „Allgemeine Zeitung des Judenthums" Nr. 44 brachte in „Nah und Fern" unter anderem die Notiz, daß der Landrichter Dr. Ladenbnrg in Riva von einem Irrsinnigen ermordet wurde. E^ war keill Irrsinniger, sondern ein schon mehrfach bestrafter durch triebener Verbrecher, der hier in Vlotho als Bäckergeselle in Arbeit gestanden und unter Mitnahme von 800 Mark vor ca. vier Wochen heimlich seine Arbeitsstelle verlassen hat. Vlotho a. d. Weser. 31. Oktober. I. Gutmann. Lehrer a. D. Druck und Verlag von Rudolf Mossein Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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