Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1901)
- Date
- 1901-11-08
- Page
- Seite 539 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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5SS „Kennen Sie den Schriftsteller Philipp Schwarz, Fräulein Anna?" Sie sah ihn fragend an. „Einen Schriftsteller Schwarz? — Nein." „Doch, Fräulein. Er ist ein flotter, junger Mann; dicker, blonder Schnurrbart, Pincenez. Und schwärmerisch, ganz un» geheuer. Von Ihnen, Fräulein Anna, erzählte er einfach Wunderdinge. Er machte mich neugierig, und kurz und gut, ich besann mich, daß ich noch einen Besuch schuldig wäre." „Aber Max," lachte Frau Gerber. „So was sagt man Einem doch nickt offen ins Gesicht." Anna aber starrte vor sich hin, und oberhalb der Nasenwurzel legte sich ihr eine kleine, nachdenkliche Falte. „Schriftsteller Schwarz. Blond, nicht wahr? Großer, hübscher Mensch." „Sie kennen ihn ja," rief Max. „Er ist bei Frau Felber in Pension." „Na also, Fräulein Anna." „Ich kenne ihn, das ist wahr. Ich traf ihn in einer Gesellschaft. Sie haben Recht, Herr Jacoby. Ihr Freund ist ungeheuer schwärmerisch." „Ich muß sagen nein. Besonders nicht, wenn dieser Schwärmer mich andichtet und es über sich gewinnt, mir seine Verse unter Kreuzband zuzusenden." „Also Dieser ist's," rief Frau Gerber verwundert. „Genießen Sie die Poesie Ihres Freundes," sagte Anna mit erregter, leis zitternder Stimme und schob ihm über den Tisch weg einen bedruckten Bogen Papier zu, den Max bis dahin für ein einfaches Zeitungsblatt gehalten hatte. Jetzt erkannte er, daß er die einzelne Nummer einer sehr renommirten litterarischen Zeitschrift vor sich hatte. Das Gedicht fand er sofort, da es mit Blaustift dick angestrichen war. Er las es, und weil er nichts darin fand, was ihm ausfiel, so warf er dem jungen Mädchen einen erstaunten, fragenden Blick zu. „Die Ueberschrift, Herr Jacoby, die Ueberschrift," rief Anna. Ihre Lippen zitterte»! und ihre Augen blitzten. Die Ueberschrift lautete: „An die zweite Mirjam," und nunmehr verstand Max freilich alles. „Woher wissen Sie," fragte er, „daß dieses Gedicht an Sie gerichtet ist?" „Wozu sonst hätte er es mir geschickt? Auch machte er mir in seiner Dichterextase schon während des Tanzes ein ganz ähnliches Kompliment." Darin hatte sie nun freilich Recht, und auch Max entsann sich ähnlicher Ausdrücke, die Philipp Schwarz ihm gegenüber über Fräulein Gerber gebrauchte. Nicht nur von der „zweiten Mirjam" sprach der Freund, sondern daneben noch von „vollblütiger Rassenschönheit," von der „Rose von Saron", von „Reinkultur des Judenthums". Dem jungen Mann stieg der Angstschweiß auf die Stirn. Er kannte ja diesen Philipp Schwarz, der jedem seiner Gedanken sofort die glühendsten Worte lieh, besonders wenn er den Wein in allen Adern fühlte und seine leicht entzündliche Phantasie sich an Festesglanz und Frauenschönheit bis zur Besinnungslosigkeit berauschte. Was mochte er wohl alles diesen» jungen Mädchen gesagt haben, welches aufzuckte und sich krümmte, wenn es an seine jüdische Abkunst erinnert wurde. Max war außer sich über seine Ungeschicklichkeit. Da er seinen Freund kannte, so hätte er doch ahnen müssen, daß hier nicht alles in Ordnung wäre, und daß er einen sehrheiklen Punkt berührte. Und dabei hatte er das Gespräch gerade ablenken wollen — o Pech, o Schwefel! Noch aber machte er einen letzten, verzweifelten Rettungsversuch, dessen Lächerlichkeit er selbst an» besten fühlte. „Das klingt doch orientalisch. Sie wissen ja, Fräulein Anna, seit dem West-östlichen Divan schwärmen die Dichter für den Orient." „Dann hätte er mich Suleika nennen sollen,"^, erwiderte sie gereizt. Max blickte auf die alte Frau Gerber, welche lächelte und mit den Achseln zuckte. Sie war offenbar an solche Szenen längst gewöhnt- Wagengerassel und Pferdegewieher schlug zum Balkon empor. „Das ist Adolf," sagte Frau Gerber und erhob sich, un» eiligst hinauszugehen. Anna trat an das Balkongitter^ und beugte sich grüßend hinüber, während Max in der litterarischeu Zeitschrift ein wenig zu blättern begann. Aber eine kräftige Baßstimme unterbrach ihn bald in seiner Lektüre. „Da ist er ja. der gelungene Kerl. Immer noch alte Streiche, ehrwürdiger Max. Regelmäßige Visiten giebt es »»icht — was?" Max stand auf und reichte dem Doktor Adolf Gerber die Hand, die dieser kräftig schüttelte. „Laß das," sagte Max und schaute zu dem hochgewachsenen, breitschulterigen Mann empor, „laß, Du zerquetschest mir die Hand." „Das schadet nichts; Strafe muß sein," lachte der Doktor, der sich über den semmelblonden Vollbart strich, und stierte mit blauen Augen wie grimmig auf Max. Sein Helles Haar und seine lichte Gesichtsfarbe unterschieden ihn auffallend von seiner Schwester, mit der er nur die gebogene semitische Nase gemeinsam hatte. „Du bliebst sehr lange weg, Adolf," sagte die Mutter. Der Doktor hatte sich inzwischen breitspurig ans einen Stuhl gesetzt. „Ei freilich. Schon vor einer Stunde hätte ich hier sein können. Aber eine Gemeinheit kam mir dazwischen, Mama, eine Gemeinheit." Und in plötzlicher Erregung schlug er mit seiner breiten Hand wuchtig aus die Tischplatte. „Mama, man hat einen Hund auf einen kleinen Judenjungen gehetzt. Die Wunde ist greulich, und gebrüllt hat er wie ein Stier, der arme Kerl, als ich verband." „Auf einen Judenjungen einen Hund?" fragte Frau Gerber, die sehr bleich geworden war. „Giebt es hier welche? Ich meine Judenjungen. Seit wann?" fragte Fräulein Anna. „Ich weiß nicht. Seit ein Paar Monaten oder Wochen. Die Sache ist erstaunlich, denn es ist ein alter Bekannter aus unser»»» Nest." „Ich weiß, ich traf ihn heute," sagte Max. „Der Kaufmann Davidsohn — nicht wahr?" Und er erzählte seine Begegnung mit dem alten Bekannten in der Nähe des Bahnhofs; »vie ängstlich Davidsohn gewesen war, als hinter dem Gartengitter der Köter so furchtbar bellte.