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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-08 · Heft 45 (8.11.1901) · p. Seite 538

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 45 (8.11.1901)
Date
1901-11-08
Page
Seite 538 (sequence 12)
Language
German
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538 aber wie Wasser dasRecht hervor und dieGerechtigkeit wre ein unversieglicher Bach. (Ainos 5, 21-24.) Also Amos! Und wenn wir das Buch des Propheten Jesaia ansschlagen, was lesen wir da gleich im ersten Kapitel: »Wozu soll mir die Menge eurer Schlachtopfer, spricht der Herr.. . . Bringt nicht mehr unnütze Gaben dar — ein gräulicher Brand sind sie mir! Neumonde und Sabbathe, religiöse Versammlungen berufen — ich halte es nicht aus: Unrecht neben der Festfeier! Eure Neumonde und Feste mag ich nicht; sie sind mir zur Last geworden, ich biwsmüde, sie zu ertragen. Und wenn ihr eure Hände ausbreitet, so verhülle ich meine Augen vor euch und wenn ihr noch so viel betet, so höre ich euch nicht. Eure Hände sind voll Blut! Waschet euch, reinigt euch! Schafft mir eure bösen Thaten aus den Augen! Höret auf, Böses zu üben! Lernet Gutes thun! Trachtet nach Recht! Tretet den Gewaltthätigen entgegen! Schaffet Recht den Verwaisten, führet die Sache der Wittwen!" (Jesaia 1, 11-17.) So und ähnlich lassen alle grasten Propheten ihre Stimme vernehmen. Sie Alle sagen es klar und deutlich: willst du Gott wahrhaft verehren, so übe allererst Gerechtigkeit und Liebe! Willst du in den Augen Gottes Wohlgefallen finden, so führe allererst ein reines, sittlich geweihtes Leben! Nirgends in der Welt ist dies mit derselben Deutlichkeit, nirgends mit derselben Konsequenz und Festigkeit verkündet worden wie in Israel. Nirgends aber auch — und das ist wahrlich nicht minder wichtig — nirgends in der Geschichte des menschlichen Geistes ist eine neueLehre mit einer so hinreißenden Gewalt, mit einer so ungeheuren sittlichen Kraft in die Erscheinung getreten wie diese Lehre in den Tagen der israelitischen Propheten. All die Macht der Beredtsamkeit, die die letzteren aufwendeteu, war kein Produkt einer fein ausgebildeten, hochentwickelten rhetorischen Kunst, kein Resultat von Erwägungen, welche die Wirkungen aus die Menschenseele mit psychologischein Scharfblick im Voraus zu berechnen suchen, sie entstammte vielmehr dem Gottesgeiste selbst, der die Herzen der Propheten tief im Innersten erglühen ließ und mit elementarer Gewalt in Strömen feuriger Rede sich über ihre Lippen ergoß. Sie waren so ganz erfüllt und beherrscht von dem, was sie kündeten, daß sie keinen Widerstand und keine Gefahr fürchteten. Im Bewußtsein ihrer göttlichen, weltgeschichtlichen Sendung fühlten sie sich stark genug, sich gegen Fürsten und Könige, Priester und Volk zu behaupten und trotz aller Anfeindungen, trotz Spott und Verfolgung fest und muthig zu bleiben. Hören wir, wie der Eottesgeist, aus dem das tiefste Empfinden und das große, leidenschaftliche Wollen der Prophetenseele aussteigt, hören wir, wie der Gottesgeist den Propheten Jeremia mit Kraft und Muth rüstet! Er spricht zu ihm: „Du aber gürte deine Lenden, mache dich auf und sprich zu ihnen alles, was ich dir auftragen werde! Erschrick nicht vor ihnen, auf daß ich dich nicht vor ihnen in Schreckerr setze! Mache doch ich dich heute zu einer festen Burg, zu einer e ifernen S äule, zu einer eherneu Ringmauer gegenüber (.dem ganzen Lande, den Königen Judas, seinen obersten Beamten, seinen Priestern und dem Volke des Landes — und wenn sie wider dich ankämpsen, so werden sie doch nichts wider dich vermögen, denn ich bin mit dir, dich zu erretten, ist der Spruch des Herrn." «17-10.) Wir können uns nicht versagen, noch eine andere Stelle aus dem Buche des Propheten Jeremia zu verlesen. Dieser Prophet hatte im Dienste der Wahrheit am meisten, er hatte unsäglich zu leiden. Wohl erfaßte ihn da in manchen Augenblicken die Verzweiflung. Aber immer wieder riß es ihn mit uubezwinglicher, ungestümer Geivalt empor, weil der Eifer für die sittliche Wahrheit ihm keine Ruhe ließ, und er tröstete sich dann mit dem Schutze des großen, gerechten Gottes, dem er diente. »Du hast mich überredet, Herr," so spricht er zu Gott, „du hast mich überredet, und ich ließ mich überreden, du hast mich erfaßt und überwältigt: zum Hohn bin ich geworden allezeit, — alles spottet mein. Ja, so oft ich rede, muß ich aufschreien, über Unbill und Vergewaltigung klagen, denn das Wort des. Herrn ist mir zum Schimpf und Spott geworden. Tag für Tag. Wohl dachte ich manchmal: ich will Gottes nicht mehr gedenken und nicht mehr iu seinem Namen reden? Da ward es ijnmeinem Innern wie loderndes Feuer, das verhalten war in meinem Gebein. Ich mühte mich ab, es auszuhalten, aber ich vermochte es nicht. Ja, gehört habe ich die feindselige Rede vieler — Grauen ringsum! — Zeigt ihn an! Wir wollen ihn anzeigen! ... AberderHerrist mit mir wie ein gew altiger Held, darum werden meine Verfolger straucheln und nichts ausrichten... Singet dem Herrn, preiset den Herrn, denn er errettet das Leben des Gequälten aus der Hand der Uebelthäter." (2V, 7 —13.) (Forts, solgt.) Are Mette Mirjam. Von S. Lublinski. III. ^^UN wollte Frau Gerber dem Gespräch eine andere Wendüng geben. Sie begann zu erzählen, wie schön und behaglich doch auch die Gegenwart wäre, trotz aller Sehnsucht nach längst vergangenen Tagen. Ihr Sohn war geachtet und als Arzt allgemein beliebt; ein Stammgast beinahe im Offizierskasino. Die gesellschaftliche Stellung der Familie hätte sich zu einem Niveau emporgehoben, welches gegenüber früheren Verhältnissen geradezu ein soziales Avancement bedeutete. Auch bliebe man hier im lustigen Vorort von allen Unbilden der Großstadt so ziemlich verschont, ohne ihre Genüsse im Mindesten zu entbehren. „Kurz," schloß Frau Gerber, „Grund zur Unzufriedenheit haben wir keinen." Max fragte, wie es zur Zeit der Hochfluth des Antisemitismus geivesen wäre, ob sich damals eine gesellschaftliche Mißstimmung oder sonstwie Feindseligkeiten bemerkbar machten. „Gar nichts," unterbrach ihn Anna sehr lebhaft. „Das ist auch natürlich. Hier sind ja keine Polnischen, und man macht uns nicht verantwortlich für die." Nun erkannte Max, daß er in seinem Gespräch alles Jüdische sorgsam vermeiden müsse. Er versuchte also, das Schifflein seiner Unterhaltung in ein Fahrwasser zu steuern, welches dein Fräulein möglichst angenehm wäre.

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