Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1901)
- Date
- 1901-11-08
- Page
- Seite 537 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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537 Aus einem ganz anderen, völlig verschiedenen Wege aber ist der Mensch zur Religion gelangt. Ihr Ursprung ist vor allem in der Thatsache zu suchen, daß das dem Menschen natürliche Verlangen nach Glück nie ganz befriedigt wird. Von allen Seiten schränken den Menschen zahllose Hindernisse ein und versagen dem Willen die Befriedigung, auf die er von Natur gerichtet ist. Die Krankheit, welche Schmerzen erzeugt und den freien Gebrauch der Kräfte hindert, der Tod, den der vom Selbsterhaltungstriebe beseelte Mensch nothwendig fürchtet, die zerstörenden Naturgewalten, die in seinem Besitzthum die schlimmsten Verheerungen anrichten, sie alle wirken der Befriedigung des Willens, dem Verlangen nach Glück in tausend Formen entgegen. Leben und Gesundheit unserer Lieben sind nicht in unserer Hand. Allerlei Schickungen kommen dem Menschen ohne, ja gegen seinen Willen. Wir müssen für die Zukunft arbeiten, Pläne entwerfen, aber die Zukunft ist uns verschlossen, unvorhergesehene, unglückliche Umstände durchkreuzen unsere Pläne. Ja, wer das Leben im Ganzen überblickt, kommt leicht zu der Ueberzeugung, daß er sein Leben zum wenigsten selbst gestaltet, die Fäden seiner Schicksale zum geringsten Theil selbst in der Hand gehabt hat. So vereinigt sich alles, das Bewußtsein der Abhängigkeit von höheren Mächten im Menschen zu wecken und zu erhalten, selbst einen eisernen Willen im Gesühl dieser Abhängigkeit zu beugen. Aber dieses Gefühl der Abhängigkeit ist nicht etwa das ganze Wesen der Religion, sondern nur der Ausgangspunkt für ihre Entsaltnng. Der Mensch kann sich bei diesem Gesühl der Abhängigkeit unmöglich beruhigen, weil er seinem innersten Wesen nach auf die Befriedigung seiner Triebe und Wünsche gerichtet ist. Er muß suchen, auf irgend eine Weise sich über die ihm gezogenen Schranken zu erheben. Dies thut er zunächst in höchst kindlicher Weise und in dem naiven Glauben, daß er die seinem Willen widerstrebenden Mächte unschädlich oder gar seinem Willen dienstbar machen könne — »venu er es nur richtig anfange. Man müsse den übersinnlichen Mächten durch allerlei Künste beizukommen suchen und die dem Menschen sonst verschlossene Zukunft durch die rechten Mittel zu erforschen trachten.- Daraus ergeben sich all die mannigfachen Formen der Zauberei und die geheimnißvolle Kunst der Wahrsagung die Magie und die Mantik. Welche ungeheure Rolle diese Dinge in der Vergangenheit des Menschen gespielt haben und wie tief ihre Wurzeln im Menschen liegen, darüber belehren uns die Religionen der sogenannten Naturvölker, belehren uns die geschichtlichen Nachrichten über manche Kulturreligionen des Alterthums, wie die ägyptische und babylonische, die vom Zauberweseu ganz erfüllt sind, belehrt uns endlich die Thatsache, das der Glaube au Zauberei und Wahrsagung noch mitten unter uns, mitten in der modernen Kulturmenschheit, in hohem Grade lebendig ist. Wir erinnern nur an das Hufeiseil, die Zahl 13, das Kartenlegen, das Hochzeitfeiern am Dienstag, kurz an all die Dinge, die wir in dem Worte Aberglaube zusammeiizufassen pflegen. Soweit Zauberei und Wahrsagung noch unter uns geübt werden, stehen sie freilich in keinem wesentlichen Zusammenhang mit der offiziell herrschenden Religion; sie sind vielmehr, wenn auch nicht der Form, so doch dem Geiste nach, Ueberreste einer weit zurückliegenden Entwickelnngsperiode des menschlichen Geistes, die ihr Dasein halb im Verborgenen fortfristen. In jener früheren Entwickelungs- Periode aber stellen sie sich als ein sehr wesentlicher Bestandtheil des religiösen Lebens dar, ja sie bilden im Grunde den Kern der Religion. Daß auf diesem primitiven Standpunkt das Verhältniß zwischen dem Menschen und den übersinnlichen Mächten noch kein besonders freundliches ist, können wir uns lebhaft vorstellen. Die übersinnlichen Mächte sind überwiegend böse Geister, Dämonen. Diese haben die Gewalt in ihren Händen, aber der Mensch kann zur Ueberwiuduug derselben geheimnißvolle Mittel anwenden. Auf einer höheren Stufe, auf der der Mensch, besonders infolge der beginnenden Bodenkultur, auch den wohlthätigen Einfluß der übersinnlichen Mächte immer deutlicher erkennt, auf dieser höheren Stufe mildert sich die Vorstellung von den überirdischen Wesen. Die freundlichen Götter treten jetzt in den Vordergrund. Es erscheint nun weder nöthig noch möglich, die himmlischen Mächte unter den menschlichen Willen zu zwingen. Es handelt sich vielmehr darum, die Gunst dieser Mächtigen zu gewinnen. Der Mensch muß den Göttern Gaben, Opfer darbringen, er muß ihnen als de» Herren der Welt huldigen, ihnen Tempel, Verehrungsstätten bauen, sie in Hymnen preisen, ihnen Feste feiern, mit einem Worte, er muß ihnen kultische Verehrung widmen. Auf dieser zweiten Stufe verharren im Wesentlichen alle Kulturreligionen des Alterthnms. Doch stellt man in den meisten derselben im Namen der Götter neben den kultischen auch schon sittliche Forderungen auf, die, wie wir gesehen haben, von Hause aus auf einem ganz anderen Boden gewachsen sind. Dies ist z. B. der Fall in der Religion des Confucius, des Laotse, in den höheren Formen der indischen Religion, in der Religion der Ormuzdanbeter. Nirgends aber, selbst in dem religiös und sittlich so hoch begabten Volk der Inder, nirgends kommt es zu der klaren und unerschütterlich sicheren Erkenntnis;, daß das, was die Gottheit eigentlich verlangt, ganz und gar nichts anderes sei als die Erfüllung aller sittlichen Forderungen. Nur in einem kleinen Lande der großen, weiten Welt reift diese erhabene Erkenntniß, nur in einem Volke werden Religion und Moral in konsequenter und ewig gültiger Weise miteinander verknüpft. Dieses Land ist Palästina, dieses Volk ist Israel. Die religiösen Genies, denen diese Erkenntniß mit ihrer so unberechenbaren Tragweite zu Theil geworden, sind unsere großen Propheten. Religiöse Genies haben wir sie eben genannt; mit noch höherem Rechte hätten wir sie als Männer von einer unerhörten moralischen Genialität bezeichnen können. In ihnen traf eine wunderbare Tiefe des religiösen Bewußtseins mit einer wahrhaft unbezwinglichen Gewalt des sittlichen Wollens zusammen. Sie haben der Welt nicht nur den beseligenden Gedanken Glauben an den Gott der Liebe gegeben, nicht nur den Glauben an eine nach weisem, gütigem Plane die Geschichte der Menschheit leitende Vorsehung, sondern sie haben es auch laut und vernehmlich gekündet, daß dieser eine Gott sittlichen Gehorsam verlangt, und nicht Opfer, Liebe und Gerechtigkeit und nicht kultische Feier. Amos, der Prophet aus Tekoa, spricht: „Ich hasse, verschmähe eure Feste und kümmere mich um eure Feiern nicht; bringt ihr mir Brandopfer dar, so nehme ich sie nicht gnädig auf, und eure Speiseopfer mag ich nicht, und euren Dank an Mastkälbern sehe ich nicht an. Fort von mir mit dem Lärm eurer Lieder, euer Harfenspiel will ich nicht hören! Es quelle