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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-08 · Heft 45 (8.11.1901) · p. Seite 536

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 45 (8.11.1901)
Date
1901-11-08
Page
Seite 536 (sequence 10)
Language
German
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536 zurufen. Dieses entschied zu Gunsten de Azevedas und erklärte, daß das einmal ertheilte Rabbinatsdiplom nie wieder zurückgenonunen werden könne. Isaak Nieto, der die Festgebete und zwei Jahre vor seinem Tode auch die tägliche,« Gebete in vortrefflicher Weise ins Spanische übersetzte, beschloß sein keineswegs glückliches Leben am 26. Januar 1773; sein von ihm angefeindeter Schüler und Nachfolger folgte ihm am 23. September 1784 in das Reich des Friedens. Mit der Zeit hatten sich die Zustände in der Gemeinde wesentlich verändert. Der Zuzug von Marraneu aus Spanien und Portugal hörte ällmälig auf, hingegen erhielt die Gemeinde neue Mitglieder aus Italien und der Levante, welche mit neuen Anschauungen und neuen Ansprüchen auftraten. Die verbesserte politische Lage der Juden und das soziale Leben hatten das religiöse Interesse mehr in den Hintergrund gedrängt. Es kam zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts so weit, daß Männer von Ansehen und Einfluß sich schwer entschlossen, die Stelle eines Präsidenten oder Parneß anzunehmen. Isaak Disraeli schied lieber aus der Gemeinde, als daß er sich zwingen ließ, Mitglied des Vorstandes zu werden. Benjamin Disraeli, Isaaks Vater, ist der letzte dieser Familie, der auf dem jüdischen Friedhof begraben wurde. Von den geistlichen Führern der Gemeinde in den letzten hundert Jahren sind die bekanntesten der 1805 berufene Chacham Raphael Meldola, der Verfasser des 1797 - nicht 1754 — in Livorno, seiner Geburtsstadt, erschienenen Schriftchens „Chupath Chatanim", der am 10. Juni 1812 Moses Montefiore, die Zierde seiner Gemeinde, mit Judith, der Tochter des Levi Bernat Cohen, traute. Ihm folgte sein Sohn David Meldola, dessen Schwiegersohn, der talentvolle Chasan David de Sola, die erste englische Predigt in der Synagoge hielt, überhaupt eine reiche litterarische Thätigkeit entfaltete, auch die alten sephardischen Melodien sammelte. Wir schweigen von anderen litterarisch wirkende» Männern und Frauen, welche wie die Lindos, Mocattas dieser Gemeinde angehörten, von der Entstehung der Reformgemeinde trotz des Widerspruchs Sir Moses Montefiores u. a. m. Der aus Neapel irn Jahre 1866 berufene Chacham Benjamin Artom, der im Rufe eines gnteu Predigers stand, starb in der Blüthe der Jahre. Der gegenwärtige Chacham ist, wie bereits erwähnt, der gelehrte Dr. M. Gaster, der sich durch die am Eingänge genannte Schrift ein bleibendes Verdienst um seine Gemeinde erworben hat. Möge er sein Vorhaben, die Geschichte der Sephardim in England zu bearbeiten, recht bald ausführen. Keiner ist dazu berufener als er. Die Sittenlehrr des Iudenthmns. Vo» Dr. M. Joseph. l. (V^/V^an wird uns wohl kaum den Vorwurf der Uebertreibung machen, wenn wir behaupten, uns Juden komme es nur selten zum Bewußtsein, daß das Judenthum auch ans dem Gebiete der Sittenlehre eine hervorragende Stellung einnehme. Die nuterscheideuden Merkmale des jüdischen Glaubens, zumal dem Christenthum gegenüber, sind nns Allen geläufig, und wir hegen die Ueberzeugung, daß unser Glaube sich in seiner schlichten Erhabenheit mit den Forderungen her Vernunft und des Gemüthes am meisten im Einklang befinde. Auf dem Gebiete der Moral aber meinen wir, wenigstens in allen wesentlichen Punkten, eine völlige Uebereinstimmung mit der allgemein verbreiteten ethischen Auffassung wahrnehmen zu können. Und in der That spricht sehr viel für diese Meinung, wenn wir nur an unsere unmittelbare Umgebung und an das mehr welt- und kultnrfrendige Christenthum der Neuzeit denken, wie dieses besonders im Protestantismus seinen Ausdruck gefunden hat. Denn wie im Jndenthum, so predigt man auch dort das Gebot der allumfassenden Nächstenliebe, wie im Judenthum, so preist man auch dort die Arbeit, besonders die Kulturarbeit, und wie im Judenthum, so wird auch dort der mäßige, reine Lebensgenuß, verbunden mit Sittenstrenge und Selbstbeherrschung, empfohlen oder doch als zulässig erklärt. Allein, wie wir soeben betont haben, nur für unsere Umgebung und für die neuere Zeit scheinen die in Wirklichkeit bestehenden Unterschiede ziemlich ganz zu verschwinden. Wenn wir unseren Blick jedoch räumlich und zeitlich in weitere Fernen schweifen lassen, wenn wir ihn zumal rückwärts in die Geschichte des menschlichen Geistes richten, dann werden diese Unterschiede in ihrer ganzen Deutlichkeit hervortreten. Vor allem aber werden uns dann die großen Verdienste des Judenthums um die Sittenlehre in ihrem ganzen Umfang einlenchten Wenn wir daher von der jüdischen Sittenlehre zu handeln be absichtigen, daun wird es unsere nächste und wichtigste Auf gäbe sein, die kulturgeschichtliche Stellung, die der jüdischen Ethik in der Geschichte des menschlichen Geistes znkommt, allseitig ins Auge zu fassen und näher zu bestimmen. Die kulturgeschichtliche Stellung der jüdischen Sittenlehre. Wir stellen zunächst den kurzen Satz auf: das Judenthuin hat zuerst mit einer wahrhaft idealen Konsequenz Religion und Sittlichkeit miteinander verbunden Diese enge Verknüpfung von Religion und Sittlichkeit er scheint uns heute allerdings als ganz selbstverständlich. So weit der moderne Mensch überhaupt religiös denkt, weiß er es gar nicht anders, als daß die Forderungen der Sittlichkeit zn gleich im eminenten Sinne Forderungen der Religion sind, er weiß, daß wahre Sittlichkeit und wahrer Gottesdienst ganz und gar gleichbedeutend, daß sie ein und dasselbe sind. Aber dar ist ja gerade das Schicksal alles wahrhaft Großen und Geniale» daß es eben dadurch, daß es wie eine neue Offenbarung i>- allen Geistern zündet, allgemein anerkannt und damit zuletz nothwendig trivial wird. Von Anfang an hat dieses eng> Band zwischen Religion und Moral durchaus nicht bestanden weil sie ursprünglich ganz verschiedene Ausgangspunkte haben Die Moral wächst mit einer gewissen inneren Nöthigung am den natürlichen Lebenstrieben und den Lebensverhältnissen selbtz heraus. So bildet z. B. die Familie infolge der Gefühls beziehungen, aus denen sie sich aufbaut, einen außerordentlich fruchtbaren Nährboden für die Entwickelung von Liebe, Hin gebung, gegenseitiger Achtung, Selbstbeherrschung, Entsagung und Treue. Andererseits macht das Leben in der Volksgemeinschaft das Zusammenstehen der Einzelnen nothwendig, sei es zur Bekämpfung des äußeren, sei es zur Bekämpfung des inneren Feindes. Die Gemeinschaft muß sich nach außen und nach innen behaupten, und so entstehen Eemeinsinn und Aus opserung für das Vaterland, Rechtlichkeit und Wahrhaftigkeit Verträglichkeit und Friedensliebe, kurz alles, was wir soziale Tugenden zu nennen Pflegen,

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