Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-08 · Heft 45 (8.11.1901) · p. Seite 535

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 45 (8.11.1901)
Date
1901-11-08
Page
Seite 535 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228465--58081-3294506
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

5S5 am Rosch Haschana 1685, nicht 1695 wie bis jetzt angenommen wurde. Seine Gattin, welche ihn elf Jahre überlebte, erhielt von der Gemeinde eine Pension von? monatlich zwölf Pfund Sterling. Mit Abendana zugleich wirkte als Rabbi Joseph ibn Danon, auf den wir noch zurückkommen. Einige Wochen vor der Einweihung der neuen Synagoge hatte der von Livorno berufene neue Chacham sein Amt angetreten; es war dies der Chacham und Arzt David Nieto, unstreitig der gelehrteste und bedeutendste Londoner Rabbiner. Er bekämpfte den sabbathianischen Schwindler Nehemia Chajon und den Karäismns, veröffentlichte eine Schrift über Kalenderwesen und mehrere Predigten in spanischer Sprache und schrieb ein damals Aussehen erregendes Buch über die spanische Inquisition. Und dieser Mann bezog außer^freier Wohnung i»i Synagogengebäude ein jährliches.Gehalt von von einhundert Pfund Sterling, zu Purim ein Geschenk von zehn Pfund sowie die üblichen Emolumente und Geschenke! Er hatte die Verpflichtung, alle vierzehn Tage eine Predigt zu halten, die rabbinischen Funktionen zu versehen und im Talmud Unterricht zu ertheilen; in seiner Stellung als praktischer Arzt zu wirken, war ihm vom Vorstande streng untersagt. Wenige Tage nach der Einweihung der Synagoge, am!. Tischri 5462 oder 6. Oktober, nicht am 25. September 1701, iand in derselben die erste Trauung statt: Isaak Jesurun Mendes führte Esther, die Tochter des reichen Abraham .Zernandes Nnnes, zum Traualtar; , sie erhielt, als Mitgift .'500 Pfund, in der damaligen Zeit eine sehr bedeutende Summe. Der Bräutigam gehörte einer der vornehmsten Familien Londons an; er war nahe verwandt mit dem berühmten Dr. Fernando Mendes, der, in Portugal geboren, als Marrane Leibarzt des Königs Johann IV. von Portugal war 'tts die Infantin Katharina, die Braut des Königs larl II. von England, auf ihrer Reise nach London in Kastilien in RothlaufZchwer erkrankte, schickte ihr der König, ihr Vater, einen Leibarzt. Auf ihren Wunsch begleitete sie Fernando Mendes nach London,"und sie ernannte ihn zu'JhremLeibarzt. In London bekannte er sich mit seiner Frau und seinen beiden Zrüdern Andreas und Antonio, welche ihm nach der britischen haiiptstadt^gefolgt waren, offen zum Judenthum; Fernando rahm den Namen Moses an. D. Fernando Mendes, der uich am Krankenlager des Königs Karl stand, wurde im öniglichen Palaste zu London eine Tochter geboren, welche wch ihrer Pathiu, der Königin, den Namen Katharina erhielt; hr hebräischer Name war Rahel. Katharina Rahel Mendes vermählte sich Mittwoch den 6. Elul 5458, d. i. den 13.August 1698 mt dem reichen Bankier Moses-Antonio da Costa, dem Sohne es Jakob-Alvarez da Costa. Eine Tochter dieses Ehepaares wurde die Gattin des vornehmen Isaak-Antonio Suasso, Baron >e Avernas, des Sohnes des Abrahantt Israel Suasso; Isaak Israel Suasso war mit einer Tochter des immens reichen lbraham de Pinto von Amsterdam vermählt. Isaak Suasso gehörte zu den treuesten Anhängern des Hauses Oranien. Als Wilhelm III. seines abenteuerliche Expedition gegen England ausrüstete, schoß ihm Isaak zwei Millionen Gulden bereitwilligst >vr, ohne Zinsen, ja ohne auch nur einen Empfangsschein zu verlangen, indem er die Worte hinzufügte: „Wenn Sie glücklich sind, so weiß ich, daß Sie mir die Summe zurückerstatten, wenn Ihr Unternehmen aber mißlingt, so mag sie für mich verloren sein." Preußens großer König verewigte diesen Zug eltener Opferwilligkeit als den eines „Juden aus Amsterdam Hamens Schwartzau"! Doch kehren wir zu Nieto und der Londoner Gemeinde zurück. Nieto, vordem sich zwei Bände seiner großen, zwischen 1710 und 1712 verfaßten, unvollendet gebliebenen talmudischen Encyklopädie und ein Band kleiner Schriften und verschiedener Predigten handschriftlich im Britsh Museuni, beziehungsweise in der Bodlejana befinden, starb an seinem Geburtstage, dem 10. (11.) Januar 1728 im Alter von 74 Jahren. Außer seinem Sohne Isaak hielten ihm zwei hervorragende Aerzte, welche auch Mitglieder der „Königlichen Gesellschaft" (Uo^al Society) in London, eine der ältesten gelehrten Gesellschaften in ganz Europa, waren, Isaak de Sequeira Samuda nnd Jakob de Castro Sarmento, Leichenreden. Sarmento war eine bedeutende Persönlichkeit. Von marranischen Eltern in Braganza in Portugel geboren, mußte er, nachdem er in Evora Medizin studirt hatte, um den Nachstellungen der Inquisition zu entgehen, die Heimath verlassen; im Jahre 1720 kam er nach London, wo er sich als Arzt niederließ. Er, ein treuer Bekenner , des Judenthums, verfaßte medizinische und religiöse Schriften und stand mit vielen Gelehrten in der alten und in der neuen Welt in gelehrtem Briefwechsel. Die Londoner spanisch-portugiesische Gemeinde blieb, was Wohlhabenheit und Bildung betrifft, hinter der Muttergemeinde in Amsterdam in jener Zeit nicht zurück. Es befanden sich in ihrer Mitte viele gebildete Männer und Frauen, eine kleine Schaar von Schöngeistern, welche in spanischer, portugiesischer, lateinischer, selbst schon in englischer Sprache dichteten. Auch an Sabbatianern fehlte es in London ebenso wenig wie in Amsterdam. Einer der wärmsten Anhänger des sabbathianischen Schwindlers Nehemias Chajon war der gekehrte, wohlhabende und einflußreiche Salomon da Costa Athias, der, ein geschickter Kalligraph, ein Buch des Sabbatianers Michael Cardoso eigenhändig abschrieb. Ans Dankbarkeit für den Schutz, welchen er während seines fünfundvierzigjährigen Aufenthaltes in London gefunden, machte er dem British Museum eine Sammlung von werthvollen hebräischen Werken im Jahre 1759 zum Geschenk. Salomon da Costa und Andere dem Sabbathianismus mehr oder weniger ergebene Mitglieder der Gemeinde waren David Nieto, noch weniger aber seinem Sohne Isaak sonderlich geneigt. Zum eigentlichen Nachfolger seines Vaters wurde Isaak erst nach Verlauf von fünf Jahren ernannt. Er hatte viele Kränkungen, auch häusliches Mißgeschick zu ertragen. Sein Amt wurde ihm verleidet, so daß er es 1741 aufgab; er verließ London und kehrte erst nach fünf Jahren dorthin zurück. Fünf Jahre später, nach dem Tode des in seiner Abwesenheit fungirenden Chachams Moses Gomez da Mesquita wurde er wieder zum Vorsitzenden des Rabbinatskollegiums ernannt; nach kaum sechs Jahren legte er die Stelle wieder nieder. Die Gemeinde wählte sodann Moses Cohen de Azevedo, den Schwiegersohn da Mesquitas, zum Mitglied des Rabbiuats. Als Dieser dann gar zum Chacham ernannt wurde, protestirte Nieto, sein ehemaliger Lehrer, energisch gegen seine Ernennung. Er machte geltend, daß Jener nicht die nöthige Qualifikation besitze, daß er ihm das Rabbinatsdiplom nur bedingungsweise ertheilt, daß er an Wissen nicht allein nicht zugenommen sondern abgenommen, daß er in Bezug aus die Schlachtregeln und die Uebergabe des rituellen Scheidebriefes große Unwissenheit gezeigt habe. Diese Angelegenheit führte zu einem Zwist in der Gemeinde, so daß der Vorstand sich endlich entschloß, das Amsterdamer Rabbinatskollegium als Schiedsrichter au-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.