Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1901)
- Date
- 1901-11-08
- Page
- Seite 534 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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5S4 wenn wir über ebenso viele Charaktere verfügten, als wir Streber in unserer Mitte besitzen, wenn wir wahres Verdienst zu schützen wüßten, dann allerdings könnten wir uns auf uns selbst zurückziehen. Sehen wir aber, wozu dieses vielgeprüfte Jndenthum jetzt mißbraucht wird, wie Leute, die von unserer Religion nicht das Geringste wissen und nichts von ihr wissen wollen, da sie im rohesten Materialismus wurzeln, wie sie plötzlich ihr Judenthnin entdeckten, weil sie von anderen Parteien etwas unsanft bei Seite geschoben wurden, sehen wir, wie Mißvergnügte und solche, die anderwärts Schiffbruch gelitten plötzlich sich auf die Vorkämpfer des Judenthums hinauSspielen, dann müssen wir traurig und betrübten Herzens bemerken: Das charakterlose Assimilantenthum hat uns in den Abgrund gestoßen, aber das noch charakterlosere Streberthum kann uns aus diesem nicht retten. Jude sein, heißt doch noch etwas anderes, als große Worte machen, auf alles Hergebrachte schimpfen, die wahrhaft uneigennützigen Vorkämpfer des Judenthums täglich besudeln, und das, was uns erhalten hat bis auf diesen Tag, die Religion, schmähen. Wir haben auf allen Linien Niederlagen erlitten, aber die darüber jubeln, sind unsere wahren Freunde nicht, und wenn sie auch tagtäglich behaupten, von ihnen gehe die Regeneration des Judenthums aus. Wir beklagen es, daß es so weit in Oesterreich gekommen, daß das Wort „Jude" das ärgste Schimpfwort geworden. Leider haben wir dies unseren Fehlern, unserer Maßlosigkeit vor allem zuzuschreiben. Jeder will bei uns befehlen, und Niemand sich fügen. Ist es in unseren Gemeinden anders? Um nur eines zu bemerken: Glaubt sich nicht Jeder bei uns dazu berufen, Neuerungen und Veränderungen in unserem Gottesdienste einzuführen! Unsere Aufgabe wäre es gewesen, in keiner Partei besonders aufdringlich hervorzutreten, dann wäre es nicht geschehen, daß wir von allen Parteien als Schädlinge bezeichnet worden wären. Und wie kommen oft sehrjunge Leute dazu, Männer, die sich wirkliche Verdienste um das Jndenthum erworben, die diesem ihre ganze Existenz geopfert haben, die für dieses mit ihrem ganzen, reichen Können eingetreten sind, zu schmähen, so daß sich Diese verbittert vom öffentlichen Leben ganz zurückziehen, wahrlich nicht zum Besten unseres Judenthnms. Die Wolfs und Franco Steins, wir haben sie auch in unserer Mitte, verhehlen wir uns dies nicht. Die Deutschen und Tschechen verfügen aber auch über kraft- und einflußreiche Männer, uns jedoch fehlen sie, und wo sie zu finden sind, dort werden sie so lange verdächtigt und angeflegelt, bis sie, des amvidernden Treibens müde, die wohlige Ruhe suchen, und sich von einer Sache abwenden, die ihnen nur Aergerniß und Schmähung gebracht hat, dafür, daß sie für Recht und Wahrheit eingetreten sind. Auch für uns ist vor allem diese Selbsterkenntniß der erste Schritt zur Besserung. lvvri. Nie spanisch-portugrcstsch-jüdische Gemeinde in London. Von Dr. M, Kayserling. spanisch-portugiesisch-jüdische Gemeinde, die älteste in London, welche vor einigen Wochen die Feier des zweihundertjährigen Bestandes ihrer Synagoge beging, hat eine ebenso reiche wie interessante Geschichte, welche Herr Dr. M. Gaster, der gegenwärtige Chacham der Gemeinde, in einem splendid ansgestatteten Buche jüngst veröffentlicht hat.' Der eigentliche Gründer dieser Gemeinde war Emanuel Martine; Dormido, auch David Abravanel genannt,' ein vor nehmer und reicher Marrane, der, in Andalusien geboren, in einer Stadt Kastiliens mehrere Ehrenstellen, auch die eines Bürgermeisters bekleidet, um den Nachstellungen der Inquisition zu entgehen, sich nach Bordeaux geflüchtet und sich nach mehr jährigem Aufenthalt in Frankreich in Amsterdam häuslick niedergelassen hatte. Er begleitete seinen Schwager, den be rühmten Amsterdamer Rabbiner Menasse ben Israel, nach London, als dieser sich um die Wiederaufnahme seiner Glaubens genossen in England bei dem Protektor Cromwell bewarb, um gehörte zu den Ersten, welche in England offen das Jndenthum bekannten. Dormido stand bei Cromwell in solchem Ansehen daß dieser sich für dessen Söhne in einem eigenhändige! Schreiben an den König von Portugal verwandte. Im Verein mit einigen spanisch-portugiesischen Juden richtete Dormido am 22. August 1664 an den König Karl II. von England das Gesuch, ihnen die Erlaubniß zu ertheilen, in England fernerhin unbehelligt leben und wie bisher Handel treiben zu dürfen, was ihnen unter der Bedingung bewillig: wurde, daß sie sich friedlich verhalten, den Gesetzen des Lande: Gehorsam leisten und keinerlei Aergerniß geben. Nachdem sic den königlichen Schutz erlangt hatten, konstituirten sie sic?: zu einer Gemeinde, der sie den Namen „Schaar Haschamajim gaben. Die gottesdienstlichen Versammlungen hielten sie di ersten zehn Jahre in einem kleinen Lokal ab, 1674 richteten sie in einem nächst Dukes Place gelegenen Hause schon eine klein: Synagoge mit einer Frauengallerie ein. Die Statuten (Ascamoth) der spanisch-portugiesischen Gemeinde in Amsterdam der Muttergemeinde der ersten Gründer, nahmen sie mi? einigen Abänderungen zur Grundlage. Die Machtvoll kommenheit des Vorstandes (Maamad) war darin streng gc wahrt, ohne seine Erlaubniß durfte kein hebräisches, beziehung : weise kein religiöses Buch veröffentlicht werden. Durch Einwanderer aus Amsterdam und Hamburg und durch den Zuzug von Marranen aus Spanien und Portugal erhielt die Gemeinde allmälig einen so bedeutenden Zuwach . daß sie sich entschloß, in der Nähe der alten eine neue gross Synagoge zu erbauen. Der Bau, dessen Kosten durch sin willige Gaben und Geschenke größtentheils aufgebracht wurden war nach kaum einem Jahre vollendet, so daß die Synago n einige Tage vor dem Neujahrsfeste des Jahres 5462, an 80. September 1701 feierlich eingeweiht werden konnte. Zur Zeit der Einweihung hatte der Chacham Salomon Aylion, dc> bei der Grundsteinlegung noch mitgewirkt, London bereits ve - lassen und seine Stelle in Amsterdam angetreten. Dieser Chacham war ein Landsmann und strikter Anhänger des Sabbathai Z'wi und stand in mehr als einer Beziehung in schroffem Gegensätze zu dem ersten Chacham der jungen Londoner Gemeinde, dem berühmten Jakob Sasportas, der nur anderthalb Jahre in London blieb. Sein Nachfolger war Josua da Silva, ein Schüler Isaak Aboabs, der nach neun jähriger Amtsführung am 29. April 1679 starb. Ihm folgte Jakob Abendana, der gelehrte Uebersetzer des Kusari in: Spanische, der sein Amt nur vier Jahre bekleidete; er stau ' y üistor^ ok tt>6 saeiellt S^nngogue ok tlw spnnisli r>u > portuKuss« ^oevs. msmorisl volume evrillsu specialis to celedrav tds tvvo kunäertli annivorsai-x ok its imuiKl-stion. London 5661-1901.