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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-08 · Heft 45 (8.11.1901) · p. Seite 530

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 45 (8.11.1901)
Date
1901-11-08
Page
Seite 530 (sequence 4)
Language
German
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haben, so viel wir wissen, auch schon das Diplom der Reife erhalten; ebenso hat man in England bereits den Versuch gemacht, den Frauen das Stimmrecht zum mindesten in den wohlthätigen Vereinen und Humanitären Institutionell zu verleihen, in denen sie von jeher sehr eifrig und fleißig mitarbeiteten. Wir glauben, daß mail diesem Beispiel auch bei uns wird folgen müssen. In einer Versammlung des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde hat ein Redner der zugleich Repräsentant der Gemeinde, in dieser Sache bestimmte Forderungen aufgestellt, die sich zum Theil mit denen decken, welche wir hier angedeutet haben. Es muß als ein Akt des sozialen Unrechts erscheinen wenn alleinstehende erwerbsthätige Frauen oder Wittwen zur Steuer herangezogen werden — oft sogar in ziemlich empfindlicher Weise — ohne daß ihnen das Stimmrecht oder irgend ein anderes Recht innerhalb der Gemeinde eingeräumt wird. Ebenso muß es als ein Mißstand gerügt werden, daß Frauen, die in der glücklichen Lage sind, ihre Wirksamkeit über den Kreis ihrer Familie ausdehnen zu können, und die seit Jahrzehnten eine sehr erfolgreiche Thätigkeit in unseren Waisenanstalten, Krankenhäusern und Humanitätsvereinen ausüben daß diese Frauen nicht dasselbe Recht haben wie die Männer, die dein Vorstande dieser Vereine angehören. Gleichen Pflichten müssen auch gleiche Befugnisse gegenüberstehen. Und es gilt heute als erster Grundsatz des öffentlichen Lebens, daß. wer berufen ist, mitzurathen, auch selbstverständlich „mitthaten" will Es genügt unseren Frauen nicht mehr, daß man sie zu „Ehrendamen" irgend eines Vereins ernennt; sie wollen, da sie gleiche Arbeit haben, auch die gleichen Rechte besitzen, nicht nur mit zu arbeiten, sondern auch mit zu stimmen und mit zu entscheiden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Forderung eine durchaus berechtigte ist, und noch weniger muß es zweifelhaft sein, daß, wenn diese Forderung erst einmal erfüllt ist, unsere Frauen noch viel mehr als bisher sich den großen sozialen Aufgaben widmen werden, die das moderne Judenthum auf allen Gebieten des religiösen und Gemeindelebens, der Humanität, Krankenpflege und Fürsorge zu erfüllen hat. Und dieser Aufgaben sind so viele und schwerwiegende, daß wir die Mitarbeit so werthvoller Bundesgenossen nur mit aufrichtiger Genugthuung begrüßen könnten. Me Woche. Berlin, 7. November. n diesen Tagen sind die Resultate der letzten Volkszählung durch das königlich preußische statistische Büreau bekannt gemacht worden. Danach betrug die Zahl der Juden in Preußen am 1. Dezember v. I. im Ganzen 392 332. Bei der vorletzten Volkszählung (1896) schätzte man die Zahl der Juden im preußischen Staate auf 375 716. Es hat also eine an sich freilich sehr geringe Vermehrung stattgefnnden und zwar um 16 616 Seelen, also um 3,3 Prozent. Diese Zahlen sprechen mehr als die gelehrtesten Auseinandersetzungen gegen die Lamentationen der Antisemiten über die Einwanderung ausländischer Juden aus dem Osten. Aber auch an sich reden diese Zahlen eine sehr eindringliche und verständliche Sprache. Etwas über eine Drittelmillion Juden lebt in Preußen, und diese Drittelmillion gegenüber 21^ Millioneil Protestanten und 12 Millionen Katholiken wird geschmäht, und wo es nur angeht, zurückgesetzt, angeblich, weil — man sie fürchtet! Wer lacht da? Unsere Gegner, welche beständig über den angeblichen internationalen Charakter des Judenthums zetern, sind eifrig dabei, eine internationale Liga der Antisemiten ins Leben zu rufen. Die „Deutsche Hochwacht", ein journalistisches Unternehmen der Herren Rechtsanwalt Jüngst, Hans von Mosch, Dr. Böckel und Professor Dr. Paul Förster, empfiehlt als Losung dieser künftigen Liga bereits „Die arische Welt den Ariern" und verräth zugleich, daß ein Beauftragter französischer Antisemiten, der dieser Tage Berlin passirte, nachdem er in anderen Ländern mit Erfolg für diese Idee thätig gewesen war, die Vorbereitungen für das große Werk in die Wege geleitet uild auch in der Reichshauptstadt bereitwillige Ausnahme und ^Entgegenkommen gefunden habe. Uebrigens hat das Organ Drumonts „I,a librs parole" schon in der Nummer vom 29. September in einem „l/kmtisomitismo on Lurope" überschriebeneil Artikel über: „lln interview ein clepute sntisemite ullsnikmü, le Dr. köelrel" spaltenlang berichtet. Daß der für einen strammen „Teutonen" merkwürdige Versuch, den „Deutschen Volksbund" mit ausländischer Hilfe auf die Beine zu bringen, doch einigen Parteigenossen Bedenken eiuflöße, hat Dr. Böckel seinem Besucher nicht verheimlicht. * Dies Anregung, eine Enquete über die Zahl der jüdischen Schöffen und Geschworenen im deutschen Reiche anzustellen, scheint auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein, wie wir aus einer großen Zahl von Zuschriften entnehmen, die uns darüber zugegangen sind. Wir heben für heute nur aus einer süddeutschen Korrespondenz folgenden Passus hervor: Unter Hinweis aus den Artikel in der letzten Nnmmer über jüdische Schöffen und Geschworene theile ich Ihnen mit, daß bei uns in Bayern die Konfession gor keinen Unterschied in).dieser Beziehung macht, nnr das Loos entscheidet für beide Aemter. Beim hiesigen Amtsgericht wurden für das Jahr 1902 unter 245 Schöffen 23 Juden ausgeloost. In Dänemark sind, wie wir bereits berichtet, die zwei höchsten Ehrenstellen, welche die Gemeindevertretung der Hauptstadt und die Volksvertretung zu vergeben haben, in einer Hand vereint, in der Hermann Triers, und es ist ein ehrendes Zeugniß sowohl für den gerechten, nüchternen Sinn des dänischen Volkes als auch für die persönlichen Verdienste des Mannes, um den es sich handelt, daß dessen jüdisches Glaubeusbekenntniß nicht das geringste Hinderniß für diese Ehrenerweisung gebildet hat. Ueber Hermann Triers öffentliche Thätigkeit schreibt ein angesehenes Kopenhagener Blatt unter anderem: „Da Trier als junger Mensch in öffentlichen Versammlungen als Oppositionsmann zu reden begann, gehörte geradezu Muth dazu, dies zu thun. Aber seine Beredtsamkeit war eine hinreißende; wenn er auf der Tribüne oder dem Katheder stand und seine klangvolle Stimme über die Versammlung erschallen ließ, verstand er es, eine Art von Poesie und Festesstimmung selbst über das trockenste Thema zu werfe», und selbst in gegnerischen Kreisen erkannte man, daß hinter den Worten eine Persönlichkeit stehe. Es giebt in unserem öffentlichen Leben wohl kaum einen Mann, der so wenig für sich selbst und so viel für die „Sache" will, als Hermann Trier. Zu den erhaltenen Ehren-

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