Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1901)
- Date
- 1901-11-08
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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65. Jahrgang. Nr. 4L Berlin» 8. November 1901. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. Redakteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner D* Ludwig Philippson-Korm Verlags-Expedition: Berlin, Zerusalemerstr. 48 /49. Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition sind an die Adresse: Verlag der! „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin! 8VV., Jerusalemer Straße 48/4S zu richten. I Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. I Änlsltü. Leitartikel: Neue Bundesgenossen. — Die Woche. — Von der Badischen Landessynode. — Brief aus Oesterreich. — Die spanisch-portugiesischiüdische Gemeinde in London. Von Dr. M. Kayserling. — Die Sittenlehre des Judenthums. Von Dr. M. Joseph. I. — Feuilleton: Die zweite Mirjam. Von S. Lublinski. III. — Aitterarifche Mittheilrrrrgerr. — Lprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Prenzlau, Altberun O.-S., Hannover, Aus der Provinz Hannover, Hamburg, 'töln, Stuttgart, Wien, Jaffa. — Bon Nah nnd Fern. — Geschäftliche Notizen. Neue Bundesgenossen. Berlin, 4. November. n dem Kampfe, den das Judenthum gegen äußere und innere Feinde — der äußere Feind ist der Antisemitismus, der innere der Jndifferentisinus — jetzt zu führen hat, muß es sich natürlich nach neuen Bundesgenossen uiniehen. Es lag nahe, daß man dabei auch an die Frauen dachte. Seit jeher haben die Frauen in Israel eine erhabene Aufgabe, eine große sittliche Mission erfüllt. Die Schätzung der Frau ist im jüdischen Schriftthum eine sehr hohe, und nicht nur ideale, sondern wahrhaft praktische Ziele hat man ihr im Mittelalter zngewiesen. Die Ansichten, die die Rabbinen über die Vorzüge und Fehler des Weibes, über seine Bestimmung, eine wahre Würde und seine sittlichen Rechte ausgesprochen, vildeten den Grundzug der Anschauungen, welche bis auf unsere Tage allgemein geltend waren. So war die Frau eine Stütze des religiösen Lebens, ein Muster und Vorbild für die ganze Außenwelt und vor allem ein Segen im Hause. Während man noch nirgends daran dachte, die Frau für die Erwerbschätigkeit zu gewinnen, war in der Judengasse das Weib sehr ost nicht nur die Stütze ihres Mannes, sondern die alleinige Trägerin des Erwerbslebens. Das ist nun allerdings kein Zustand, wie er wünschenswerth erscheint, aber er zeigt doch, wie die Inden auch nach dieser Richtung hin praktischen md idealen Sinn stets zu verbinden gewußt haben. In unserer Zeit haben sich ja die Verhältnisse wesentlich verändert. Dem ersten Aufwallen der Begeisterung, welche die Frau von ihrem niedrigen Standpunkte zu einem höheren > mporheben sollte, den Bestrebungen der sogenannten Frauennnanzipation, folgte eitle planvolle und zielbewnßte Agitation M Gunsten der Erwerbsthätigkeit der Frau im Interesse ihrer ielbstständigen und höheren Würde. Es ist charakteristisch, daß auch an diesen Bestrebungen die Juden sich in hervoragender Weise betheiligt haben. Während wir unter den Vertretern der ungestümen Forderungen völliger Frauenananzipation fast keine einzige Jüdin finden, treffen ivir unter den Vorkämpserinnen der selbstständigen Erwerbsthätigkeit des Weibes eine ganze Reihe jüdischer Frauen, wie Lina Morgenstern, Jeanette Schwerin, Henriette Goldschmidt, Jenny Hirsch n. A„ die diese Forderungen in einer sachlichen, klaren und würdigen Weise erhoben und gerade dadurch große Praktische Erfolge erzielt haben. So ist es denn kein Wunder, daß man in unseren Tagen daran gedacht hat. die Frau auch zur Mitarbeit auf religiösem Gebiete heranzuziehen. Ist das Haus die Domäne lind das Heiligthum der Frau, so wird mall bei der Betrachtung der Faktoren, von denen die Läuterung und Erhebung des Judenthums ausgehen muß, an die Frau in allererster Reihe denken müssen. Zu unser»« großen Schaden ist das bisher nicht oder doch nur sehr selten geschehen. Wenn man in der guten alten Zeit den jungen Mädchen säst gar keinen Religionsunterricht ertheilte, so lag dies einfach in dem Umstande, daß ihr ganzes Leben Religion war und sie einer besonderen Unterweisung in den Pflichten und Aufgaben, die ihrer als Frau harrten, kaum noch bedurften. Ganz anders liegen die Verhältnisse heutzutage. Die Erziehung unserer jungen Mädchen verlangt eine ganz besondere Hingabe und ist von der höchsten Wichtigkeit und Bedeutung für unsere gesaimnten Verhältnisse. Nur wenn nnsere jungen Mädchen in der Kenntlich des Judenthums erzogen und illit der Liebe für dieses erfüllt werden, können sie die große Ausgabe, die ihnen im Leben auch nach dieser Richtung hin obliegt, erfüllen. Mit Recht sagt ein angesehener jüdischer Pädagoge: „Erst wenn wir die Mütter in Israel pädagogisch und religiös gebildet haben, sind wir im rechten Fahrwasser. Wir müssen ihnen die Erkenntlich erschließen, daß sie mit dem Trauschein nicht auch das Erzieherdiplom erworben haben, daß es reiflichen Nachdenkens, gründlichen Studiums, hingebenden Eifers, treuester Pflichterfüllung bedarf, um vergeistigen Mutterpflicht gerecht zu werden." Darüber hinaus aber müssen wir endlich auch daran denken, den Kreis zu erweitern, den die Frau ausfüllen soll. Wir müssen sie zur Mitarbeiterin im Gemeindeleben erziehen, da sie auf diesem Wege erst das rechte Interesse für alle Angelegenheiten des Jndenthunis gewinnen werden. Amerika und England, die auf dem Gebiete der praktischen Frauenemanzipation maßgebend sind, können uns auch hier als Muster dienen. In Amerika hat man zuerst daran gedacht, den Frauen das Stimmrecht nn jüdischen Gemeindeleben zu verleihen. Im Uobrslv Vision Lollogo in Cincinnati sitzen auch jüdische Damen, und einige von ihnen