Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1901)
- Date
- 1901-11-01
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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2 natürlich der Sonntagsgottesdienst. Der Verlauf der Versammlung, welcher noch mehrere in anderen Stadtbezirken folgen sollen, kann als ein guter für die liberale Sache bezeichnet werden. Berlin, 28. Oktober. Die Rudolf Mosse'sche Erziehungsanstalt hat nach sechsjährigem Bestehen ihren dritten Bericht veröffentlicht, der die beiden jüngsten Betriebsjahre vom 1. April 1899 bis 31. März 1901 umfaßt. Die Entwickelung der Anstalt während dieser Zeit vollzog sich unter wesentlich gleichen Bedingungen wie in den Vorjahren. Während der beiden vergangenen Jahre konnten 19 Knaben und Mädchen, ausgerüstet mit den erforderlichen Schulkenntnissen und theilweise vorbereitet für einen praktischen Beruf, ins Leben treten. Bei Wiederbesetzung der sreigewordenen Stellen verfuhr der Stifter nach den gleichen Gesichtspunkten wie früher. Es wurden im Allgemeinen nur sechsjährige Kinder ausgenommen, die ihren ersten Unterricht in der Vorschule der Anstalt selbst empfingen, so daß die Erzieher aus eigener Anschauung ein sicheres Urtheil über Begabung und Strebsamkeit der ihnen anvertrauten Kinder gewinneil und wenigstens für einige Jahre die geistige Entwickelung der Zöglinge, die später von der Anstalt aus fremde Schulen besuchten, leiten konnten. Eine weitere Bedingung für die Aufnahme von Kindern war die Herkunft von gebildeten Eltern. Da aus gebildeten jüdischen Familien stets welliger Aufnahmegesuche als aus christlichen einliefen, entsprechend der weit geringeren Zahl der in Deutschland lebenden Juden, so blieb auch die Zahl der jüdischen Zöglinge, wie schon in den vergangenen Jahren, etwas hinter der der christlichen zurück. Zn Beginn des Schuljahres 1901/1902 waren 50 Knaben. 49 Mädchen, im Ganzen 99 Kinder in der Anstalt, davoll evangelisch 25 Knaben, 30 Mädchen, im Ganzen 55; jüdisch 23 Knaben, 18 Mädchen, im Ganzen 41; katholisch 2 Knaben, 1 Mädchen, im Ganzen 3. Den jüdischen Zöglingen wurde von dem jüdischen Lehrer der Anstalt, ihrem Alter entsprechend, in mehreren Klassen Religionsunterricht ertheilt. Zum Nachfolger von Herrn Elias Witt, der am 1. Oktober 1900 seine Stellung verließ, wurde der Lehrer Joseph Mandel, bisher zu Levern in Westfalen thätig, gewählt. Zu Ostern wurden zehn jüdische Knaben und Mädchen von den Predigern Dr. Levin und Dr. Klemperer eingesegnet. Die gesammte Ausbildung der Zöglinge erfreute sich der steten Mitarbeit des Stifters und seiner Gattill. Gleichwie sie bei Begründung der Anstalt die Grundsätze für die Lebensweise und Erziehung der von ihnen unterstützten Kinder aufgestellt hatten, so verfolgten sie auch weiterhin den Entwickelungsgang jedes einzelnen Zöglings bis zum Eintritt ins Leben und noch darüber hinaus mit warmer Theilnahme und griffen häufig, gestützt auf eine reiche Lebenserfahrung, allleitend und fördernd in deren Ausbildung ein. 22 Berlin, 27. Oktober. Nach dem Bericht über das ReichLutz eirns che Waisenhaus der jüdischen Gemeinde zn Berlin (Weinbergsweg Ile) für die Zeit vom 1. April 1900 bis 31. März 1901 wurden in der Anstalt 75 Zöglinge (45 Knaben, 30 Mädchen) verpflegt, 10 Zöglinge entlassen, eben so viel neu ausgenommen. Die Gesammtausgaben betrugen im Berichtsjahr 49 433 M.. die durch Zinsen eigeller Fondsund eillen Gemeindezuschuß von 22989 M. aufgebracht wurden. Die Auslagen für einen Zögling belaufen sich jährlich auf 783.83 M., die Verpflegung für den Kopf und Tag auf 47(:; Pf. Der Vermögensbestaud des Waisenhauses beläuft sich auf 695 162 M. Aus den Stistnngssonds wurden für entlasseile Zöglinge zur weiteren Ausbildung. zur Beschaffung von Berufsinstrumenten und Handwerkzeug 5)522 M. verausgabt. Als neue Stiftung kam eine Albert und Anna Meher-Stistnng hinzu. Alle Zöglinge besuchen öffentliche Schulen, doch wird in der Anstalt noch Unterricht in Gesang, Turnen und Kerbschnitzerei ertheilt. Das Waisenhaus steht unter der Verwaltung eines Kuratoriums, dessen Vorsitzender Dr. med. Julius Stern ist. und unter der Leitung des Direktors Dr. Moritz I u t r o sin s ki. §2 Berlin, 27. Oktober. Wie man uns mittheilt, wurde hier eill neuer Verein „A ch d us" von den ausländischen jüdischen Studenten zu gegenseitiger Unterstützung begründet. Politische Tendenzen sind ausgeschlossen. Die Unterstützungen sollen in der Form von Darlehen erfolgen, deren Art der Rückzahlung und deren Höhe nach vorangegangenen sorgfältigen Erkundigungen der Vorstand bestimmt. Um eill Darlehn zu erhalten, ist an den Vorstand ein schriftliches Gesuch zu richten. In demselben muß der Zweck der Verwendung des Darlehns und auch die Form der Rückzahlung angegeben werden. Im Falle der Genehmigung des Gesuches ist ein Revers auszustellen. Der Verein zählt bereits über 70 Mitglieder. Der Vorstand besteht aus den Herren Lichtenbaum, Kaplan, Nosenberg, Schreier und Stengel. Man muß diesem Verein, der in der That einem Nothstand abhilst, das beste Gedeihen wünschen. I'. Berlin, 28. Oktober. Die „Wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin" hielt ihre ordentliche Sitzung am 19. Oktober ab. Nach einigen geschäftlichen Mittheilungen durch den Vorsitzenden und Aufnahme eines neuen Mitgliedes machte Kollege Flanier darauf aufmerksam, daß die Jugendschriftenkomlnission des Verbandes der jüdischen Lehrervereine konstitnirt sei, und sprach den Wunsch aus, daß die Mitglieder für die Frage der Jugendschristen sich lebhaft interessiren möchten. — Eine Anfrage, wie weit die Bearbeitung der „Biblischen Geschichten" voll Anerbach gediehen sei, wurde vom Kollegen Hauff zur Zufriedenheit der Versammlung beantwortet. — Alsdann trat die Versammlung in die Berathung der vom Kollegen Falkenberg ausgestellten Thesen ein. Die Diskussion gestaltete sich so umfangreich, daß nur ein Theil der Thesen zur Debatte gestellt werden konnte. In vorgerückter Zeit wurde beschlossen, daß eine Kommission, bestehend aus den Kollegen Falkenberg, Auerbach und Dr. Fiegel, die Form der Thesen noch einmal prüfen und das Resultat der Prüfung der Versammlung vorlegen solle. 8. Berlin, 27. Oktober. Die unter dem Protektorat der Frau Nabbiller Dr. Eschelbacher zu neuem Leben erstandene Vereinigung „Judas Töchter" hatte heute zum Bestell ihrer Unterstützungskasse einen Unterhaltungsabend veranstaltet, der in seinem ganzen Verlause als ein wohlgelungener bezeichnet werden kann. Bestbekannte Künstler, wie Fräulein JeanneGolz, Fräulein Louise Dumont. Frau Claire Schleyer, Herr Ernst Wehlau sowie der Schriftsteller Manuel Schnitzer hatten ihre Kunst in den Dienst der guten Sache gestellt und erfreuten das zahlreich erschienene Publikum durch ihre vorzüglichen Leistungen. Es ist zu hoffen, daß dieser Abend dem aufstrebenden Verein nicht nur einen materiellen Erfolg gebracht, sondern auch viele neue Freunde erworben hat. 8. Berlin, 27. Oktober. Alls dem Huma nitätsvereiu für Gewerbetreibende, gegründet 1868 wird mitgetheilt: Die Chanukabesch enkung der Alex und Ottilie Büchel-Stiftung findet am 8. Dezember, Nachmittags 4 Uhr. bei Dräsel, Neue Friedrichstraße 35, statt. Wie ersuchen Eltern und Vormünder, welche aus obiger Stiftung für Kinder unter 14 Jahren Unterstützungen beanspruchen, sich bis zum 15. November, mit genauer Angabe der Verhältnisse und der Wohnung bei Herrn A. Büchel, Alt Moabit 131, schriftlich zu melden, spätere Gesuche werden nicht berücksichtigt. Kinder von Mitgliedern obigen Vereins werden bevorzugt. Das Kuratorium der Alex Büchel und Ottilie Büchel-Stiftung. H. Gottschalk. ---- Berlin, 25. Oktober. Die diamantene Hochzeit feierte gestern das A l b er t W ol fs'sch e Ehepaar, hier, bei bester Gesundheit und voller Geistesfrische. Der Jubilar, der im 92. Lebensjahre steht, während seine Gattin 80 Jahre alt ist, hat sich auf sozialem und humanitärem Gebiete große Verdienste erworben; der Vorstand und die Repräsentanten der jüdischen Neformgemeinde übermittelten dem Jubilar, der vor 51 Jahren der Mitbegründer der Gemeinde war, telegraphisch ihre verehrnngsvollen Glückwünsche mit der Hoffnung auf ferneres Wohlergehen. Zahlreiche Berliner und auswärtige wohlthätige Institute, unter anderem der Brüderverein, sandten dem Förderer ihrer guten Sache Adressen und Glückwunschtelegramme. Eine stattliche Reihe persönlicher Gratnlanten legte Zeugniß ab von der Liebe und Verehrung, die das Diamanthochzeitspaar in weiten Kreisen genießt. — Charlotteirvirrg, 14. Oktober. Der Verein jüdischer Studenten in Charlottenburg versendet folgenden Aufruf: Jüdische Kommilitonen! Mit freudigen Hoffnungen tretet Ihr nach vollendeter Schulzeit in die Freiheit des akademischen Lebens ein. Doch allzu bald wird Euer Traum von einer schrankenlosen Unabhängigkeit zerstört. Eure Zugehörigkeit zum Judenthnm, die Euch im bürgerlichen Leben so viele Schranken zieht, schließt Euch als Studenten nicht nur aus allen Verbindungen aus. sondern wird Euch ost genug mit Hohn und Spott zum Bewußtsein gebracht. Solchen Schimpf sollen wir hinnehmen, ohne auch nur einen Laut des Widerspruches hören zu lassen? Sollen wir uns selbst verachten, weil uns Andere die Achtung versagen? Nein, Kommilitonen! Viel Feind', viel Ehr'! Je größer