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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-01 · Heft 44 (1.11.1901) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 44 (1.11.1901)
Date
1901-11-01
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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65. Jahrgang. Ar. 44. 'Beilage zur „Allgemeinen Heilung -es Judenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 24. Oktober. Der „ Central verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hatte heute eine Versammlung nach dem Oberlichtsaale der Philharmonie einberufen, der mit seinen Nebenräumen bis auf das letzte Plätzchen gefüllt war. „Könitz" so hieß das Thema des Abends, und der Vorsitzende des Vereins, Rechtsanwalt Dr. Horwitz, hatte das Referat übernommen. In klarer und objektiver Weise entrollte der Redner das betrübende Gesannntbild der Konitzer Vorgänge von deren Beginn, der vor dem Morde bereits bestehenden antisemitischen Agitation in der Provinz Westpreußen, bis zu der Einstellung des Verfahrens gegen Leloh und dein letzterstatteten Gutachten des Danziger Medizinalkolleginms; mit beißender sathrifcher Schärfe geißelte er die antisemitischen Machenschaften. lvies all der Hand des umfassenden Aktenmaterials Schritt für Schritt deren dreiste Unwahrheiten nach und würdigte in anerkennenden Worten, daß die Behörden trotz des berüchtigten Nebenuntersuchungsausschusses und bestell Zeugenbeeinflussungen, diesem Ansturm von Lügen und Niedertracht sich den freien Blick erhalten Hütten, um schließlich zu dem jetzt vorliegenden Ergebnisse zu gelangen. Zum Schlüsse verweist der Redner auf das Verhalte!! der Juden, die sowohl allgemein unter diesen Vorgängen zu leiden hatten, insofern man sie dieses Verbrechens für fähig erklärt hat, als auch in großer Zahl direkt mit der Thal in Verbindung gebracht wurden, deren Unschuld sich aber amtlich herausgestellt hat. Angesichts der schweren Beschuldigungen und Schädigungen hätten die Juden die vollste Ruhe bewahrt und damit gezeigt, wer der bessere Bürger des Vaterlandes sei, ob das Gesindel, das Unruhe stifte, oder diejenigen, welche selbst Unruhe duldeten, aber dem Gesetz die Treue bewahrten. Die Inden hätten als solche kein Interesse mehr an dem Morde, nur noch als Menschen, insofern auch sie wünschen, daß die Unthat ihre Sühne finden möge. Für Jeden, der sich nicht böswillig der klaren Erkenntniß verschließen wolle, sei durch das Medizinalgutachteu die Sachlage völlig geklärt. Für diese mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Ausführungen spricht Rechtsanwalt Dr. Fu chs im Namen des Vorstandes seinen Dank ans. In wenigen warmen Worten verweist er ans das Knlturbild, welches gezeigt habe, daß heute noch der Klassen-, Masseunnd Rassenhaß so weit hervortreten könne, daß er an der deutschen Rechtspflege rüttele, daß aber mächtiger als der Haß das Schwergewicht der Gerechtigkeit und der Wahrheit sei. Als erster Redner in der Diskussion nahm alsdann, mit lebhaftem Beifall begrüßt, der berühmte, an der hiesigen Universität dozirende Strafrechtslehrer Professor Dr. v. Liszt das Wort. Er lvies aus die Unsicherheit und Gefährlichkeit eines der wichtigsten Theile des Bew eism aterials im Strafverfahren hin. der Zeugenaussagen, und zeigte an der Hand der vom Justizrath Stern ausgeführten Experimente, daß sich selbst bei intelligenten Menschen zwischen der Wahrnehmung und der Anssage darüber, je nach der Dauer der dazwischenliegenden Zeit, bedeutende Differenzen ergäben und daß die Fehlerquellen sich mehrten, falls die Aussage mehrmals abgegeben würde, da bei der wiederholten Vernehmung kein Zeuge mehr an die ursprüngliche Wahrnehmung. sondern stets an die letzte Aussage anknüpse.' Bei befangenen, ungebildeten Zeugen sei natürlich die Zuverlässigkeit der Aussagen noch eine wesentlich geringere. Unter dem Einfluß der Massensuggestion, die zweifellos in Könitz vorhanden gewesen sei, sei es unvermeidlich, daß eine ganze Reihe von falschen Aussagen abgegeben worden sei, und sehr gefährlich sei es, auf Grundlage solcher einander widersprechender Aussagen eine Reihe von Meineid-Verfahren auszubauen. Aus diesen! Wirrwarr der Aussagen sei ein Ausweg nur möglich, wenn die Personen, die hierüber zu urtheilen hätten, über die freieste psychologische Erfahrung verfügen würden. Mit vollstem Rechte könne man sagen, daß bei der That eines gewerbsmäßigen Verbrechers der Strasapparat mit mustergiltiger Sicherheit arbeite, daß aber bei einem Verbrechen, bei dem, wie in Könitz, die Triebfeder auf einen! komplizirten psychologischen Vorgänge beruhe, der kriminalistische Apparat versage, da den Richtern und Staatsanwälten die psychologischen Kenntnisse fehlten. Der Redner richtet zum Schluß an die Inden, die doch so großen Einfluß in der Presse. Politik und in juristischen Kreisen hätten, den dringenden Appell, zur Vorbeugung ähnlicher trauriger Ereignisse wie in Könitz für eine Umgestaltung des gesammten Voruntersuchungsverfahrens Sorge zu tragen. Daß die Adresse, an welche der Redner seine Forderung richtete, eine völlig falsche ist, brauchen wir wohl an dieser Stelle nicht näher auszuführen. Nachdem ein Antrag auf Drucklegung der Horwitz'schen Ausführungen einstimmig angenommen war, befürwortete Rechtsanwalt Hahn, die Diskussion über Könitz abzubrechen, um die erhebende Wirkung des Referates nicht abzuschwächeu. Die Versammlung erklärte sich hiermit einverstanden. Dr. Fuchs berichtete alsdann zum geschäftlichen Theile über den Vereinsbeitritt neuer Einzel- und korporativer Mitglieder und gab einen Ueberblick über die jüngsten Ereignisse und Strafverfügungen im antisemitischen Lager. Als wenig erfreulich bezeichnte er den Antisemitismus der Gebildeten und wendete sich mit besonderer Schürfe gegen Professor Panlsen und dessen in seiner Ethik gegebene Ausführungen. Hierdurch werde schließlich unseren Gebildeten der Sinn verdunkelt, daß das höchste Prinzip der Menschlichkeit sei, nicht zu generalisiren, sondern daß jeder Mensch das Recht habe, nach dem Maaße seiner Persönlichkeit beurtheilt zu werden. Die Juden hätten gegenüber den mannigfachen Anfeindungen die Pflicht, sich mit dem Geiste des Stolzes und mit dem Wesen und der Geschichte des Judenthums, die sie befähigten, stolz zu sein, zu erfüllen. 8. Berlirr, 28. Oktober. Der „Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde" leitete, nachdem er seinen Wahlaufruf an alle Mitglieder verschickt hat, heute seine Agitation durch eine Versammlung in dem Saale des Brüdervereins ein. Dieselbe war sehr gut besucht, und Justizrath Dr. Hermann Veit-Simon hielt das Referat über das Thema: „Die Aufgaben der jüdischen Gemeinde und die liberale Partei." DerNeduer schilderte die historische Entwickelung des Judenthums und erörterte die Frage, ob die liberale Partei berechtigt ist, Reformen überhaupt einzuführen. Die Erhaltung des Judenthums ist Hauptbedingung, und wenn die liberale Partei reformiren will, daun handelt es sich lediglich um Bestrebungen, die unter Wahrung dieser Hauptbedinguug erfolgen sollen. Der Redner hebt die sozialen Verhältnisse und die Unmöglichkeit Vieler hervor, das Gotteshaus am Sonnabend zu besuchen. Daher haben 5800 Mitglieder der Gemeinde an den Vorstand den Antrag gerichtet, den Predigtgottesdienst am Sonntag neben der Sabbathandacht einzurichten. Diesen! Verlangen sollte entsprochen werden. Der Besuch des Gottesdienstes ist nothwendig, und besonders sollten die Väter mit ihren Kindern die Synagogen besuchen. — Die hebräische Sprache soll neben der deutschen Sprache beibehalten werden, doch sollen die deutschen Gebete vermehrt werden. Hebräischer und Religionsunterricht müssen ertheilt werden, jüdische Neligionslehrer sollen den anderen Lehrern gleichgestellt werden. — Die Wohlthätigkeitsanstalten sind der Stolz der Gemeinde, einen besonderen Anlaß zu Debatten in den letzten drei Jahren hat das neue Statut für das jüdische Krankenhaus gegeben. Es ist gelungen, dasselbe in versöhnendem Sinne zum Abschluß zu bringen. — Die Mitarbeit der Frauen an den Wohlfahrtseinrichtungen wird mit großem Vortheil verwandt, aber es werde nothwendig sein, ihnen auch Stimmrecht au diesen Verwaltungen zu gewähren.— Redner wendet sich gegen die Behauptung, daß er das Judenthum einen Torso genannt habe, gerade das Gegeutheil ist der Fall: das Judenthnm soll auf dem Markt des Lebens stehen, und um dos Judenthum müssen wir uns schaaren. Eine lebhafte Debatte schließt sich an, in der auch mehrfach Gegner zum Wort gelangten. Der Hauptankuüpsungspunkt. den sie fanden, war

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