Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-01 · Heft 44 (1.11.1901) · p. Seite 527

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 44 (1.11.1901)
Date
1901-11-01
Page
Seite 527 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228464--58064-3294488
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

587 die für die jungen Leute die Kindertage und für Frau Gerber jedenfalls die bessere Zeit bedeuteten. Max gab ihr beruhigende Versicherungen über das Grab ihres Mannes ab, welches vvn der Gemeinde in gutem Stand gehalten würde, und beklagte sich mit bitteren Worten über seine Gegenwart. Er beklagte sich bitter über das Leben in der Großstadt. Das Gräßliche wäre, man ginge nicht gleichsam eiugehüllt in seiner eigenen Luft, man stände nicht in seinen eigenen Schuhen. In kleinen Orten habe er immer das Gefühl gehabt, ein Eigenmensch zu sein, auch wenn er mit sechs oder sieben Kneipgenossen kräftig anstieß. Jeder erledige dann sein Pensum an Bier und Toasten mit innigem Behagen, ohne stürmische Eile und brauche sich aus Rücksicht auf Andere nicht zu überstürzen, seiner Seele und seinen Gliedern keine Gewalt anzuthun. „Hier aber ist es anders," rief Max. „Wär ich nicht ein armer Teufel, ich gebrauchte nur Droschke. Nicht ans Protzenthum, nein. Aber in der Pferdebahn und in der Stadtbahn ist es entsetzlich. Ein Hering bin ich dann, eingepackt mit vielen anderen in einer ungeheuren Tonne." „Eins müssen Sie aber zugeben," sagte Anna. „Und das wäre?" „Die alte Heimath hatte doch auch ihr Unangenehmes." „Wie alles im Leben, Fräulein Anna." „Der Komfort der Großstadt fehlte." „O ja," sagte Max leicht ironisch. „Ich entbehre ihn entsetzlich." „Aber noch etwas anderes, etwas sehr viel schlimmeres." „Sie machen mich entsetzlich neugierig." „Es waren" — sie hielt einen Augenblick inne — „es waren ein bischen sehr viel Juden am Ort." Das junge Mädchen blickte starr vor sich hin und kräuselte ein wenig die Lippen. Max betrachtete das dunkle Gesicht im Profil, und dann noch diese schwellenden Glieder, die vor verhaltener Gluth schier schlaff und matt erschienen. Wenn Du wüßtest, wie Du anssiehst, dachte Max, dann würdest Du zugeben, mein Kind, die jüdische Raffe ist eine respektable Raffe. Aber das weißt Du nicht. Du kennst das Blut nicht, das in Deinen Adern rinnt — uraltes Judenblut, mein Kind, inein Kind. „Darin haben Sie Recht, Fräulein Anna. Aber war das rin Fehler?" „In meinen Augen ja." „Aber ich und Sie, Ihre Mutter —" „Sie sind wirklich komisch, Herr Jarvby. Davon spreche ich gar nicht." „Sondern —" „Von diesen Polnischen. Sie wissen ja, die in den langen Nöcken. Jeden Freitag saßen sie in den Läden und in den Ztuben und tranken ihren Schnaps." „Auch ich liebe nicht den langen Rock," sagte Max, „trotzdem —" „Das wäre noch das Wenigste, der lange Rock. Aber es war noch anders, Herr Jacvby, ganz anders. Auch die ohne den langen Rock, die —" „Nun, Fräulein Anna, also die —" „Ich muß gestehen," sagte sie gereizt, „dieses Thema iuteressirt mich sehr wenig. Aber wenn Sie durchaus wollen — sie sind so unbescheiden, diese Polnischen." „Du bist närrisch, Anna," sagte Frau Gerber, und Max dachte an den kleinen, verschüchterten Davidsohn, dem Fräulein Anna vermuthlich auch zu den „Polnischen" rechnen würde. Er hielt es für richtig, von dieser neu-alten Bekanntschaft vorläufig nichts verlautbaren zu lassen. „Und dann die wulstigen, aufgeworfenen Lippen bei diesen Polnischen", schloß Anna ihr Verdikt. lSchluß folgt. Litterarrfchr Mitteilungen. — „Aus jüdischer Seele", Gedichte von I. Löwenberg, Hamburg 1901. Verlag von M. Glogau jr. Was der Titel besagt, dem entspricht der Inhalt. Es sind diese Gedichte eiuer echt jüdischen, tief und innig empfindenden Seele entsprungen. Die uieisten derselben sind uns zwar alte Bekannte, da sie scholl in den früheren Gedichtsammlungen Löweubergs sich zerstreut vorfinden. Aber weil wir sie schon in ihrer früheren Gewandung lieb gewonnen, darum begrüßen wir sie in dieser neuen Zusammenstellung nur so herzlicher. Da ist zunächst die erste Gruppe: „Lieder eines Semiten." In ihnen giebt der zartempfindeude Dichter in formvollendeter und zu Herzen sprechender Weise die Gefühle wieder, die der Antisemitismus in seinem Inneren erweckte. Tiefer Schmerz und heiliger Zorn erfassen ihn ob jener feindseligen Bewegung. Als Jude und als Deutscher fühlt er sich durch sie in dem, was ihm am theuersten ist, auf das Empfindlichste verletzt. Drum geht er auch nicht schonend mit ihr um. In seinem Sarkasmus, der oft zu beißendem Spott cmwächst, versetzt er dem Gegner gar wuchtige und sicher treffende Hiebe. Er ist aber ein zu guter Deutscher und ein zu überzeugungstreuer Israelit, als daß er sich durch böswillige Angriffe die Freude an d.m deutschen Vaterland und dessen großen Errungenschaften, oder den Glaubell au die Hoheit und Erhabenheit seines Iudenthums rauben lassen sollte. Deshalb hat er auch nur Verachtung für die feige Fahnenflucht, die nicht aus Ueberzeugnng, sondern ans schnöder Gewinnsucht in das gegnerische Lager eilt. — Gerade weil wir heute von den Wogell des Antisemitismus rings umspult werden, darum erwecken diese herrlichen Lieder in uns einen um so lauteren und verständnißvolleren Widerhall. — Die zweite Gruppe behandelt Stoffe und Gestalten aus dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Litteratur. Es sind diese Gedichte nicht minder schön wie die vorher besprochenen, und auch sie legen Zeugniß ab von einer ganz außerordentlichen poetischen Gestaltungskraft. Das warmherzige Empfinden und die tiefe Gemüthsinnigkeit des Dichters leuchten am klarsten ans den Gedichten hervor, die uns in sein jüdisches Elternhaus versetzen. Wenn er seines verstorbenen Vaters gedenkt, oder das Bild der verklärten Mutter vor ihm aufsteigt, dann schlägt er wahrhaft herzergreifende Töne an. So dürfen wir denn unser ILrtheil über die neueste Gedichtsammlung Löwenbergs dahin znsammenfassen, daß sie, was Tiefe und Wahrheit der Empfindung, Wohlklang der Sprache, leichten Redefluß und Schönheit der Form angeht, den besten neuzeitlichen lyrischen Erzeugnissen sich würdig an die Seite stellen. Möchten sie auch eine dementsprechende Verbreitung finden. Seit langer Zeit ist uns keine solche oder ähnliche Gabe geboten worden. Um so höher sollten wir sie darum schätzen und ihr den weitesten Eingang bei uns verschaffen. Es sollten diese Gedichte in keinem jüdischen Hause fehlen. Da auch die äußere Ausstattung vortrefflich ist, so eignen sie sich auch vorzüglich zu Barmizwahgeschenken und Schulprümien. Mögen sie recht oft eine diesbezügliche Verwendung finden. R. — HarnacksVorlesnngeu über das Wesen desChristen - thums von Dr. Leo Bäck. Rabbiner in Oppeln. Breslau, Verlag von Wilhelm Köbner lJuh.: Baresch Niesenfeld). Der Wunsch, welcher in dem Leitartikel derNr. 41 dieses Blattes: „Eine große Aufgabe" ausgesprochen wurde, daß ein Buch geschrieben werden möge, welches gegen die Anschauung und die Beurteilung des Judenthums in dein bekannten Werke von Harnack: „lieber das Wesen des Christentums" die Polemik eröffne und dem berühmten evangelischen Theologen eine Reihe großer Jrrthümer Nachweise. findet sich in dem uns vorliegenden Buche: „Harnacks Vorlesungen über das Wesen des Christenthums" von Dr. Leo Bäck, Rabbiner in Oppeln, erfüllt. In maßvoller, aber überzeugender Weise werden hier die Grundfehler in der Darstellung und Anschauung Harnacks uachgewiesen, insbesondere der Umstand, daß Harnack bei

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.