Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1901)
- Date
- 1901-11-01
- Page
- Seite 526 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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526 „Ich bin es, Fräulein Anna. Hoffentlich für Sie keine Enttäuschung." „Enttäuschung? Seltsam! Daß ich nicht wüßte? Wieso? Wenn ich nicht irre, so sind Sie ein alter Bekannter von Mama und meines Bruders." Sie sprach in einem kalten, fast feindseligem Ton, der den jungen Mann unwillkürlich zum Widerspruch reizte. „Sie haben Recht. Ich bin ein alter Bekannter Ihrer Mutter und Ihres Bruders. Aber, Fräulein Anna, ein alter Bekannter auch von Ihnen. Ich weiß wie hellte, wie ich dem kleinen Mädel einmal tüchtig auf die Finger klopste." Sie trat erstaunt einen Schritt zurück, während er stehen blieb und sie anlächelte. Da reichte sie ihm zum zweiter: Mal die Hand. „Ich sehe, ich war unartig. Verzeihen Sie mir. Ich bin manchmal ein Backfisch, ich habe Launen." „I freilich," sagte die Mutter. „Du glaubtest, es wäre ein Anderer." „Mama," rief das junge Mädchen mit gehobener Stimme und warf funkelnden Auges den Kopf zurück. Sie setzte sich nun aus den Stuhl vor dem kleinen Tisch, indem sie Max mit einer Handbewegnng einlud, gleichfalls Platz zu riehen. „Mama, Herr Jaeobh und ich trinken zusammen Kaffee. Sag es dem Mädchen." „Sieh, wie die koiumandirt," murmelte Frau Gerber, ging aber doch hinaus, den Kaffee zu besorgen. Max aber streckte die Hand über die rechte Schmalseite des Balkons und griff in die Krone eines großen Ahornbanmes, der unten in dem kleinen Vorgarten wurzelte und einzelne seiner duftigen Zweige über den Balkon hinüberwarf. „Allerliebst," rief Mar. Fräulein Anna lächelte: „Und ist das alles, was Sie sehen?" Nein, er sah noch mehr. Vor ihn:, auf der Längsseite und auch links neben ihm standen in dichtgedrängter Schaar die Blumentöpfe mit tiesdunklen und hellerer: Rosen, mit Herzblumen und anderen seltsam geformter: Blüthenkelchen, die dem jungen Manne ganz fremd erschienen. Das Balkongitter selbst war ganz umsponnen von dichten Weinguirlanden. Mar setzte sich und sah nun irr die Blumen hinein, als wäre dieser Balkon von der Außenwelt ganz abgesperrt. „Und warum alles roth?" fragte er verwundert. „Tie meisten Menschen lieben Abwechslung. Aber ich nicht," erwiderte Anna. „Und roth?" „Ist meine Lieblingsfarbe, Herr Jaeobh." „Das erklärt alles. Ihr Geschmack ist also sozialdemokratisch, Fräulein Anna." „So -" Der gedehnte Ton ihrer Stimme ließ nichts Gutes erwarten, und sie warf ihm einer: finstern Blick zu. Plötzlich huschte ein Wechsel über ihr lebhaftes Gesicht, und sie lachte hell auf: „Kölnische Menschen, diese Sozialdemokraten." „Finden Sie das?" „Ich muß gestehen, ja. Sie sind wohl selbst einer?" „Das gerade nicht. Aber komisch finde ich diese Menschen durchaus nicht."! „Ja ja. Ich war einmal in einer solchen Versammlung.! Immer, wenn ich daran denke, muß ich lachen." i Max schwieg verstimmt. Anna aber warf unruhige Blicke durch die offen stehende Balkonthüre. Sie bemerkte den Unmuth ihres Gastes und wünschte, die Mutter käme mit den: Kaffee, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. Der junge Mann aber empfand jetzt diesen durch Blumen und Guirlanden von der Außenwelt abgesperrten Balkon als eir: schwüles, enges Gefängniß, dessen Wände auf ihn einzustürze:: drohten. Er begann zu spüren, daß die Nachmittagshitze auch in diesen: Vorort brütete und keineswegs nur irr der Großstadt zu finden war. Der Schweiß tropfte ihm auf der Stirn. Er wurde unruhig über diese beängstigende Stille und stand schließlich auf. Da freilich, wie er sich emporrichtete, sah er plötzlich über der: Balkon hinweg in die Straße hinein, die jetzt von Spaziergängern wimmelte, während die vollbesetzter: Pferdebahnen rasch hintereinander in langer Reihe vorüberfuhren. Ihr lautes, stumpfes Geläute wurde von oem feinen Geklingel der Radfahrer übertönt, die unaufhörlich das Publikum zum Ausbiegen mahnten. Hinter den: Fahrdamrn lag der große Park. Bequem konnte Max durch diese langer: Baumreihen hiudurchschauen und mit ansehen, wie sich die bunte, glänzende Schaar der Spaziergänger die Windungen und Krümmungen des hügeliger: Waldweges langsam Hinaufwand. Weiße Sommerkleider strahlten durch dunkle Stämme, und über Straße und Park lag die Nachrnittagssonne mit jenem seltsamen Ton und Glanz, der ein letztes Zusammenfassen aller Gluth und Kraft und ein stilles Vorgefühl der Abendröthe zu bedeuten scheint. Dieser Anblick beglückte Max und blies jedes Stäubchen von Unmuth aus seiner Seele fort. „Wie scholl Sie wohnen," sagte er und setzte sich. In diesen: Augenblick erschien Frau Gerber im Nebenzimmer. Sie hielt mit beiden Händen das Theebrett, vor: welchen: das weiße Kaffeegeschirr lockend herniederglänzte. „Frau Gerber, Sie selbst," rief Max und machte eine unwillkürliche Bewegung, als wollte er aufstehen und ihr das Theebrett abnehmen. „Bleiben Sie mal ruhig sitzen," sagte die alte Dame und stellte den Kaffee auf den Tisch. „Dazu wäre meine Tochter da, dieses Prinzeßchen, das der alten Mutter manchmal doch Helsen könnte." Anna wurde roth und sagte etwas verlegen: „Du bist boshaft, Mama. Ich bin manchmal etwas faul, das ist wahr." Sie griff zur Kanne und sah mit Freude, daß auch noch eine dritte Tasse dastand, ein Zeichen, daß auch die Mutter trinken wollte. „Natürlich," sagte Frau Gerber. „Zu Ehren eines Gastes sieht man sich auch zum hundertzehnten Male eine alte Aussicht an." Da lächelte Anna und sagte zu Max: „Das ist der Unterschied von mir. Mama liebt Abwechslung, und dieser Balkon ist ihr viel zu langweilig." Man trank den Kaffee, eine Tasse, zrvei, drei Taffer: später und auch der Kuchen, der nach einem alten Rezept aus der Heimath hergestellt war, mundete dem jungen Mann vortrefflich. „Das habe ich lange entbehrt," sagte er und griff nach einem zweiter: Stück. Ganz von selbst kam nur: das Gespräch auf die alte Heimath zurück und beschäftigte sich zunächst mit den Backofen, mit Küche und Keller, um darrrr zürn Hof und Garten emporzusteigen, zum freien Sonnenlicht, zu jener: fernen Zeiten,