Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1901)
- Date
- 1901-11-01
- Page
- Seite 525 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Mit seinen Kinderpredigten hat Hochfeld unfern Jugendgottesdienst zuerst literarisch eingeführt, sozusagen offiziell gemacht; sie sind eine Erstlingsgabe der neuen Sabbath-Minchafeier, die die althergebrachte bei weitem überstrahlt. Als älteres literarisches Vorbild kämen allein die freilich klassischen „Sabbathstundeu" des unvergeßlichen David Cassel in Betracht. Es lag daher für Hochfeld nahe, sich einleitend auch über die homiletischen Fragen zu äußern, die die Kinderpredigt zu lösen hat, und seine diesbezüglichen Darlegungen können auf den Beifall der Fachgenossen rechnen. Aber das Schwergewicht der Veröffentlichung liegt in den Reden selbst, sofern sie zeigen, wie der Prediger seine eigenen Anweisungen befolgt. Und da wird Jeder, der die Schwierigkeiten der Jugendpredigt einmal erwägt, bekennen, daß Hochfeld seine Aufgabe nicht nur wohl durchdacht, sondern auch trefflich gelöst hat. In Texten und Themen, Aufbau und Ausbau, überall begegnet uns der gleiche treffsichere Takt. Nachdrücklich bedient er sich der heiligen Sprache, wenn das der Schrift entlehnte Textwort dein Kinde schon am Kleide kenntlich werden soll, wie etwa in den folgenden Reden: „Werde ein Segen!" „Wie kann ich meinem Vater unter die Augen treten! " „Ehre Vater und Mutter!" u. s. w. Auch rein thematische Reden finden sich, mit desto schärfer bezeichnetem Gegenstand. „Nützet die Gaben Gottes!" a. a. Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß Hochfeld sich den reichen Schatz von Sentenzen, Legenden und Parabeln aus Talmud und Midrasch nicht hat entgeheil lassen, ans dem die Kinder nie genug hören können. Reizvoll nehmen sie nch neben den fast ebenso gern verwendeten Blumen von Arabiens und Hellas Gefilden aus. Auch das Gleichnis; nimmt seinen gebührenden Rang ein; nicht umsonst rühmen die Alten vom königlichen Prediger Salomo-Kvheleth fMidr. chasitha zu Ans.), er habe sich durch Erfindung und Pflege der Gleichnißrede um die Lehre verdient gemacht. Daneben flicht der Redner gern persönliche Erfahrungen und Beobachtungen ein und macht in der ganzen Diktion bescheidentlich-stolz von dem schönen Vorrecht des Lehrers Gebrauch, von der Jugend als Träger des Wissens und Vorbild anzustrebender Lebens- Höhe betrachtet zu werden. Hier ist er wie ein Gärtner, der pflanzt, veredelt, rodet; dort ein Landmann, der Furchen zieht, den Boden entsteinigt, die Saat ausstreut; hier wieder der Hirt, der leitet und labet. Säumige ermuntert, Vordringlichen wehret. In allem aber ist er der Lehrer mit dem praktischen "lick für alles, was die Jugend fördern kann, und der eines oesonders niemals vermissen läßt: die Liebe. So kann der Redeakt die höchste Mission an der Jugend erfüllen, sie religiös-sittlich zu stärken und zu veredeln, und das ist die Frucht des Jugendgottesdienstes. Er senkt in die Herzell der Kinder die Fundamente zum Bau des Charakters, darunter auch jenes wichtigste, die Frömmigkeit. Hat das Kind das Gotteshaus lieben und als Stätte geistiger Freuden schätzen gelernt, dann kehrt auch einst der gereifte Mann, kehrt die edle Frau gern in ihm ein. Wo Geist und Herz einmal so glück- -ch waren, dahin zieht es uns immer wieder wie nach der Heimath. Hochfelds Erstlingsgabe läßt uns ahnen, wie ertragreich die Arbeit des Predigers an der Jugend sein kann, und welch' verheißungsvolle Perspektiven sich ihm hier eröffnen. Wenn wir aber oben andeuteten, daß der wohlthütige Einfluß des Jugendgottesdienstes sich noch weiter verfolgen ließe, w zielt das auf die Betheiligung der ganzen Gemeinde an dem etzteren. Eine solche liegt schon darin, daß die Gemeinde ihre Jugend eifrig und regelmäßig in unseren Gottesdienst entsendet; denn die Jugend will geleitet sein. Sodann werden aber auch viele Eltern ihre Kinder gern selbst ins Gotteshaus begleiten, um ihrer Andacht und Erweckung anzuwohnen. So manches vom Prediger an die Kinder gerichtete Wort gewinnt für sie, da sie ihnen als Vorbilder dienen sollen, eine besondere Bedeutung. Auch das so oft vermißte Zusammenwirken von Haus und Schule gerade auf religiösem Gebiete wird sich da unvermerkt anbahnen und beleben. Und wer etwa sonst den Jugendgottesdienst besuchen will, weil ihn berufliche oder häusliche Pflichten vom Hauptgottesdienste fernhielten, wird erhoben und erbaut werden. Ein Hauch der Andacht wird von den Kindern ans jedes empfängliche Gemüth übergehen, und das „Amen der Schulkinder", das Gott so gern hört (Melrs Ausspruch in Sanhedrin 110b!) von der Gemeinde von Erwachsenen immer mit besonderer Freudigkeit ausgenommen werden. Wir sind Hochfeld für seine Erstliugsgabe Dank schuldig, die diese Bezeichnung ja auch als erste litterarische Frucht seiner Amtsthätigkeit verdient. Wir haben nicht allein die Hoffnung, nein, die Gewißheit, daß er uns bald mit Neuem erfreue» wird. Unsere Anerkennung aber sollten wir ihm dadurch bekunden, daß wir sein Büchlein unseren Kindern in die Hand geben, ihnen daraus vorlesen, kurz, es wie einen guten Freund bei uns einführten. Unsere Freunde mögen wenig und wohl gewählt sein; was uns aber Hochfeld zu sagen hat, und wie er zu unseren Kindern zu reden weiß, das darf ihn uns zum vertrauten Freunde machen. Predigten sind Seelenbekenntnisse oder sollen es doch sein. DieHvchfeldschen sind es völlig, und nicht nur für den Eingeweihten und Vertrauten. Jeder, der sie liest und rein sachlich benrtheilt, wird leicht inne werden, daß hier nicht nur ein geschickter Prediger redet, sondern eine echte Persönlichkeit Predigt. Eine solche aber ist vorzüglich zum Lehrer der Jugend berufen. Möchte diese sich doch an mehr und immer mehr Orten um ihn scharen und seine erste treue Gemeinde vergrößern helfen. Wie herrlich erscheint doch dem Propheten Jesaja dies Strömen zum Worte Gottes — und nur ein jüdisches Ideal konnte so lauten: „Einst sind alle deine Kinder Belehrte des Herr», und dann wird reich ihr Friede sein!" Die Meile Mirjam. Von S. Lublinski. S) II Manila Gerber zeigte eine große äußere Aehnlichkeit mit ihrer Mutter. Die gleiche volle, Plastische Gestalt, der gleiche Gesichtsschnitt, einekleine Stirn undgebogeneNase. Aber sie war viel dunkler; sie hatte ganz schwarze Augen, tief schwarzes Haar und eine gebräunte Haut. Ihre Bewegungen schienen oft matt und lässig, um dann in plötzliche Wildheit überzugehen. Nichts von der bürgerlichen Behaglichkeit, mit welcher sich die Mutter voll Zimmer zu Zimmer bewegte. „Herr Jacobh?" fragte jetzt Fräulein Anna mit etwas zögernder Stimme und reichte dem jungen Mann flüchtig die Hand.