Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-01 · Heft 44 (1.11.1901) · p. Seite 524

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 44 (1.11.1901)
Date
1901-11-01
Page
Seite 524 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228464--58061-3294485
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

b21 Israel, suchen Sie in der Geschichte überhaupt, wo eine Botschaft von Gott und vom Guten so rein und so ernst — denn Reinheit und Ernst gehören zusammen — gewesen ist, wie wir sie hier hören und lesen!" —, so müssen wir darüber staunen. Wir müssen staunen über den Widerspruch, den er sich da leistet, nachdem er kurz vorher erklärt hat: „Kann der kraftvolle und tiefe religiöse Individualismus jene Psalmisten noch überboten werden, der da bekannt hat: „Herr, wenn ich nur dich habe, frage ich nicht nach Himmel und Erde?" Kann das Wort Michas überboten werden: „Es ist dir gesagt, o Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demüthig sein vor deinem Gott?" Wir müssen staunen, wenn wir uns erinnern nur an Moses Worte: „Ihr werdet mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Bolk"; „Werdet heilig, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott!" „Liebe den Ewigen deinen Gott mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft!" „Was verlangt der Ewige, dein Gott, von dir? Doch nur, daß du ihn ehrfürchtest und in allen seinen Wegen wandelst, daß du ihn liebest und ihm dienest mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele!" — oder an Jeschajas Botschaft: „Mein Heil bleibt ewig und meine Hilfe voll Geschlecht zu Geschlecht (wenn auch alles Geschaffene vergänglich ist)." „Du, Ewiger, bist unser Vater, unser Erlöser von jeher — ist dein Name!" — oder all Jirmejas Botschaft: „Nicht rühme sich der Weise seiner Weisheit, der Starke seiner Stärke, der Reiche seine Reichthums. sondern dessen rühme sich, wer sich rühmen will, einznsehen und mich zu erkennen, daß ich, der Ewige, Liebe, Recht und Gerechtigkeit übe auf Erden, daß ich daran Wohlgefallen habe!" - oder all Jecheskels Botschaft: „Siehe, alle Seelen sind mein, wie des Vaters Seele so des Sohnes Seele sind mein!" „Ihr, meine Heerde, meiner Weide Heerde, seid Menschen und ich euer Gott!" — oder an Simons des Gereckten Spruch: „Ans drei Dingerl steht die Welt: auf der Kenntniß der göttlichen Wahrheit und des göttlichen Willens, auf dem Dienste und Leben nach dieser Wahrheit und nach diesem Willen, auf der uneigennützigen Liebesthätigkeit für das Heil der Mitmenschen" — oder endlich noch an Antigollos' aus Sochv Spruch: „Seid nicht wie die Diener, die den Herrn bedienen in der Absicht, Lohn zu empfangen, sondern seid wie die Diener, die den Herrn bedienen ohne die Absicht, Lohn zu empfangen lind Furcht des Himmels sei über euch!" Alle Botschaften und Sprüche stammen aus der Zeit vor Jesus! Wir schließen diese Zeilen mit der Bemerkung, daß Harnacks Rede über das Judenthum blendend, aber nicht beweisend ist, und mit der Hoffnung, daß eine bald erscheinende Schrift über das „Wesen des Judenthnms" mehr Licht über die noch immer dunkle Zeit der Anfänge des Christenthums verbreiten wird. Kinderprediglen. Von Rabbiner Dr. Samuel in Essen. ls wir vor einiger Zeit in diesen Blättern ein Bild von der Nemveihe des Sabbaths unserer Tage entwarfen, glauben wir nicht sobald, eine junge Blüthe desselben aufweisen zu können. Heute begrüßen wir eine solche in Dr. Hochfelds soeben erschienenem Erstlingswerke, 16 liebliche Reden, beim Jugendgottesdienste am Sabbath-Nachmittag in Frankfurt a. O. gehalten, in ihrer Wirkung auf die Zuhörer bereits erprobt, aber auch einer freundlichen Ausnahme in den weitesten Kreisen werth und sicher.') Denn daß wir es nur voraus schicken, diese Reden sind Kleinode in ihrer Art, 'N1L71 2Nt, ihrem engen und doch hohen Zwecke vortrefflich angepaßt. In ihrer schlichten Kunstform und ihrem lichten Inhalt müssen sie auch beim Lesen einen Jeden erquicken, der ein Herz für die Jugend hat. Auch zeigen sie wieder deutlich, wie unsere alte Lehre noch unsere modernste Jugend gar reich an Geist und Gemüth machen kann, wenn ihr mir vollauf Gelegenheit gegeben wird, ans diese einzuwirken. Keine wichtigere Ergänzung für den religiösen Unterricht als derJugendgvttesdienst, speziell die Jugendpredigl! Jener diene dem schnlgemäßen Erwerb religiöser Kenntnisse, diese dem freien, dort herrsche System und feste Ordnung, hier Schönheit und Liebe, dort Theorie, hier wirkliches Leben. Ein Stück wirklichen, vom Kind miterlebten religiösen Lebens, das ist in Wahrheit der Jugendgottesdienst, auf den Hochfelds Predigten die erneute Aufmerksamkeit lenken. Seine Einführung vor etwa 15 Jahren war eine dringende Forderung der Zeit, und wenn wir nicht irren, ein Verdienst der Berliner jüdischen Gemeinde. Die ursprüngliche Absicht, zunächst den Schülern, welche am Sabbath-Vormittag die Schule besuchen, einen Ersatz für den versäumten Hauptgottesdienst zu schaffen, erweiterte sich von selbst zu dem Plane, einen selbstständigen, dem kindlichen Alter überhaupt angepaßten Gottesdienst emzurichten. Zu ihm soll sich die ganze Jugend der Gemeinde einfinden, um in ihrer Sprache zu beten und nach ihrem Verstand das Gottesivort zu hören. Auch der Lehrer unserer jüdischen Volksschule also, der seine Kinder am Freitag Abend und Sabbath Vormittag im Gotteshause versammelt, wird sie darum nicht minder eifrig zum Jugendgottesdienst führen, weil dieser das jugendliche Alter besonders berücksichtigt, und sich das Kind in ihm bevorzugt und heimisch fühlt. Wie fruchtbar der Gedanke unserer Institution war, zeigt so recht ihre schnelle Verbreitung; schon jetzt ist der Jugendgottesdienst allein in Preußen in 80 Gemeinden eingeführt. Seine Aufgabe lautet, mit Hochfelds eigenen Worten, „die Kinder zur lebendigen Theilnahme am religiösen Leben der Gemeinde heranzubilden". Damit ist seine vornehmste Bestimmung gekennzeichnet; sein erziehlicher Einfluß wird sich sogar noch weiter verfolgen lassen. Die wichtigste Unterstützung kommt ihm dabei von Seiten einer erhebenden Liturgie, wie sie gerade in dem Berliner Gebetbüchlein vorliegt, das sich überall glänzend bewährt hat. Wir würden dessen beabsichtigte Rückwärtsrevidirung daher lebhaft bedauern, zumal die Jugend vor nichts so sehr geschützt werden sollte, als vor dem religiösen Zwiespalt; der musikalische Theil stammt zudem von keinem Geringeren als Meister Lewandowski. Trefflich sehen wir den Gedanken durchgesührt, die Jugend zur Mitwirkung heranziehen und unausgesetzt zu beschäftigen. Den Chor bildet die ganze Kinderschaar, zur Thora werden Barmizwa-Knaben aufgerufen und rezitiren die Segenssprüche; der Thoraabschnitt wird auch in deutscher Sprache vorgelesen, und die Predigt bewegt sich ganz im Gedanken- und Jnteressenkreise der Jugend. h Kiuderpredigteu. Von Dr. S. Hochfeld, Rabbiner in Frankfurt a. O. Berlin, M. Poppelauers Verlag. IdOl.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.