Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1901)
- Date
- 1901-11-01
- Page
- Seite 523 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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vorzüglich zu seiner Kenntnis; zu bringen. Rackwitz theilt unter Ziffer 7 den erwähnten Vorfall*) mit, verzichtet jedoch auf jede Kritik desselben und ermöglicht so die geniale Konstruktion eines Geschichtskenners, wie des Herausgebers des „Bayerischen Vaterland". Eine kritische Analyse ergiebt die Unwahrheit der ganzen Erzählung. 1. Es heißt ausdrücklich, die Juden hätten das Christenweib beredet, ihr Kind zu verkaufen. Welche Absurdität! Die Juden, nicht einzelne, sondern alle sollen ein Christenkind gekauft haben! Wo hat sich solches jemals ereignet? — Kürzlich noch konnte ich der „Frankfurter Zeitung" berichten, daß der Korrespondent eines Walliser Blattes seinen Lesern ein Geschichtchen auftischte, demzufolge die die Schweiz besuchenden Fremden Kinder kaufen und — essen wollten. Man wird den psychologischen Zusammenhang begreifen. 2. Sagen die Berichte: es soll ein Jude Jakob Wolfs, ein sogenannter Medirus, behelligt gewesen sein. Mau beachte wohl: erst werden alle Inden als Schuldige genannt, kein Name, dann ein Jude mit dem voll ausgeschriebenen Namen, und der — soll. 3. und das ist entscheidend: es ist eine Untersuchung angestellt worden, und diese Untersuchung hat zu nichts geführt; denn die weise Untersuchungskommission hat einen bravenJuden, der die Soldinische Post benutzte und den nicht seltenen Namen Levin Benjamin trug, für den Jakob Wolfs gehalten. Das ist das einzige Resultat der beiden Untersuchungskommissionen. Ist dies das negative Resultat, so ergiebt sich positiv, daß Juden überhaupt nicht betheiligt waren. Zu dieser Ansicht führt folgende Ueberlegung: Es sei vorangeschickt, daß das Archiv in Landsberg sich entweder keines Archivars erfreut oder eines solchen, der auf an ihn gerichtete Briefe nicht zu antworten instruirt ist.^) Gleichzeitige Relationen lassen erkennen, daß sich zu dieser Zeit viel Polnisches Raubgesindel — keine Juden — in der Nähe von Landsberg, in Posen und Brest Herumtrieb, daß die Bevölkerung, häufig heimgesucht und geplagt, endlich grausame Rache dafür nahm, wogegell natürlich eine Reaktion nicht ausblieb. Ist überhaupt ein Mord geschehen, so ist er jo zu erklären, — aber höchst wahrscheinlich ist alles ein Märchen. Adolf Aarnack und das Iudenthmn. Non Rabbiner Dr> Fried manu in Lublinitz. >^piue Frucht seines dreißigjährigen Bemühens hat Herr Prosessor Dr. Harnack in seiner Schrift „Das Wesen des Christenthttms" gezeitigt. Er hat sich bemüht, seine Religion historisch in ihrem Ursprung und in ihrem Verlause zu verstehen und darzull'gen. Und wer auch nur die ersten 30 bis 40 Seiten seiner Schrift gelesen hat, der wird zweifellos gestehen müssen, daß dieses Bemühen säst aus jeder Zeile zu erkennen ist -- besonders da, wo er auf das Verhältnis; seiner Neligron zum Judeuthum zu reden kommt. Uns kann h Dieser Vorfall ist nebcil 29 anderen in einem dünnen Aktenstück des Landsberger Archivs niitgetheill; die Aufschrift des Aktenstücks larcket: „rrcckn enthaltend Zeitungs-Relation es 1736—1757." ) Die historische Konsll«ktion hätte sonst mit mehr Belegen gemacht werden können. ja zunächst nur diese Stelle interessiren. Was hören wir nun bezüglich dieses Verhältnisses? Hauptsächlich und schließlich dieses Eine: „Er predigte gewaltig, nicht wie die Schristgelehrteu und Pharisäer. Seine Worte wurden ihnen (den Jüngern) zu „Worten des Lebens", zu Samenkörnern, die aufgingell und Frucht trugen - das war das Nene." Also die Wirkung der Predigt auf die so geringe Zahl seiner Jünger war das Neue, und dieses Novum genügt, um die neue Religion höher zu stellen als das Judenthum, die Mutterreligion! Kein neuer Gedanke, keine neue Idee, keine neue Lehre wurde gebracht, denn „die reine Quelle des Heiligen war längst erschlossen, aber Saud und Schutt war über sie gehäuft worden, und ihr Wasser war verunreiuigt," — und Christus hat diesen Schutt und diesen Sand beseitigt, „den Priester und Theologen aufgehäuft hatten, um den Ernst der Religion zu ersticken, um tausend Dinge auch für Religion zu halten und so wichtig zu nehmen wie die Barmherzigkeit und das Gericht." Wir fragen: Welche tausend Dinge sind da gemeint? Sind diese tausend Dinge, von Priestern und Theologen allgeordnet, wirklich nur dazu bestimmt gewesen, um den Ernst der Religion zu trüben? Sind sie nicht vielmehr bestimmt und geeignet gewesen, um den Weinberg Gottes zu nmzäunen? Kann man voll einer Religion, welche schon damals zu ihren höchsten Festen den Neujahrstag (den Tag des Gerichts) und den Versöhnungstag gezählt hat, behaupten, daß sie jene tausend Dinge so wichtig nahm wie die Barmherzigkeit und das Gericht? Und wenn sie sie so wichtig nahm, wenn sie neben dem Großen auch das Geringere für wichtig hielt, — hat dies der Barmherzigkeit und dem Gericht geschadet? Alle diese Fragen harren noch des Beweises seitens Haruacks, und wir meinen, daß er diesen Beweis ewig schuldig bleiben wird, weil er nicht zu erbringen ist, weil eben das Gegelltheil wahr ist. Aber selbst wenn er ihn erbringen könnte, selbst wenn er die „tausend Dinge" als schädlich für die reine und ernste Religion erweisen könnte, — selbst dann hatte er den höheren Standpunkt seiner Religion noch nicht dargethan. Oder hatten vielleicht die Sadduzäer und später die Karäer, welche die Tradition verwarfen, darum eine bessere, höhere Religion? Haben sie jemals solches zu behaupten gewagt? Und wenn sie dies gewagt Hütten, — wo wäre d er Mensch zu finden gewesen, der ihnen zugestimmt Hütte? Doch Harnack sagt weiter: „Pharisäische Lehrer hatten verkündigt, im Gebot der Gottes- und Nächstenliebe sei alles befaßt; herrliche Worte hatten sie gesprochen; sie könnten aus dem Munde Jesu stammen! Aber was hätten sie damit ausgerichtet? Das; das Volk, daß vor allem ihre eigenen Schüler den verwarfen, der mit jenen Worten Ernst machte! Schwächlich war alles geblieben, und weil schwächlich, darum schädlich. Worte thuu es nicht, sondern die Kraft der Persönlichkeit, die hinter ihnen steht." Wir fragen: Aus welcher Geschichtsquelle, die rein, wahr und unparteiisch ist, hat Harnack geforscht und erfahren, daß die eigenen Schüler jerler Lehrer den verwarfen, der mit jenen Worten Ernst machte, daß sie ihn lediglich aus den; Grunde verwarfen, weil er mit jenen Worten Ernst machte, und nicht ans einem andereil Grunde? Aber alles wäre für uns, vom Standpunkte Harnacks ans wenigstens, noch zu begreifen. Wenn er aber emphatisch ausrust: „Suchen Sie in der ganzenNeligivnsgeschichte des Volkes