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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-01 · Heft 44 (1.11.1901) · p. Seite 521

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 44 (1.11.1901)
Date
1901-11-01
Page
Seite 521 (sequence 7)
Language
German
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521 ließen, wenn er aus diesen Ursachen heraus Ausweisungen guthieb, wie war es anders als zu den Zeiten seiner Vorgänger und seiner Nachfolger. In Bismarcks Jdeeugange war die Logik nicht zu verkennen, wenngleich seine damalige Taktik insofern paralysirt wurde, als die anderen Staaten dasselbe mit Preußischen Neichsangehörigen thaten, wie Bismarck es mit den Ausländern vornahm. Materiell war die Taktik für den Osten nichts weniger denn ein Gelvinn, ideell war sie sogar ein großer Verlust, und sie hatte Aehnlichkeit mit der That jenes Märchenriesen, der, um eine Kraftünßerung zu bethätigen, nach einer Biene schlug. Die Biene biß ihn in den Finger und blieb leben, der Riese aber hatte den Schmerz und die Wunde. Der kleinbürgerliche Grundsatz ,,manns munmn Invnt" war auf die Politischen Beziehungen der verschiedenen Staaten recht wirkungsvoll. In der inneren Politik aber wurde er schon zu Noms Zeiten abgelöst durch die Frage: „Oui vono?" In der Politik, diesem Erzfeinde des menschlichen, rein menschlichen Gefühls, muß doch bei jeder, jenseits des direkten Slaatsmteresses liegenden Neuerung gefragt werden: Wem nutzt diese Maßnahme? Die klügsten Leute hatten diese Frage nicht zu beantworten vermocht, als Bismarcks Vorgänger Ausweisungen Vornahmen. Die Weisestell unter den Weisen wären aber nicht au Staude, die Antwort in Bezug auf die jetzigen Ausweisungen Ul geben. Wozu Tüfteleien anstellen über eine, sagen wir es offen, über eitle unfaßliche Sache? Waren die harmlosen vandlungsreisenden, die Quintaner und Quartaller wirklich dem preußischen Staate lästig? Waren sie, die deutsche Bildung genossen, die im Erwerbsleben der Deutschen ihren Platz sandelt, eilte Gefahr für das Deutschthum? In den Zeiten, von denen es nachher hieß, daß eine wenig energische Negierung ihnen den Stempel aufdrückte, war es wohl denkbar, daß der Ton der Musik in Berlin und im Osten sehr verschieden war. Wenn in Berlin linde Frühlingslüfte wehten, konnte in Posen Unwetter herrschet!. Falks Wirken erzeugte nirgends so wenig Resonanz als im Osten. Herr von Bülow indessen, den wir nach seiner eigenen Meinung zu Anfang dieses Jahres noch zu wenig kannten, um eiu Urtheil über ihn zn haben, Herr von Bülow ist doch der Verfechter bes Solidaritätsgedankens unter allen Gliedern des umfangreichen Beamtenkörpers. Wie kommt es da, daß sich der Po- >ener Oberpräsident die Entscheidung über die Ausweisungen selbst vorbehielt? — Als Bismarck noch die Macht hatte, und mehr noch, als er fern voll dem politischen Getriebe in Friedrichsrnhe seine Ansichten zur Politik äußerte, da war für hn bei allen Maßnahmen für den Osten das oberste Gebot, daß man sich fragen müsse, welche Wirkung eine Neuerung auf die nationalen Gegensätze allsüben müsse. Herr von Bülow owohl wie der Posener Ober-Präsident nennen sich mit Stotz Verfechter Bismarckscher Gedanken. Beide haben die großangelegte Polenpolitik inangurirt, von der es hieß, daß die Sprache der Träger der Nationalität wäre. Haben sie aber das Facit in dem angegebenen Bismarckschen Sinne gezogen, als sie oder als Herr von Bitter eine Anzahl Inden ans dem Osten wies? In der Aera Bitter wurden den russisch-polnischen Arbeitern die Grenzen weit geöffnet. Deutsch-redende und deutsch-denkende, im Erwerbsleben der Deutschen stehende Oesterreicher aber wurden ausgewiesen. Von der menschlichen Seite dieser Sache soll hier nicht geredet werden. Nichts von zerstörten Existenzen, nichts von Kummer und Sorgen. Für Gefühlsaufwallnngen in euphemerem Sinne ist hier kein Platz. Nur das Eine noch, daß den deutschösterreichischen Arbeitern, als sie in diesem Jahre nach Reichsdeutschland kamen, die Natnralisirnng, wie es in dem schönen Aktendentsch heißt, in Aussicht gestellt wurde. Die hier jahrelang ansässigen Gewerbetreibenden werden jedoch ausgewiesen. Merkwürdig, daß es, so viel bis jetzt bekannt ist, nur Juden sind. Merkwürdiger noch, daß es nur die Provinz Posen ist, in der diese Maßnahmen „verfügt" wurden. In Westpreußen liegen die Verhältnisse gerade so, und Westprenßen gehört doch gewissermaßen auch zu Preußen. Herr von Bülow sollte jedenfalls seine Meinung zn dieser Angelegenheit äußern. Nicht im Interesse der Juden nur, auch im Interesse der Vertragsstaaten, mit denen ja Handelsverträge abgeschlossen werden sollen. Synagogengemeindeverband des Regierungsbezirks Oppeln. Generalversammlung des Verbandes der Synagogengerneinden im Regierungsbezirk Oppeln wurde als Wanderversarnmlnng in Königshütte abgehalten. Die zahlreich erschienenen Theilnehrner wurden vom Vorstände der Königshütter Gemeinde am Bahnhof empfangen und nach dem Parkhotel geleitet, woselbst ihnen ein Gabelfrühstück zur Stärkung für die voraussichtlich lange und schwere Sitzung gereicht wurde. Nach Eröffnung der Sitzung begrüßte der Vorsitzende der Shnagogengemeinde Köuigshütte, Amtsgerichtsrath Kemper, die Gäste und bat sie, die Veranstaltungen seiner Gemeinde für die Versammlung wohlwollend aufzunehmen. Der Vorsitzende des Verbandsausschusses. Rechtsanwalt Schütter-Gleiwitz, dankte für die herzliche Ausnahme und Begrüßung, indem er aussührte, die diesjährige Versammlung sei nach Königshütte berufen worden, um an der Stätte, wo im Jahre 1888 die Wiege des Verbandes gestanden habe, auch dessen Barnnzwah zu feiern. Der Gruß, den er den Vertretern der Gemeinden hiermit abstatte, gelte in gleicher Weise dem Vorstande des Nabbinerverbandes und der freien Vereinigung jüdischer Lehrer Oberschlesiens, welche mit dem Gemeindeverbande stets in freundnachbarlichem Verkehr gestanden haben. Tie Feststellung der Präsenzliste ergab die Abwesenheit von Vertretern aus 20 Verbandsgemeinden, von denen einzelne mehrere Vorstandsmitglieder entsandt hatten. Der Rabbinerverband war durch die Herren Dr. Cohn-Kattowitz. Kopsstein-Benthen, Münz-Gleiwitz, Katz- Zabrze, Löwenthal-Tarnowitz und Goldschmidt-Königshütte vertreten. Der Vorstand des Vereins jüdischer Lehrer hatte die Herren Bernhard- Tarnowitz und Abraham-Königshütte zur Theilnahine an den Verhandlungen abgeordnet. Ans dem ausführlichen Berichte, den der Vorsitzende über das abgelanfeue Geschäftsjahr erstattete, und der demnächst im Drucke erscheinen wird, sei erwähnt, daß der Verband z. Z. 26 Gemeinden als Mitglieder zählt, da im Laufe des letzten Jahres eine Gemeinde neu beigetreten ist. Die .Hauptfürsorge des Verbandsausschusses ist wie bisher dem Nybniker Waisenhanse gewidmet gewesen, das sich unter dieser sorgsamen Pflege und der umsichtigen Leitung seines Direktors Katz immer mehr zu einem Mnsteriustitnt entwickelt. Das Grundkapital des Waisenhauses ist auch im letzten Jahre durch wohlthätige Spenden und Zuwendungen bedacht worden und hat die Höhe von rund 100 000 Mark erreicht. Zur Zeit befinden sich dort 28 Waisenkinder in Pflege, deren körperliche, geistige und sittliche Entwickelung durchaus zufriedenstellend genannt werden kann. - Eine rege und segensreiche Thatigkeit hat der Ausschuß aus dem Gebiete des Religionsunterrichts entfaltet, ein besonderes Verdienst des Herrn Amtsgerichtsrath Gloganer-Tarnowitz, welcher sich dieser Aufgabe mit seltener Hingabe und Unermüdlichkeit gewidmet hat, wie der von im selbst später erstattete Bericht auch bewies. Herr Glogauer hat unter Zugrundelegung eines Nevisionsplanes, den der Nabbinerverband entworfen, sein Hauptaugenmerk den kleinen Gemeinden und den in der Diaspora 1

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