Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1901)
- Date
- 1901-11-01
- Page
- Seite 520 (sequence 6)
- Language
- German
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520 deshalb verhaftet, weil er unberechtigterweise außerhalb des Ansiedelungsrayons betroffen wurde, wegen Freiheitsberaubung zu belangen sei. Zu gleicher Zeit sucht der Senat, so viel es au ihm liegt, den Juden den Aufenthalt aus dem flachen Lande zu ermöglichen. Der Umzug aus dem einen Dorfe nach einem benachbarten Dorfe, falls letzteres dicht in der Nähe des ersteren liegt oder unter einer und derselben Verwaltung mit ihm steht oder beide ein und demselben Besitzer gehören, ist jetzt den Juden gestattet. Ebenso ist den Juden der vorübergehende Aufenthalt auf dem flachen Lande unbedingt erlaubt. Das Wort „vorübergehend" will der Senat im liberalsten Sinne verstanden wissen. Diese für die Inden überails wichtige Auslegung des Begriffes „vorübergehend" hat der Senat in einer gegen den Gouverneur von Mohilew getroffenen Entscheidung vom 3. Oktober 1901 vorgenommen. Letzterer hat den Juden Lewin, welcher als Holzverfrachter im Dienste eines Gutsbesitzer gestanden hat, für die Dauer des Winters deshalb aus dem Elite ausgewiesen, weil während der navigationsloseu Zeit die Beschäftigung des Lewin anfhört und er keinen Grund mehr hat, auf dem flachen Lande zu wohnen. Der Senat erklärte jedoch, daß nur dem betreffenden Gutsbesitzer und nicht dem Gouverneur von Mohilew die Entscheidung darüber zusteht, ob der Lewin ans dem Gute nothwendig sei oder nicht. Der Begriff „vorübergehend" darf keineswegs im Sinne einer Beschränkung aufgefaßt werden. Am 10. Oktober brachte Mr. A. T. Williams, Stadtverordneter für Stepny (East London) in London in der Stadtverordneten-Verfammlung den Antrag ein, den Magistrat ausznfordern über die Fremdeueinwauderung in England, speziell aber in London Bericht zu erstatten, sowie der Versammlung die Mittel und Wege anzugeben, um die staatlichen Behörden zu veranlassen, die Fremdeueinwauderung zu beaufsichtigen respektlve zu verhindern. In der Debatte über diesen Alltrag betheuerte der Antragsteller, daß er kein Antisemit sei. Er schütze die Juden sehr hoch und wisse deren Verdienste um Kunst, Wissenschaft und Handel vollauf zu würdigen. Die Frage fei aber keine theologische und richte sich nicht allein gegen die Juden, sondern auch gegen die Deutschen, die Italiener und die Franzosen, welche nach England kämen und den englischen Handlungsgehilfen, den englischen Gastwirth und den englischen Friseur verdrängen. Mr. Alfred L. Cohen bestritt, das; die Einwanderungssrage vor das Forum der Londoner Stadtverordneten gehört, da es undenkbar sei, die Fremden von London auszuschließen und sie in Leeds oder Mallchester znzulassen. Man kann doch nicht London mit einer chinesischen Mauer umgeben oder die nach London lausenden Eisenbahnzüge unterwegs allhalten und sie daraufhin untersuchen, ob sich unter den Passagiren nicht etwa einige Fremden befinden. Aber selbst das Reich würde eine große Thorheit begehen, wollte es, um eine Anzahl englischer Arbeiter vor der Konkurrenz der Fremden zu schützen, mit der alten Tradition der berühmten englischen Gastfreiheit brechen. Man kann den nationalen Arbeiter nicht schützen, ohne gleichzeitig auch der nationalen Arbeit einen ausgedehnten Schutz zu gewähren. Auf dem von Mr. Williams bezeichnten Wege gelangen wir unvermeidlich zum Schutzzoll. Auf die russischen Juden übergehend, gab Mr. Cohen zu, daß sie für manchen Engländer keine sehr angenehmen Nachbarn sind. Sie sind wenig reinlich und sprechen einen unverständlichen Jargon, allein sie sind sehr fleißig, sparsam lind tugendhaft und haben manches verrufene Halls und ganze verrufene Straßen gesäubert, indem sie die Diebe und die Dirnen aus den Verbrecherhöhlen ansgemiethet und verdrängt haben. Daneben haben die russischen Juden in England zahlreiche neue Gewerbe eingeführt. So haben sie die Mäntelkonfektion und die billigen Herrenkleider in England neugeschaffen und den bisherigen Import dieser Artikel aus Deutschland gänzlich verdrängt. Gleichzeitig haben die russischen Juden der Stiefelfabrikation und der Knnsttischlerei in England einen mächtigen Aufschwung verliehen. Alle diese Erzeugnisse, welche England früher ans dein Allslande beziehen mußte, und die es jetzt selbst in großen Massen nach seinen eigenen Kolonien sowie nach Nordamerika exportirt, würden mit der Verdrängung der russischen Juden mit aus England verdrängt werden. Redner wies zum Schluß auf die Verluste, welche die englischen Rheder scholl jetzt zu beklageil haben. Bis vor kurzem habe die .1. 0. die von ihr nach allen außereuropäischen Ländern beförderten jüdischen Auswanderer mit englischen Dampfern über England geschickt, jetzt aber, da die englischen Antialienisten einen solchen Lärm schlagen, wandern alle diese Emigranten über Hamburg und Bremen aus. Nachdem auch Mr. S. Strauß gegen den Alltrag gesprocher. hat, wurde dieser mit ungeheurer Majorität verworfen. Me Politik der Nadelstiche. Von Engen Philipp. ist nahezu stereotyp geworden in der Geschichte des deutschen Ostens, und seine ewige Wiederkehr - ach — sie ist weiter nichts als ein dünner Aufguß jene', rückläufigen Bestrebungen, denen ü tont prix der Garaus gemacht werden sollte. „Im Interesse der Hebung der Kultur, wie die schöne Formel lautet. Voll der objektiven Bedeutung der neuerdings verfügter Answeisungell harmloser ausländischer Israeliten aus de Provinz Posen, soll darnm auch nicht die Rede sein Sie hatte ihre Präzedenz zu den verschiedensten Zeiten unter den verschiedensten Machthabern. Sie kam vor unter den - so sagte man nachher — schwachen und wankelmüthigen Vorgängern Bismarcks, unter Bismarck selbst, und wenn ich mich nicht irre — allerdings nur vereinzelt unter Caprivi. Sie kam vor, als der hpperorthodoxe Herr v.Mühler den konfessionellen Regungen im äußersten Winkel des Reiches seine Aufmerksamkeit zuwandte, und sie kam auch vor, als in der Aera Falk von dein preußischen Kultusministerium Frühlingslüfte anszustrahlen schienen. Niemals war man sich über die Ursachen solcher Maßregeln völlig klar, wenn auch für dir subjektive Berechtigung der generellen Maßregel, wie unter Bismarck, ziemlich wahrscheinlich klingende Beweisgründe bei gebracht wurden; aber immer war man im Osten selbst del Allsicht, daß unabhängig von der Ursache, die Ausweisung ruhiger, im Erwerbsleben stehender Personen eine große Härte in sich schließe, die erbitternd aus den einen Theil und geradezu degenerirend ans den anderen Theil wirkeil müsse. Wenn eine Persönlichkeit, wie Bismarck, den Mann der eisernen Energie, handelspolitische Erwägungen zu starken Mitteln greifen