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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-10-25 · Heft 43 (25.10.1901) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 43 (25.10.1901)
Date
1901-10-25
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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Staatsanwalt Kanzow beantragte die Verhaftung des Grafen Pückler, da es scheine, als ob derselbe jetzt gewohnheitsmäßig den gerichtlichen Vorladungen sich entziehe. So habe er auch nach Dresden zu einem dort anstehenden Termine transportirt werden müssen. Im Uebrigen beantragte der Staatsanwalt, die Sache zu trennen und gegen den Angeklagten Böekler allein zu verhandeln. Einer solchen Trennung widersprachen der Angeklagte und sein Vertheidiger, da das subjektive Moment sehr wesentlich sei. und der Gerichtshof vielleicht zn eineranderen Auslegung der Artikel komme, wenn er die Persönlichkeit des Grafen Pückler vor sich habe. — Staatsanwalt Kanzow erwiderte, daß es nach der bekannten Neichsgerichtsentscheidnng nicht daraus ailkomme, welchen Eindruck Graf Pückler mit seiner Nede ans die begrenzte Zahl seiner Zuhörer gemacht habe, sondern welchen Eindruck die weiter verbreitete Nede auf einen größeren Personenkreis macht. Der Gerichtshof beschloß Vertagung und Vorführung des Grafen Pückler zum nächsten Termin. 8. Berlin, 22. Oktober. Am 12. d. M. fand hier im Saale der Ressource von 1794 die erste ordentliche Sitzung des Centralkomitees des neugegründeten Hilfsvereins der deutschen Juden statt- Diese Sitzung war einbernfen, um einigen Formalitäten zu gellügen, welche zur Eintragung in das Vereinsregister sieb als nothwendig erwiesen haben. Von der Eintragung hängt bekanntlich nach dem bürgerlichen Gesetzbuch für jeden Verein die Fähigkeit ab, als juristische Persoll gelten zu können. Die Versammlung erledigte die nöthigen Formalitäten, die wenig allgemeines Interesse haben, und wählte all Stelle des Generalkonsuls Engel! Landau, der den Vorsitz niederzulegen wünschte, weil er zur Zeit sich dem Verein nicht genügend widmen kann. Herrn James Simon zum ersten Vorsitzenden. Alsdann wurde der Bericht des Geschäftsführers, des Herrn Dr. P. Nathan, zur Kenntnißnahme genommen, aus dem wir das Wichtigste hervorheben wollen. Der Hilfsverein ist zur Zeit natürlich mit Vorarbeiten für seine spätere Thätigkeit beschäftigt. Die bedeutsamste darunter ist eine Zusammenstellung des gesummten Materials über die Lage der Juden im Orient, zn der sowohl die amtlichen türkischen Quellen, wie die zahlreichen Neisewerke und sonstigen Quellen benutzt werden. Diese Zusammenstellung wird erst die Information für weitere Thätigkeit des Hilssvereins in größerem Stile bieten. Vorläufig ist aber die Gründung von Schulen sür das Nächste in Aussicht genommen, und sind als die geeignetsten Plätze dafür und als solche Orte, in denen gerade für Schulen des Hilssvereins das dringendste Bedürfnis; ist. ins Auge gefaßt, Jaffa, eine der palästinensischen Kolonien und die rumänischen Kolonien in Anatolien. Die Schulen in den Kolonien sollen durchaus den Charakter der Dorfschule erhalten, während der Schule in Jaffa ein höheres Lehrziel gesteckt wird. Mit der Ausarbeitung der Lehrpläne, die nicht nur nach dem Lehrziele sondern auch nach den örtlichen Bedürfnissen verschieden gestaltet werden müssen, ist eine Kommission von vier Berliner Lehrern beschäftigt. Die Entwürfe werden dann zunächst einigen Fachleuten inl Orient zur Begutachtung vorgelegt und das gesammte auf diese Weise geschaffene Material einer Kommission überwiesen werden, welche ans den fachmännischen gebildeten Mitgliedern des Central - Comitees zusammengesetzt wird. Diese gründliche Dnrchberathung wird, wie man hofft, Lehrpläne schaffen, die nicht nur sür die im Augenblick in Aussicht genommenen Schulen ihre Bedeutung haben sollen, sondern auch zugleich sür die Zukunft verbindlich werden können. Ferner hat der Hilfsverein sich mit dem gegenwärtigen Stande der jüdischen Verhältnisse in Rumänien beschäftigt und Gelegenheit gehabt, sich an den Verhandlungen zwecks Durchführung der rumänischen Auswanderung zu betheiligen. An der demnächst in Breslau stattfindenden Konferenz zur Regelung der Dnrchreisendenfrage wird sich der Hilfsverein betheiligen und ebenso sich mit der Lage der Juden in Galizien beschäftigen. Natürlich wird von" der Unterstützung, welche der Hilfsverein bei den deutschen'Inden in materieller Beziehung findet, viel abhängen, denn die Verwirklichung größerer Pläne kostet Geld und zum Theil viel Geld.^ Erfreulicherweise ist nach dieser Richtung zu berichten, daß bereits in einerziemlich großen Zahl von deutschen Groß- und Mittelgemeinden sich Komitees sür den Hilfsbereit! gebildet haben. ob. Berlin, 21. Oktober. Am 13. d. M. fand eine Vorstandssitzung des Vereins zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands statt, die von einschneidender Bedeutung sür die sozialen Bestrebungen dieses Vereins sein wird. Es wurde beschlossen, von der bisher hauptsächlich betriebenen theoretischen und propagandistischen Thätigkeit zur Praxis überzugehen. Der Verein, der heute weit über 1000 Mitglieder zählt und über ganz Deutschland in mehr als 30 Ortsgruppen vertreten ist, hat sich die Sympathie weiter jüdischer Kreise erworben. Mit Ungeduld erwartete man die Inangriffnahme seines Projekts. Schon in feinen! im Mai d. I. herausgegebenen Bericht hieß es, daß das Hauptaugenmerk darauf gerichtet werden müsse, ein sür die Zwecke des Vereins passendes Gut zu erwerben, und es wurde schon dort die Hoffnung ausgesprochen, daß man im Laufe des Sommers zum Ankauf wurde schreiten können. Dank der rastlosen und unermüdlichen Arbeit der für die nothwendigen Vorarbeiten eingesetzten Kommission ist es gelungen, ein angemessenes Objekt zu finden; besonders hervorzuheben ist hierbei die Thätigkeit der beiden Posener Mitglieder der Kommission, der Herren Rosenthal nnd Werner. Nach eingehender und umfassender Besichtigung nnd Prüfung durch verschiedene Fachleute, unter anderem durch den Herrn Oberamtmann Cohn, den Vorsitzenden des Vereins, und Herrn Rittergutsbesitzer Rohr auf Langguhle, wurde das Gut Neu Hof bei Posen als in jeder Hinsicht zur Ausbildung der späteren Ansiedler vorzüglich geeignet und als Preiswerth erkannt. Auf die Darlegungen der Kommission hin wurde vorn Vorstand beschlossen, Neuhof zu erwerben. Dieser Beschluß war möglich, da ein hochherziger Freund der Bestrebungen dem Verein 50000 Mark für diesen Zweck vorgestreckt hat. Eine interessante Debatte entspann sich über die Form, in welcher am zweckmäßigsten der Gntsankauf zu bewerkstelligen sei; nach gründlicher Durchberathung, an welcher außer zwei Juristen, Herrn Rechtsanwalt Bab ans Posen und Herrn Justizrat Schneider, Berlin, vor allem Gustav Tuch, Hamburg nnd Dr. Franz Oppenheimer theilnahmen, kam man zu dem Entschluß, eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung zn begründen, die das Gut zn erwerben nnd im Sinne des Bodenknlturvereins zu verwalten und zu bewirthschaften habe. Man wird sich demnächst an die größere Oeffentlichkeit wenden, um sie anszufordern, sich an diesem Unternehmen durch Zeichnung von Antheilscheinen zu betheiligen. Nachdem in der Vorstandssitzung selbst bereits eine gelvisse Anzahl übernommen worden ist, zweifelt man nicht, daß der Rest leicht wird nntergebracht werden können. So wird denn binnen Kurzem der Bodenkulturverein an die Verwirklichung feiner Ideen herantreteu. Es ist dies eine Thatsache von gar nicht hoch genug einzuschätzender Bedeutung. Möge es dem Verein gelingen, in diesem Mustergut ein Vorbild zu schaffen; er wird, deß können wir heute schon sicher sein, bei diesem Werk die gesammte deutsche Judenheit hinter sich haben. Diejenigen, welche sich sür diese eminent bedeutungsvolle Angelegenheit näher interessiren, verweisen wir an den Vorsitzenden des Vereins, Oberamtmanu L. Cohn, Berlin, Nürnbergerstraße 46. Tel. VI 2586, sowie an den Generalsekretär Dr. Ernst Tuch, Charlottenburg, Kuesebeckstraße 16 (Tel.: Amt Charlottenburg Nr. 729), welche jederzeit bereit sind, genaue Auskunft zu ertheilen. — Berlin, 20. Oktober. Der Vorstand des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bittet uns um Ausnahme folgender Mittheilnng: „Es ist die Frage aufgeworfen worden : „Wenn die Juden sich der Landwirthschaft zuwenden, wo ist eine Guts- Verwaltung, welche jüdische Zöglinge oder Volontäre zur Ausbildung ausnimmt?" Diese Frage hat einen auswärtigen Gutsbesitzer, welcher Mitglied des Centralvereins ist, veranlaßt, uns mitzutheilen, daß er nicht abgeneigt sei, einen! jüdischen jungen Mann Gelegenheit zu geben, alle Seiten des praktischen Betriebes des Landwirthschast kennen zn lernen, vorausgesetzt, daß der betreffende junge Mann körperlich kräftig ist, eine ordentliche Schulbildung hat und ans guter Familie stammt. Dem jungen Mann würde reichlich Gelegenheit geboten werden, sich vollständig praktisch zum Landwirth ausznbilden, da die betreffende Gntswirthschast sehr rationell betrieben wird (Ackerbau mit neuzeitlichen landwirthschaftlichen Maschinen, eine umfangreiche Viehzucht, Milchwirthschast n. s. w.). Der betreffende Herr schreibt uns, daß es ihm Freude bereiten würde, hierbei einen Akt „praktischen Judenthums" zu erfüllen. Wir sind bereit. Näheres auf Anfrage in unserem Büreau mitzutheilen." 8. Berlin, 17. Oktober. Vor überfüllten! Auditorium sprach heute Abend in den vereinigten Berliner ll. O. B. B. Logen der Schriststeller Fritz Stahl über die Beziehungen der bildenden Kunst und dem Judenthum. Der Redner ging von der bekannten Thatsache

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