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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-10-25 · Heft 43 (25.10.1901) · p. Seite 516

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 43 (25.10.1901)
Date
1901-10-25
Page
Seite 516 (sequence 14)
Language
German
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516 Bevor Max noch antworten konnte, stürzte Davidsohn mit seinem Knaben zur anderen Seite des Weges hinüber, mir dann eiligst davonzureunen. Zugleich wurde hinter dem Gitter wieder Hundegebell vernehmbar. „Aha," dachte Mar, „er fürchtet den Köter." Allmälig wurde es lebhafter. Nasch auf einander folgten sich immer mehr Häuser, und der junge Mann befand sich in der Hauptstraße des Vorortes und schritt unter den Kronen schattenspendender Lindenbäume langsam vorwärts. Die Thüren der Gartengitter unmittelbar vor den Villen standen jetzt weit offen, und nunmehr schreckte auch kein Hundegebell die vielen Spaziergänger. Frauen in Sommertoiletten umrauschten Max und eilten an ihm vorüber dem Park zu, dessen mächtige Baumkronen von: Ausgang der Straße hinübergrüßten. Ein offener Pferdebahnwagen klingelte und rollte langsam vorüber. Jede Lücke in den Sitzplätzen hatte sich blitzschnell ausgefüllt, und die vielen andrängenden Menschen, die von allen Seiten ans das Trittbrett sprangen, wurden vom Schaffner immer wieder zurückgewiesen. Trotzdem schienen keineswegs alle Bewohner des Ortes hinausgeströmt zu sein, denn auf jedem Balkon gewahrte Max, soweit er durch Blumen und Weinguirlanden hindurchspähen konnte, einzelne Menschen oder ganze Familien. Als er aber vor seinem Ziel stand, vor dem Haus des Doktor Gerber, und dann durch den kleinen Garten zwischen den abgezirkelten Blumenbeeten der Hausthür zuschritt, da konnte er, wie sehr er auch spähte, nicht erkennen, ob auf dein Balkon Menschen wären. Zwar ging manchmal ein leises Zittern durch die Blumen da oben, und die Gnirlanden bewegten sich. Das aber mochte ebenso gut der wehende Wind sein. „Ob Fräulein Anna zu Hause? Ich bin neugierig." So fragte sich Mar, während er die Treppe im Hausflur Hinaufstieg und vor der Thür klingelte. Die alte Frau Gerber öffnete ihm, und er erschrack darüber nicht wenig. Er wußte, es würde nun Vorwürfe regnen, daß er schon ein ganzes Jahr in Berlin wäre und die alten Bekannten aus der Heimath immer noch nicht besucht hätte. In der That, Frau Gerber erkannte ihn sofort: „Na, Max, na ja. Wir haben also wirklich die Ehre — endlich?" „Ganz auf meiner Seite die Ehre," sagte Mar mit einer leichten Verbeugung. „Sie sind bescheiden; ein ganzes Jahr verzichteten Sie auf diese Ehre." „Bescheidenheit ist eine Zier," erwiderte Max. „Doch weiter kommt man ohne ihr. Aber im Ernst, Max, wie entschuldigen Sie dieses lange Ausbleiben?" „Gar nicht, gnädige Frau.' So etwas ist nicht zu entschuldigen." Frau Gerber lachte und reichte ihm die Hand und ließ ihn dann in den Korridor hinein. Max erfuhr, daß ihr Sohn, der Doktor Gerber, über Land zu einem Kranker: gefahren wäre. In einer Stunde könnte er zurück sein und würde sich sicherlich freuen, einen: alter: Bekannten die Hand zu schütteln. „Bei Anna können Sie es gleich besorgen. Sie sitzt ans den: Balkon und träumt." „Träumt?" fragte Max. „Nun ja, von dem Bewußter:," lächelte die Mutter, „Sie wissen doch, daß Annchen verlobt ist?" „Ich erhielt die Anzeige. Und, Frau Gerber, ich schwöre, ich habe gratulirt." „Das müssen Sie freilich beschwören. Bei Ihnen könnte man zweifeln." Max freute sich über die Munterkeit der Dame, die ihre fünfzig Jahre und darüber mit Leichtigkeit zu tragen schien und ans unbefangenen, grauen Augen lustig in die Welt blickte. Sie schob sich mit ihrem breiten Körper behaglich durch zwei Zimmer und näherte sich dem Balkon. Max blieb höflich immer an ihrer Seite. „Annchen, ein Bekannter," rief die Mutter und betrat den Balkon. Das junge Mädchen fuhr erschrocken vom Stuhl auf und wandte sich um. Durch ihre dunkelbraune Haut sah Max, wie das Blut ihr ins Gesicht gestiegen war. Er beobachtete sie mit großer Ueberraschung und unverhohlener Bewunderung. Das kleine Mädel, das vor fünfzehn Jahren auf den: Marktplatz ihres Geburtsortes mit den: Spielgefährten herumtollte und für jeden Schabernack zu haben war, hatte gar nichts, rein gar nichts mit dieser vollerblühten Schönheit gemeinsam, und Max glaubte nun selbst zu träumen. (Forts, folgt.) Litterarische MittheUungen. — E ri ch B i s cho ff: Jüdisch-Deutscher Dolmetscher. Ein praktisches Jargon-Wörterbuch nebst kurzer Grammatik und Gesprächen, Erzählungen, Redensarten n. s. w., Kalender, Zahl-, Maß-, Münz- und Gewichtstasel. Dritte völlig neu bearbeitete Auflage. Leipzig 1901, TP. Griebens Verlag lL. Fernem). Das Buch stellt sich die Anfgabean Stelle der bisherigen unzuverlässigen, dürftigen und langweiligen elementaren Anleitungen znm Verständniß des jüdisch-deutschen Jargons eine praktische, erste Einführung in die jüdisch-deutsche Sprache und Lebenssphäre fern von allen Parteiinteressen und durchaus objektiv zu geben. Der sprachliche Zweck wird durch das ziemlich gut ausgearbeitete doppelte Wörterbuch mit genauer Aussprachebezeichnung. durch die kurze Grammatik und durch die verschiedenen Tabellen erreicht, worin das ans diesem Gebiete praktische Wissenswerthe Aufnahme gefunden hat. —- Mitten in das jüdischdeutsche Ghettoleben hinein versetzen uns, abgesehen von deu orientirendeu Hinweisen der „Einleitung", die Gespräche. Erzählungen u.s. w. des zweiten Theils. vor altern der dramatisch bewegte, humoristisch Pserdehaudel, der trotz der hochgehenden Wogen merkantiler Beredsamkeit doch schließlich ein würdiges Ende findet, sowie die gemüthvoll und lehrreiche Originalerzählung „Vnn Schabbes", die uns einen schönen Einblick in die fromme Sabbathfeier des alten jüdischen Hauses gewährt. - Proben praktischer Lebensweisheit in jüdisch-deutschem Gewände bieten die theils dem Talmud, theils dem jüdischen Volksmunde entnommenen Sprichwörter; den Beschluß bildet das im Faksimile der Originalausgabe von 1670 wiedergegebene und erklärte Titelblatt der jüdisch-deutsche»! Uebersetzung des Talmud-Traktats „Sprüche der Väter". Die neue Ausgabe der sam mtl i ch en Werke von Fla vius Joseph ns in deutscher Nebertragung von Dr. H e i n r: ch Elementz (Halle a. S. Verlag von Otto Hendel), die »vir bereits wiederholt angezeigt habe»», liegt nunmehr in vier Bänden abgeschlossen vor und kam» zur Anschaffung für den jüdischen Fanulienkreis aus das Wärmste empfohlen werden. Die Uebersetzung ist gut und treu; die Einleitungen und Anmerkungen onentireu den Leser vortrefflich; die bildlichen und topographischen Darstellungen erleichtern das Verständnis: in» Wesentlichen. Wir glauben, daß diese Ausgabe, die auch schön ansgestattet und trotzdem sehr billig ist, weite Verbreitung finden wird. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für d»e Redaktion: Max Vauchrvitz in Berlin.

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