Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1901)
- Date
- 1901-10-25
- Page
- Seite 515 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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515 wissen, daß es eben Vor-Urtheile sind, denen die innere Wahrheit abgeht, werden sie an nnserein eigenen Marke nicht zehren nnd uns nicht an uns selber irre machen. Und so wird denn die „Gesellschaftsknnde" ein wesentliches Mittel mit werden, das gesunkene jüdische Selbstbewußtst» und Selbstgefühl zu heben und dadurch zur Bildung kraftvoller jüdischer Charaktere beitragen. Are Mette Mirjam. Bon S. Lublrnski. vO^s/^i^ax Jacobh hatte an der Kontrolle seine Fahrkarte abgegeben und schritt nnn zur Thür hinaus, zu dem großen, viereckigen Vorraum, der rechts nnd links von künstlichen Erdböschungen mit frischgrünen Rasenflächen flankirt wurde. Max stürzte hastig vorwärts, in gerader Linie, als wäre er aus einem Pistolenlanf herausgeschvssen worden. Dann aber, in der Mitte, blieb er stehen, da er einigermaßen außer Athen, gekommen war. Er hatte Herzklopfen vom langen Lauf, und es dauerte eine ziemliche Weile, bis er wieder in stille», ruhigen Zügen die schöne, strömende Landluft in sich einziehen konnte. Er nahm den Strvhhut ab nnd ließ den linden, leichten Wind nin seine heiße Stirn spielen. Wohl war es jetzt drei Uhr, aber die Sonne stand fast noch immer in der Mittagshöhe und fiel vom dnnkelgeschliffenen Spiegel des tiefblauen Himmels gerade aus sein Haupt herab. Doch Max kam ans dem Glutofen der Millionenstadt nnd aus dem überfüllten Bahnwagen, in welchem über dreißig Menschen gesessen und gestanden hatten, um sich mit ihrer Ausdünstung und ihrem Athen, wie mit einer schwülen Wolke heiß zu umhüllen. Nur eine Viertelstunde dauerte diese Fahrt. Aber Max hatte das Gefühl dabei, als wäre er sein Leben lang ein Verdammter in, Höllenfeuer. „Wie der Prophet Daniel im Feuerofen," dachte er während der Fahrt, da er am Tage vorher gerade die Bibel angeblüttert hatte — zum ersten Mal seit langen Jahren. Der selige Nebukadnezar hätte den widerhaarigen Propheten nur in einen vollgepreßten Berliner Vorortszug hineinstecken nnd ihn hin- und herfahren lassen sollen, bis er mürbe wurde — es hätte nicht lange gedauert, du guter Daniel. Eine Stunde hättest Du gewiß ansgehalten, vielleicht auch noch eine weitere, sogar noch zwei Stunden. Dann aber wäre es vorbeigewesen. Du hättest klein beigegebeu, mein Daniel, und dem Gott deiner Väter entsagt. Das waren so Maxens grimmige Gedanken, als er noch im Bahnivagen stand und die flach ausgebreitete Hand stützend gegen die Seitenwand stemmte — als er bei jedem Stoß nach vorn, nach rückwärts oder seitwärts auf einen Menschen geschleudert wurde. Jetzt aber fiel das alles von seiner Seele wie ein schwüler, böser Traun,, und er sandte seinen Blick über die Landstraße zum gelbwogenden Roggenfeld hinüber, das in der Glut der Nachmittagssonne unruhig nickte und träumte. Dann endlich schritt er auf der Landstraße, die sich eine Strecke weit durch freies Feld nnd Reste eines Nadelwaldes hinzog, bis sich vereinzelte kleine Häuser zeigten. Vor jeden, Hause befand sich im Gevierte ein kleiner Garten, und durch die schwarzen Stäbe des eisernen Gitters glühten und blinkten dnnkelrothe Blumen. Max näherte sich einem solchen Gartengitter, nnd sofort scholl ihm ein lautes Hundegebell entgegen. Ein Köter rannte innerhalb wüthend auf und ab, starrte mit grünen Auge» ans den Fremden und fletschte die Zähne. „Sonderbarer Ladensteher," dachte Max und wollte eben weiter schreiten, als ein Mann, der an der Hand einen kleinen Knaben nach sich riß, heftig ans ihn einprallte. „Aber ich bitte,"- rief Max etwas ärgerlich. „O o, entschuldigen — Herr Jacobh, ich bitte, verzeihen Sie mir, denn ich habe Sie ja gar nicht erkannt." „Sie kennen mich?" rief Max und faßte den Fremden schärfer ins Auge: „Bei allein, was heilig ist, das ist ja der Davidsohn, wie er leibt und lebt." Und Max drückte dem kleine», dicken Mann, der sehr erschrocken war, herzhaft die Hand. Herr Davidsohn schüttelte ängstlich seinen dicken Kopf. Sein schlaffes, hängendes Gesicht mit den, knrzgeschnittencn und struppigen blaßblvnden Vollbart wurde blutroth. „Ach, entschuldigen Sie mich, Herr Jacobh, ich habe solche Eile." Und er wollte sich hastig mit seinem Knaben vorbeidrücken. Max aber stellte sich ihm rasch entgegen und faßte ihn an beide Schultern. „Stehen geblieben, mein Lieber. Ganz unverhofft kommt mir ein Landsmann hergeschneit, nnd ich soll ihn lausen lassen, ohne zu erfahren, wie es geht und steht? Alter, daraus wird nichts." „Ich bin gar nicht mehr Ihr Landsmann, Herr Jacobh. Ich habe hier ein Papiergeschäft. O lassen Sie mich, bitte, bitte." Der kleine Mann sprach in einem fast schluchzenden Tone, und der Knabe neben ihm fing Plötzlich zu weinen an. „Wer ist das?" fragte Max verwundert. „Mein Sohn, der Gustav," erwiderte Davidsohn, und Max erinnerte sich dunkel, vor einigen Jahren eine Geburtsanzeige erhalten zu haben. „Und wie geht es im Geschäft, Herr Davidsohn?" Da trat der kleine Dicke einen Schritt zurück, ballte die Faust, und seine blöden, wafferblauen Augen gewannen einen starren Ausdruck. „Die hat furchtbar geschadet," knirschte er. „Wer hat geschadet?" „Tie Sonntagsruhe, die hat geschadet, furchtbar geschadet." Max verstand. Der kleine Davidsohn war in dem Provinzstädtchen dafür bekannt gewesen, daß er als Einziger von den jüdischen Kaufleuten hartnäckig jeden Sonnabend seinen Laden verschloß. Diese Praxis hielt er wohl auch in der Nähe der Großstadt aufrecht, und da ihn das neue Gesetz zum Sonntagsschluß zwang, so mußte ihm der Verdienst von vollen zwei Tagen entgehen, und fast waffenlos war er dem grausam harten Kamps um das tägliche Brod überliefert. „Besser haben's die Sozialdemokraten," sagte Herr Davidsohn mit heiserer Stimme. „Unsereiner kann verrecken wie ein Hund."