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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-10-25 · Heft 43 (25.10.1901) · p. Seite 514

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 43 (25.10.1901)
Date
1901-10-25
Page
Seite 514 (sequence 12)
Language
German
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514 lich Gewordenen gegenüber fordert, uns dennoch zeigt, wo das Alte dem besseren Neuen Platz zu mache» habe. Auch darf hier nicht unterlassen werden, ans die Eigcnthümlichkeiten hinznweiscn, durch die sich der Jude vortheilhaft anszeichnet. Das zn allen Zeiten rege Bildungsbedürsniß, das innige Familienleben, die Vaterlandsliebe und der Gemeinsinn, der Freundschafts- und Wohlthätigkeitssinn, der Fleiß und die Mäßigkeit sind leuchtende Zuge im Charakterbilde des Jude», deren Kenntniß die Achtung vor dem jüdischen Stamme nur steigern wird. Der für unseren Zweck werthvollste Abschnitt ist der, der von der menschlichen Arbeit handelt. Was ist Arbeit, und wer ist ein Arbeiter? Ist nur der ein Arbeiter, der sein Brvd durch seiner Hände Kraft verdient, oder arbeitet nur der. der etwas Neues schafft? Sind Kaufleute und Gelehrte keine Arbeiter? Diese Fragen zu beantworten, macht dem Kinde durchaus keine Schwierigkeiten, und cs bedarf keiner großen Mühe, die ivünschenswerthe Klarheit zn erzielen. Machen wir es wie Daniel Defoe, der uns in seinem Robinson eine Art von Philosophie der Geschichte liefert und klar und überzeugend den Entwickelungsgang der Menschheit mit einer bewnndernswerthen Anschaulichkeit nachbildet. Welche Bedürfnisse hätte das Kind, wenn es allein auf einer einsamen Insel wäre, und was müßte es thun, um diese Bedürfnisse zn befriedigen? Dieselben Bedürfnisse treten aber auch hier an uns heran, nur daß wir durch die Arbeit so vieler Jahrtausende in der Lage sind, dieselben in ganz anderer Weise zu befriedigen. Statt der Höhle dient uns ein großartiger Prachtbau als Wohnung, zur Herstellung der Kleider nehmen wir für die biblischen Feigenblätter wohl Sammt und Seide, und an Stelle des ausgehöhlte» Baumstammes trägt uns ein schwimmender Palast über Strom und Meer. Dörpfeld unterscheidet vier Einzelbedürfnisse: das Bedürfnis; nach Wohlstand (nach äußeren, wirthschaftlicheu Gütern), Gesundheit, Bildung und Seelenheil (religiöses Bedürfnis;). Dazu gesellen sich noch zwei gesellschaftliche Bedürfnisse, die durch das Zusammenleben der Menschen bedingt werden, der Friede mit dem Nachbarn und der Friede nach außen, Rechtsschutz und Landcsschutz. Die Befriedigung dieser sechs Bedürfnisse macht die Wohlfahrt des Einzelnen wie der Gesammtheit aus, und die zur Erlangung dieser Wohlfahrt »othwendige Thätigkeit ist eben die Arbeit. Arbeit ist also die zweck- und zielbewußte Thätigkeit, durch die die Zustände herbeigeführt werden, welche die Wohlfahrt eines Volkes ausmachen. Den sechs Bedürsnissen entsprechend giebt es sechs Arbeitsklassen. Der Naturmensch verrichtete alle sechs Klassen von Arbeiten, er war Bauer, Schneider, Zimmermanu, Maurer, Arzt, Lehrer, Geistlicher und Kriegsmanu zugleich. Wir sind zur Arbeitstheilung gekommen und das Mittel hierzu ist die Gesellschaft, der Staat. Mit der fortschreitende» Kultur werden an die Kraft und Leistungsfähigkeit des Einzelnen erhöhte Anforderungen gestellt,; die die Theilung der Arbeit nothwendig machen. Der Einzelne ist nur noch in einer Arbeitsklasse oder nur in einem Zweige derselben thätig, die anderen Arbeitsklasseu werden! von Anderen ausgefüllt. So entsteht eine organische Arbeitsgemeinschaft, der Staat, der also nicht Selbstzweck ist, sondern nur eine Vereinigung zur Förderung der kulturellen Arbeit darstellt. Jetzt wird das Kird in der Lage sein, die ihm bekanntew iu irgend einem Berufe thätigc» Personen einer der sechs Arbeitsklassen einzureichen. Jetzt erkennt es erst, was „arbeiten" heißt. Der Soldat, der Richter, der Landmaun, der Fabrikant, der Kaufmann, der Hausirer, der Arzt, der Lehrer, der Schriftsteller, der Geistliche, sie alle „arbeiten". Jeder leistet etwas, was ihm und Anderen zn gute kommt, in welchem Arbeitsgebiete er auch immer thätig sein mag; jeder „Arbeiter" dient der menschlichen Gesellschaft, und sie bedarf seiner, so wie er ihrer bedarf. Der als Kaufmann thätige Jude leistet der Gesellschaft eiuen ebenso schätzenswerthen Dienst wie der Bauer. Die Arbeit des Bauern besteht in der Pflege der Güter, die Arbeit des Kaufmanns in dem Austausch der Güter. Beide Arbeiten sind für die Wohlfahrt des Volkes unerläßlich. Die Unterscheidung in eine produktive und nichtprodnktive Thätigkeit hat nur einen logisch-formellen Werth. Sie kommt bei der Werhschätzung als Glied des großen Ganzeil nicht in Betracht. Hier ist die Arbeit das Entscheidende, und nichts berechtigt dazu, der Handelsthätigkeit einen geringeren Werth zusprecheu zu wollen, als der ans die unmittelbare Erzeugung der Güter gerichteten Thätigkeit. Mit diesem Ergebnis; ist zugleich die Grundlage für die Fragen gewonnen, die sich nns in dem letzten Abschnitt aufdrängen, dem Kapitel über die menschliche Gesellschaft, den Staat. Was ist ein Staat, und wer ist ein vollwerthiger Bürger seines Staates? Ist ein Staat eine Gemeinschaft von Menschen gleicher Religion oder Nasse, und wären demnach diese Merkmale die Voraussetzung des Staatsbürgerthnms? Das deutsche Reich kann keinen Anspruch daraus machen, ans Einheit der Nasse und Religion begründet zu sein. Es stehen sich, was die letztere anbetrifft, nicht nur Katholiken und Protestanten gegen über. Unsere größten Geister hörten auf, Deutsche zu sein, wenn wir das Christenthum überhaupt als Kennzeichen des Deutschthums auffaßten. Auch die Einheitlichkeit der Nasse fehlt Hat doch, um nur ein eklatantes Beispiel anzuführe», der Professor Arnold zil Marburg behauptet, daß selbst die Schwälmer unseres lieben Hessenlandes, deren Zähigkeit, mit der sie au den alten Gebräuchen und Sitten festhaltcn, einen Grnndzug des germanischen Charakters ausmachen sollte, aller Wahrscheinlichkeit »ach Abkömmlinge von Kelten sind. Mag nun auch der genannte Gelehrte inzwischen andererMeinung geworden sein; er hat mit seiner ursprünglichen, auf wissenschaftliche» Gründen beruhenden Ueberzeugung hinlänglich den Beweis geliefert, daß die Behauptung, die germanische Rasse hätte sich rein erhalten, säst überall auf schwankenden Füßen steht. Weder.Rasß noch Religion sind Merkmale des modernen Staates. Der Staa, ist vielmehr nur eine große Arbeitsgemeinschaft, ein großer Arbeitsorganismus, znsannnengehalten durch die Gemeinsamkeit der materiellen wie der geistigen Bedürfnisse, und der ist ein vollwerthiger Staatsbürger, der seinen Arbeitskreis nach Pflicht und Gewissen aussüllt und dadurch sein Wohl wir auch das der Gesammtheit fördert. Das Judeuthum bildet kein Hiuterniß, diese Pflichten zu erfüllen. Im Gegentheil! Es mahnt uns streng au die Erfüllung unserer staatsbürgerlichen Obliegenheiten, und Jude sein heißt für uns Deutsche sein Im vollen Sinne des Wortes sind wir deutsche Staatsbürgei jüdischen Glaubens. Das ist das Endresultat der „Gesellschaftskunde", das wahrhaft erlösend auf uns wirkt und an die Stelle der eingetretencu Entmuthigung nns mit neuem Eifer und mit frischem Drange erfüllt, unsere Krast zu bethätigeu. Wenn wir auch immer noch unter Vvrnrtheileu zu leiden haben: sobald wir

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