Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1901)
- Date
- 1901-10-25
- Page
- Seite 513 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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513 auf Wissen und Belehrung gründet," so ändert das nichts an der Thatsache, dasz der religiös veranlagte Mensch auch der religiösen Erbauung bedarf. Die kann ihm kein belehrender Vortrag bieteil! die findet er eben nur im Gotteshause. Das ist eine These, der auch Herr Dr. Samuel nicht widersprechen wird. Damit fällt aber zugleich sein Vorschlag, so anerkeunenswerth derselbe auch sein mag. Wir resnmireu also, daß die Samuel'schen Ausführungen die Schwierigkeiten nicht zu bannen vermögen, welche durch den unhaltbaren Zustand der Gegenwart geschaffen sind. Gin Manko in dem Lehrplan der jüdischen Schule. Von Lehrer A. Ne «Hans in Guxhagen. II. as jüdische Selbstbewusstsein ist vvn Neuem bedroht, und wir stehen vor der Aufgabe, das Bedrohte zu schützen. Wie bei den Angriffen aus die jüdische Sittenlehre, müssen wir auch hier unsere Waffen aus derselben Rüstkammer holen, der sie der Gegner entnommen hat. Wir müssen uns nach einem llnterrichtsgegenstand Hinsehen, der diesem Angriff gegenüber dasselbe leistet, was die Kenntniß der jüdischen Sittenlehre gegen die Angriffe ans unsere Sittenlehre leistet. Dazu bietet sich die „Gesellschaftskunde" dar, und zwar, wie ich von vornherein bemerken will, um jeder Mißdeutung aus dem Wege zu gehe», mit Rücksicht auf das kindliche Anfiassungsvermögen und die zur Verfügung stehende Zeit, die elementare Gesellschaftskunde. Sie macht es uns möglich, die Urtheile der Gegner zu prüfen und ihre Nichtigkeit darzulegen. Sie klärt uns über das Wese» des Gemeinschaftslebens der Menschen aus, zeigt die Voraussetzungen und Bedingungen und die daraus sich ergebenden Einrichtungen desselben. Wir erhalten Aufschluß über die gegenseitige Abhängigkeit der Menschen untereinander, kur;: wir lernen das menschliche Gemeinschaftsleben als einen großen sozialen Organismus leimen, bei dein sich alles gegenseitig Zweck und Mittel ist, und dessen Streben letzten Endes wie in jedem anderen Organismus auf Selbsterhaltung und Entwickelung gerichtet ist. Von den bereits erschienenen Lehrbüchern, die sich zu diesem Zwecke dem Lehrer anbieten, halte ich Dörpfelds ..Repetitorium der Gesellschaftskunde" noch am brauchbarsten. Dörpfeld gliedert den Stoff in vier Abschnitte. Der erste handelt von dem einzelnen Menschen, seinen Anlagen und Zähigkeiten, der zweite von den Sitten und Gebräuchen, die >eiden letzten Abschnitte gelten der Betrachtung der menschlichen Arbeit und der Gesellschaften, insbesondere der umfassendsten derselben, des Staates. Uns erscheint nach den voranszegangenen Ausführungen diese Eintheilung zu weitgehend; vir erwarten nur die beiden letzten Abschnitte als zum Umange dieses Unterrichtsfaches gehörig. Die Verschiedenheit der Neinnngen hierüber beruht auf der Verschiedenheit der Gründe, die zu der Forderung der „Gesellschaftskunde" führen. Uns G'ängt die Noch des Tages dazu; Dörpfeld, der schon vor listig Jahren die „Gesellschajtskunde" als Unterrichtsdisziplin lugesührt wissen wollte, gelangt aus rein theoretischen Erwägungen zu dieser Forderung. Die jüdische Schule kann lber diese Erweiterung ruhig acceptiren, sie wird dadurch ihr Ziel, jüdisches Selbstbewußtsein und Selbstgefühl zu heben, um so eher erreichen. Und nun die für die jüdische Schule werthvollsteu Ergebnisse der „Gesenschaftskuude." Ich beginne gleich mit dem zweiten Abschnitt; die Resultate, die sich für unfern Zweck aus dem ersten Kapitel ergeben, gehören nach unserer gegenwärtigen Unterrichtspraxis dem Religionsunterrichte au und können deshalb hier übergangen werden. Dieser zweite Abschnitt macht uns mit dem Ethnographischen bekannt; Lebensweise, Sitten und Charakterzttge zunächst der Menschen der Heimath werden nach allen Seiten hin beleuchtet. Der Schüler stellt Vergleiche an zwischen Sitte und Lebensweise der Heimath und der Fremde, der Gegenwart und Vergangenheit und erfährt, daß diese etwas Wandelbares sind, abhängig von den wirkenden Natur- und Kulturverhältnissen (Bildung und Moral) ihrer Zeit und ihres Ortes. Unser Urtheil würde vollständig falsch werden, wenn wir an das nach den verschiedensten Seiten sich äußernde Leben anderer Zeiten und Völker unsere Kultnrverhältnisse als Maßstab anlegen wollten. Sv verdient denn auch das vielbespöttelte Judendeutsch durchaus nicht das mitleidige Lächeln, das ihm entgegeugebracht wird. Es ist die Folge der Abgeschlossenheit, in die uns die Gesetze des Mittelalters hineinzwangen. Als sich die Ghettomauern hinter unseren Vorfahren schlossen, wurde ihre deutsche Sprache mit ihnen eingesargt. Sie erstarrte in ihren Trägern und nahm unter ^dein Einflüsse der fast ausschließlichen Beschäftigung mit Bibel und Talmud jene Form des Deutschen an, die wir als Judendeutsch bezeichnen, und die so recht jene eigenthümliche Geistesbildung der Juden des Mittelalters kennzeichnet, bei der der Kern alles, die Schale nichts war. Der Sprachforscher wird auch in dem „Jndendeutsch" einen beachtenswerthen Zweig des Deutschen erblicken, die große Menge aber erblickt in ihm nur eine Karikatur der deutschen Sprache, weil sie in dem Juden eine Karikatur des Menschen sieht. Wir haben uns ebensowenig des Jargons zu schämen, wie sich der hochdeutsch Sprechende der Existenz des Plattdeutschen Dialekts zu schämen hat. Auch der Vorwurf, daß der Jude für die bildende Kunst wenig leiste, wird durch den Hinweis auf die Bedrückungen ^dcs Mittelalters entkräftet. Der Jude, so sagt man, ist zu kritisch beanlagt, um an den Schöpfungen der Phantasie innigen Antheil zu nehmen, anderseits benimmt ihm seine Beweglichkeit die zur Ausführung des plastischen Bildes nothwendige Ruhe. Man vergißt bei diesem Ilrtheil, daß der Jude über dem Hunger nach Lust und Licht den Durst nach Schönheit nicht verspürte. „Von der Freiheit gesäugt, wachsen die Künste der Lust." Das Wort Schillers hat sich auch an uns bestätigt. Die Gegenwart weiß von jüdische» Künstlern zu erzählen, die auf allen Kunstgebieten Hervorragendes leisten und geleistet haben. An der Hand der Geschichte werden wir endlich auch über^die wirthschaftlichen Charakterzüge der Inden die nothwendige Belehrung erhalten. Ihre vorzugsweise Beschäftigung auf dem Handelsgebiete ist auch eine Folge der mittelalterlichen Gesetze. Ein Erwerbszweig aber, zu dessen Ausübung man Jahrhunderte hindurch gezwungen worden ist, läßt sich nicht so kurzer Hand durch einen anderen ersetzen. Unserer Zeit kommt die Aufgabe zu, den allmüligeu Uebergang zu allen Erwerbsgebieten anzubahnen. Das ist eben der Vorzug der ethnographischen Belehrung, daß sie bei aller Anerkennung, die sie dem geschicht-