Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1901)
- Date
- 1901-10-25
- Page
- Seite 512 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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512 aufkommen läßt; sich aber gerade am Sabbath dieser Arbeit zu entziehen, ist der Kaufmann im Allgemeinen außer Stande, oder es sei, daß er wieder ins Ghetto zurückkehrt. Wir können die Entwickelung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse nicht hemmen, selbst wenn wir wollten. Aber ganz abgesehen von der kaufmännischen Thätigkeit, wie denkt sich Herr Dr. Samuel die Verbindung der „Weihe" mit der „harten Arbeit" der Handwerker u. s. w.? Es wäre interessant, seine diesbezüglichen Anschauungen zu hören. In seinen beiden Artikeln läßt er sich nicht darüber aus. Er begnügt sich einfach zu sagen: „Weihe ruht im Eemüth; sie kann über mich ansströmen, auch wenn Kopf und Hand nicht völlig unbeschäftigt sind." Der Satz ist richtig, aber Herr Dr. S. hätte ihn ergänzen sollen durch der: weiteren Satz-. Sie kann nicht über mich ansströmen, wenn ich, wie das bei vielen Handwerkern und Kaufleuten am Sabbath thatsächlich der Fall ist, vollauf beschäftigt bin, und zwar im Sinne des Begriffes „harte Arbeit". Es fehlt ihr dann die äuß ere Vorbedingung, ohne die sie unmöglich ist. Nach vorstehenden Darlegungen wird jeder Unbefangene zugeben müssen, daß die Sainnelffchen Ausführungen in keiner Weise befriedigen. Auch Herr Dr. Samuel beginnt den zweiten Artikel mit dem charakteristischen Satze : „Es mag sein, daß unsere Ausführungen für der: ersten Blick etwas Befremdliches haben und nicht voll befriedigen." Deshalb geht er dazu über, praktische Vorschläge zu machen, nach denen die heutige Sabbathfeier sich anfzubauen habe. All erster Stelle nennt er den „unermeßlich wichtigen, unentbehrlichen, urjüdischen Freitagabend", der in seinem ganzen Umfange bestehen bleiben muß". Wer sich den Freitag Abend mit seinem Glanze und seiner Poesie entgehen läßt, wer ihn nicht nutzbar für sein ganzes Haus zu gestalten weiß, ist arm mitten im Reichthum." Wir nehmen an, daß Herr Dr. S. hier nur die häusliche Freitagabendfeier im Auge hat. Denn von der gottesdienstlichen kann nicht die Rede sein, weil dieselbe im Winter schon um 4 Uhr stattfiudet, in einer Zeit des regsten geschäftlichen Verkehrs. Wir geben selbstverständlich zu, daß die Freitagabende illl Familienkreise ein außerordentlich wichtiges erziehliches Moment bilden, aber — und darauf konunt's doch all — einen Gottesdienst bieten sie nicht. Doch Herr Dr. Samuel glaubt auch dafür Rath zu wissen. Er meint: „Von eitler Vorfeier am Sonnabend ist noch nichts verlautbart." Er denkt sich dieselbe so, daß „der Hauptgottesdienst am Sabbath möglichst vorder Hauptgeschäftsstunde beendet sei." Wie das zu machen ist, sagt er uns nicht. Auch scheint Herrn Dr. Samuel unbekannt zu sein, daß es im Engrosgeschäfte eine „Hauptgeschäftsstunde" gar nicht giebt; sein Satz hätte also nur für die Detailgeschäfte Geltung. Und wie hätte sich hier die Sache zu gestalten? In welcher Stunde sollte beispielsweise im Winter der Gottesdienst beginnen? In welcher Stunde sollte er beendet sein? Das sind Fragen, die erörtert werden müßten, denn sie hätten sofort die Ullaussührbarkeit des ganzen Vorschlages ergeben. Doch selbst die Möglichkeit seiner Durchführung vorausgesetzt, so bliebe noch immer der sehr wichtige Einwand bestehen, den wir scholl in dem Aufsatz der „Mittheitungen" erheben, indem wir au^führteu: „Zugegeben, das wäre möglich, will man etwa einen derartigen Zustand als eine würdige und genügende Bethätigung einer religiösen Vorschrift hinstellen, wenn der Besucher des Gotteshauses nur mühsam seiner Thätigkeit eine Stunde abzuringen vermag, wenn er während der Alldacht selbst womöglich abgelenkt wird durch den Gedanken all die unterbrochene Arbeit und, noch bevor die Synagoge ihre Pforten schließt, wieder eifrig und geschäftig ans Werk geht und rastlos thätig ist bis zum späten Abend?" Aber selbst von diesem schwerwiegenden Bedenken abgesehen, erwartet denn Herr Dr. Samuel, daß die Geschäftswelt so ohne Weiteres seinem Vorschläge zustimmen wird, zustimmen kann? Wir glauben, daß sie mit Rücksicht aus die Sonntagsruhe sich nicht dazu entschließen würde, auch für den Sabbath eine Unterbrechung der Arbeitszeit einzuführen. Doch Herr Dr. Samuel meint: „Die Minderbeschäftigten, die Wohlhabenden, die sich leicht einmal in der Woche vertreten lassen können, werden schon kommen." Aber auch „auf die für gewöhnlich Vollbeschäftigten" rechnet er, „die sich bei ernstem Willen so manchen Sabbath schenken könnten". „Wie z. B., wenn ein ernster Gedenktag unsere Fleißigen ins Gotteshaus ruft oder ein frohes Familienfest?" Aber erliste Gedenktage und frohe Familienfeste sind doch nur Ansnahmetage, die zwei-, dreimal im Jahre Vorkommen; sie gestatten keinen Rückschluß auf die Regel, zumal bei ihnen auch die Pietät als zwingender Grund mitspricht. Und gar der weitere Hinweis auf die Zeit, die der Kaufmann auf die „Wahrnehmung gerichtlicher Termille" verwenden muß, oder die er sich nimmt, „um drei bis vier Wochen ins Bad zu reisen". Wir meinen, die Wahrnehmung gerichtlicher Termine gehört zum Geschäft, und die darauf verwandte Zeit ist für das Geschäft geopfert. Und was die Badereisen betrifft, nun, wie viel Tausende der wirthschaftlich Abhängigen können überhaupt nicht ins Bad reisen, und zwar sind es gerade die Elemente, die am meisten das Verlangen nach einer gottesdienstlichen Erbauung in sich tragen. Nicht besser steht es um diejenigen seiner Darlegungen, in welchen Dr. S. dafür eintritt, den Sonntag in höherem Maße als seither den idealen Interessen des Judenthums dienstbar zn machen, wenngleich hier zugestandeu werden muß und gern zugestauden wird, daß sie voll einem ernsten Eifer für die Sache zeugen. Herr Dr. Samuel will nämlich das Programm der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur in der Weise erweitert wissen, „daß all den Sonntagen große Vortragscyklen stattfinden, im Sommer in den Vor-, im Winter in den Nachmittagsstunden, die auch den religiösen, ethischen und kulturellen Gehalt des Judenthums behandeln und auf alle die Zeit bewegenden Fragen vom Gesichtspunkt unserer Religion eiuzugehen hätten". Man kann voll vornherein zweifelhaft sein, ob die Geschäftswelt geneigt ist, den einzigen freien Nachmittag in solcher Weise idealen Interessen zu opfern, aber wir wollen den Zweifel fallen lassen und all die Durchführbarkeit des Vorschlags glauben. Da bleibt wieder das eine entscheidende. Bedenken: Herr Dr. Samuel bietet Vorträge, aber keine Predigt, Belehrung aber keine Erbauung. Unterhaltung aber keinen Gottesdienst. Er betont sogar ausdrücklich, daß „nicht die Synagoge, sondern irgend ein würdiger Saal die ^ehrstätte sein soll; auch gemahne keine liturgische Formel an einen vorgeschriebenen Gottesdienst". Das heißt aber denn doch das Wesen der Menschennatnr völlig verkennen. Wir verlangen gerade einen Gottesdienst, weil wir wissen, daß derselbe eine Forderung des menschlichen Gemüthes ist. Religion ist vor allem Herzenssache, und wenn Herr Dr. Samuel auch sagt: „Das Judenthum ist vor allem eine Geistes religion, welche Ueberzeugung