Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1901)
- Date
- 1901-10-25
- Page
- Seite 511 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228463--58039-3294462- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
511 nicht geraubt werde»!. Wird es ihr doch geraubt, danu »var es uie mit ihr verwachsen. Wie stellt sich nun Herr Dr. Samuel zu unserer Behauptung, daß der Sonutagsgottesdienst ein nothwendiges Bedürfnis; für alle Diejenigen sei, die durch den Zwang der Verhältnisse, insbesondere durch ihre wirthschastliche Abhängigkeit von dein Sabbathgottesdienste ferngehalteu werden, obwohl sie nach einem solchen Verlangen tragen? Er kann zwar die Nichtigkeit dieser Behauptung nicht bestreiten, meint aber, daß »vir „in krassen Farben malen". Wir wissen nicht, aus welcher Quelle Herr Dr. S. seine Kenntniß der Verhältnisse geschöpft hat, das Eine aber wissen »vir ganz bestimmt, daß es gerade in Berlin Tausende von abhängigen und geschäftlich überbürdeten Existenzen giebt, die während des ganzen Jahres kein Gotteshaus besuchen können, »veil der Gottesdienst der Neforingeineiude ihren religiösen Anschauungen nicht entspricht und sie über den Sabbath nicht frei verfügen können. Wer das bestreitet, der treibt Vogelstraußpolitik, und »vir halten es für ein schweres Unrecht, in solcher Weise zu verfahren. Nicht nur für ein Unrecht, sondern geradezu für unverantwortlich, »veil inan dadurch Hunderte und Tausende dem Judenthnm entfremdet, und »venu Herr Dr. Samuel sagt, daß an dem trostlos schivachen Bestich der »»leisten Shnagogen am Sabbath „auch der allgemeine Rückgang des religiösen Bedürfnisses seinen Theil hat", so mag darin ein Körnchen Wahrheit liegen. Aber kann uns das wundern, wenn »vir in Betracht ziehen, daß nun» emer großen Zahl von Glaubensgenossen in» ganzen Jahre systematisch das Gotteshaus verschließt, indem man ihnen sagt: Eure sozialen und »oirthschaftlichen Verhältnisse sind für uns Lllst, »vir nehmen darauf keine Rücksicht; entweder ihr kommt am Sabbath, oder ihr komint gar nicht?! Glaubt man so die sozialen Verhältnisse zwingen zu können? Es zeugt in der That von einer Kurzsichtigkeit sondergleichen, »venu man in dieser Weise das religiöse Interesse geivaltsan» ertödtet. Was giebt uns dann noch das Recht, über „den allgemeinen Rückgang des religiösen Bedürfnisses" zu klagen? Wir meinen, schon die einfache Thatsache, das; an den jüdischen Festtagen, welche auf Sonntage fallen, die Syuagvgen überfüllt sind, giebt zu denken. Herr Dr. Samuel freilich übergeht das; er spricht mit einer gewissen Geringschätzung von Denen, „die in» Gotteshause nur erscheinen, »venn alle Welt feiert". Sie »vollen, so folgert er, „wahrscheinlich daselbst nicht Peßach, Schowuaus oder Chanuka, sondern ihr liebes Ostern, Pfingsten und Weihnachten finden, die ihnen die Kassen gefüllt haben". Wir müssen gestehen: eine unbegründetere Behauptung haben »vir selten gelesen. Von einer völligen Unkenntnis; der thatsüchlichen Verhältnisse zeugen auch die beiden Sätze, in denen er die heute übliche Sonntagsruhe in ihrer Bedeutung für den Sonntagsgottesdienst herabzuiilindern sucht. Er meint nämlich „unsere Geschäftsleute seien auch am Sonntag »roch so in Anspruch genommen, daß auch da von einer idealen geistigen Sannnlnng wenig die Rede sein könne", und er sagt nicht ohne Ironie, der ganze Sonutagsgottesdienst werde »ur erstrebt, „weil in der Gegenwart am Sonntag die Läden von 10—12 oder von v-11 geschlossen, die Schaufenster verhängt, die Büreans gesperrt sein müssen". Herr Dr. Samuel scheint also nicht zu wissen, daß an den Sonntageu sämintliehe Handwerker und Arbeiter überhaupt feiern, fast alle, »venn nicht alle Engrvs- und die bedeutendsten Detailgeschäfte überhaupt schließen, mit anderen Worten, das; die «»eisten der an» Sabbath Arbeitenden an» Sonntag überhaupt ruhen und feiern. Also nicht, »veil am Sonntag die Schaufenster von 10—12 verhängt sind, sondern »veil dieser Tag ein absoluter sozialer Ruhetag ist, »vollen »vir an ihm einen Gottesdienst abgehalten wissen. Doch auch Herr Dr. Samuel will ihn» gewisse Konzessionen machen. Er fühlt selbst heraus, daß die Verhältnisse, wie sie heute liegen, unhaltbare sind, und deshalb »nutz etwas geschehen. Zwar bis zu einem Sonntagsgottesdienste kann er sich natürlich nicht »ersteigen — dazu erscheint ihn» das Gespenst der Sabbathverlegung zn drohend in» Hintergrund, aber er sucht zu vermitteln, inden» er schreibt: „Wir müssen den» Sabbath mit aller Macht die Weihe zu erhalten suchen und ergänzen diese durch die staatlich eingeführte Sonntagsruhe für uns und unsere Angestellten. So haben »vir gleichsam Gott gegeben, was ihm gebührt, und den» Staate, was er verlangt." Damit kommen »vir zn den Positiven Vorschlägen, die Herr Dr. Samuel giebt, um den Sonutagsgottesdienst überflüssig zn machen. Er läßt diesen Vorschlägen eine Darlegung der historischen Entwickelung des Sabbathbegriffes vorangehen, die »vir hier kurz rekapitnlireu müssen. Ursprünglich, so sagt er, hat ohne allen Zweifel dem Sabbath von jeher auch eine große soziale Bedeutung innegewohnt. „Allein, rein religiös betrachtet, stand doch wohl der andere Gesichtspunkt voran: Hingabe des Menschen an feinen Schöpfer, Rückgabe des siebenten Theiles seiner Lebenskraft und -Zeit an den Herren des Lebens ..„Das rein religiöse Moment der Weihe und Heiligung bleibt das ursprünglichste und wesentlichste, das soziale das begleitende, die absolute Ruhe erst das letzte." Daraus folgert Herr Dr. Sainnel weiter: „Also nicht Arbeitsenthaltung um jeden Preis bis znm vollen Quietismus ist die höhere Forderung des Sabbaths, wohl aber Weihe, so »veit irgend möglich. Harte Arbeit und Erholung sind Gegensätze, Arbeitsamkeit und Weihe sind keine." Auf diese Vordersätze gründet nun Herr Dr. Samuel seine These: „Dem Sabbath die Weihe, dein Sonntag die staatlich eingeführte Sountagscuhe!" Ihn» scheint diese Art der Sabbathheiligung um so eher durchführbar, als nach seiner Meinnng der geistige Arbeiter am Sabbath volle Bewegungsfreiheit hat. „Und »vie viele unserer Kaufleute arbeiten vornehmlich mit dem Kopfe!" Nun ist aber die erstere Behauptung nicht richtig, und auch Herr Dr. Sainnel weiß recht gut, daß, abgesehen von den» Studium der Gotteslehre, jede geistige Berufsarbeit unter normalen Verhältnissen religionsgesetzlich verboten ist. Der Richter darf keine llrtheile ausarbeite», der Oberlehrer keine Aussätze korrigireu, der Schriftsteller keine Artikel schreiben u. s. w. Mithin ist auch die geistige Thätigkeit des Kaufmanns als berufliche Arbeit verboten, »veil sie ausschließlich der Förderung seiner materiellen Interessen dient. Aber selbst »venn »vir diese geistige Arbeit in» Sinne der vorangegangenen Samuelschen Ausführungen als erlaubt gelten lassen wollten, »vir könnten es gar nicht, denn kein Mensch wird der Samuelschen Behauptung beitreten, daß diese kaufmännische Thätigkeit nicht unter den Begriff „harte Arbeit" falle, sondern nur als „Arbeitsamkeit" zn bezeichnen sei. Wer das meint, der bekundet damit eine beneidenswerthe Weltfremdheit. Wir sind in» Gegentheil der Meinung, die geistige Arbeit des Kaufmanns ist eine so ausreibende, daß sie eine „Weihe" neben sich nicht