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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-10-25 · Heft 43 (25.10.1901) · p. Seite 509

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 43 (25.10.1901)
Date
1901-10-25
Page
Seite 509 (sequence 7)
Language
German
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509 Länger sind lauter Phänomene, und die Prediger lauter Bossnets. Die stimmgewaltigsten Teuore und Baritone hat man — so heißt es in jenen Berichten — nur in X. und Nhören können; und was sollen wir von den formvollendeten, inhaltsreichen Reden sagen, deren jede das Muster einer nach allen Regeln der Aesthetik und Rhetorik anfgebauten Predigt ist? Wir kennen Prediger, die sich nicht cut -halten, zu gewöhnlichen Schauspielern zu gehen, uni bei diesen Allssprache und komödiantenhaften Gestus zn lernen. .Der Komödiant kann den — Rabbiner lehren", würde ein zweiter Goethe sageil. Und mit solchen Mittelchen will mall ans das religiöse Gefühl wirken? Solche Äußerlichkeiten sollen die Herzen, die Geinnther erwecken, bis ins Innerste aufwühlen? Las Judenthmn ins Komödiantenhafte verzerrt, Mätzchen statt wahrer Gefühle, Schönrednerei statt Ueberzeugung, Talare und Barette statt warmer, religiöser Innigkeit, dazu würdigt man as Jndenthum herab. Muß ein solcher von einem Schaupieler präparirter Prediger, der in jeder Bewegung an den Komödianten erinnert, nicht ein ironisches Lächeln errregen bei Zedern, dem es Ernst ist um unsere Religion, um unser Judentum? Und nun erst die im Gottesdienst Konzert gebenden stantoren? So ein „Dnossmlel: st'okek" für sehr gemischten Chor mit der: obligaten Solis! Eine solche Konzertaussührung, die man, über eine Stunde oft, über sich ergehen lassen muß! Nerkt ihr blöder: Zuhörer nicht, wie in tonmalender Weise ie Stelle „Wie ein Hirt seiner Heerde wartet" den Kuhreigen achahrnt, wie die Rossinis unter unseren Kantoren-Komponisteu ch den modernen, charakterisirenden Wagnerischen Stil ange- -gnet haben und ihn ans die uralten Selichoth und Schmerzenseder des mittelalterlichen Judenthnms übertragen? Eine Uuchah Keduschah für Jom-Kippur im musikalischem Barockst sezessionistischer Gegenwart — verwöhnter Tempelbesucher md noch verwöhntere Konzert- — Pardon — Tempelbesucherin er Gegenwart, was willst du noch mehr? Redner, welche die stocken aus Nietzsche und Schopenhauer bringen, soziale Fragen n Anschluß an Bibel und Talmud behandeln, mit Talar und rustvvll gefaltetem Tallis bekleidet, den Gestus deines im heater so gern gesehenen jugendlichen Liebhabers oder ältcher: Charakterspielers nachahmen, Sänger, welche mit Wotau nd Tannhäuser und Lohengrin wetteifern, moderner kann man wahrlich das Judenthum nicht mehr gestalten, dieses alte mzelige Judenthum mit seinen so veralteten Schmerzensrufen, e es über Vergewaltigung und Bedrückung ausstößt. Und um kommen die Kritiken in den Zeitungen über die Phänoeuale Stimme des Kantors Z. und über die gewaltige Redner- :be des Predigers?). Diese Kritiker: wimmeln von Hyperbeln, str wundern uns nur, daß die unterschiedlichen Hoftheatermrektoren den Kantor und den Prediger?), nicht schlankweg mr der Synagoge für ihre Hofbühnen engagiren und die aäuomenaleu Künstler noch immer bescheidentlich im Verlegenen blühen lassen. Wir glauben mit unseren Bemerkungen einer: der Harrpthäden unseres Gottesdienstes, wir wollen nicht sagen entckt, aber doch ans Tageslicht gezogen zu haben. Je mehr user Gottesdienst ar: Innerlichkeit verliert, desto mehr Putzer: ir ihn mit der: Mäntelchen und Flitter:: der Aeußerlichkeit 'raus. Und deshalb sind wir der Meinung, er wird auf die mstnigsten nur gewirkt haben. Nochmals, uns fehlt ein Volksltesdienst, Verständnis; für unsere Gebete, Verständnis; für m' so tiefe Bedeutung unsere Feste, Verständnis; für die beseligende Ethik unserer Bräuche, Verständnis; für unsere Bibel und ihre Erklärer und Erläuterer. Wie dankbar wäre die große Menge manchen Predigern:, wenn sie weniger bei Schauspielern lernten und mehr ihre Zuhörer über den tiefen, sittlicher: Gehalt des Judenthnms belehrten! Weniger Uebermenschenthum und mehr Menschenthuru, das sollte die Devise für unsere Redner sein. Ach, die schweifen Alle in weite, weite Fernen, ziehen ihre Weisheit aus den ältesten Jahrgängen politischer Tagesblätter, und dabei verzehrt ihr Auditorium der Hunger nach dem Gottesworte, dem einfachen, schlichten, allgemein menschlicher: Worte, das ewig ist, weil es die ewigen Gefühle der Menschheit zum Ausdruck bringt. Und alle so gemischter: Chöre, und alle so vermischten Solis, und alle Tonarten der Welt, sie ersetze:: die Andacht nicht und die Innigkeit nicht, welche in den alter:, gemächlichen Weisen so rührend irr die Erscheinung trat! „Kehrt zur Natur zurück," dieser alte Ruf Rousseaus, er werde auch ir: unserem Gottesdienste beherzigt. Wir sind zu verfeinert, wir Haber: zu viel verkostet, und es scheint, als würde uns die kräftige Kost, die uns das Gotteswort darbietet, nicht mehr munden. Aber es scheint nur so! Wir haben genug unter den Anschauungen einer modernen Zeit zn leiden, bannen wir diese aus dem Gotteshause. Weg mit all der: Künsteleien und Sophistereien, entfernt sie vor: der Stätte des Friedens, schaffet sie weg aus unserem Heiligthum. Die Thora verträgt die Schallspielerei nicht, und der Psalter nicht Wagnersche Vertonung. Thora und Psalter müssen durch sich selbst wirken, ohne Verrenkung, ohne Verkrümmung. Aber wer ist da, der uns das reine Gotteswort verkündete, welcher Sänger bringt uns die Musik, die in Davids Liedern ruft, zu Gehör? lstVL'j. Noch einmal der Sonnlagsgottesdienst.') ls „Entgegnung" auf einen in der Aprilnurnrner der „Mittheilungeu des liberalen Vereins für die Angelegenheiten der Berliner Gemeinde" erschienenen Aufsatz über den Souutagsgottesdienst hat Herr Rabbiner Dr. Samuel aus Essen in den Nummern 85 und 36 dieser Zeitung zwei Artikel veröffentlicht, deren Tendenz in der Ueberschrist „Ruhe dem Ruhetage", d. i. dem Sabbath, klar gekennzeichnet ist. Herr Dr. Samuel befürchtet von der Einführung eines Sonntagsgottesdienstes nicht nur eine Beeinträchtigung, sondern geradezu eine Zerstörung der Sabbathfeier und glaubt demgemäß dringend vor dem Sonntagsgottesdienst als einer drohenden Gefahr sür den Bestand des Judenthnms Warner: zu sollen. Es sei uns gestattet, den Samuelffchen Ausführungen hier kurz entgegenzutreten. Schon der Eingang seiner Darlegungen darf nicht unwidersprochen bleibe::. Herr Dr. Samuel giebt hier nämlich seinem „Befremden" darüber Ausdruck, daß, nachdem die Einführung des Sonntagsgottesdienstes von der Berliner Gemeindevertretung in ablehnendem Sinne entschieden war und auch das Berliner Nabbinat sich gutachtlich dagegen geäußert st Obwohl wir in dieser wichtigen Frage auf durchaus entgegengesetztem Standpunkte stehen, Haber: wir es doch für angemessen gehalter:, auch dem Verfasser ves angegriffenen Artikels das Wort zn geben, indem wir ar: unserem Prinzip der Objektivität und Unparteilichkeit nach allen Richtungen hin sesthalten. Die Red.

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