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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-10-25 · Heft 43 (25.10.1901) · p. Seite 508

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 43 (25.10.1901)
Date
1901-10-25
Page
Seite 508 (sequence 6)
Language
German
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508 ließ in den letzten Jahren viel zu wünschen übrig. Viele von den allen, leistungsfähigen Freunden der guten Sache, die anregend und fördernd wirken können, fehlten. Die Schaar der Getreuen, die wacker Stand hielten, war keine allzu große. Ein Glück für den Verein, daß sein Vorsitzender, Rabbiner Dr. Frank, stets pünktlich zur Stelle war; auch ein nicht gerade einladendes Wetter konnte ihn von der Erfüllung seiner Pflichten als Vereinsleiter nicht znrückhalten. Und dabei standen die Diskussionen, die den durchweg belehrenden und interessanten Vortrügen bisher zu folgen pflegten, nicht immer auf der Höhe einer streng sachlichen, wissenschaftlichen Erörterung. Nicht Jeder, der glaubt, an der Diskussion sich betheiligeu zu sollen, vermag den hier gebotenen Ton zu treffen. Soll aber eine Diskussion ihren wahren Zweck erfüllen, dann muß sie sich freihalten von gewissen Zeitströmungen, besonders von solchen zionistischer Tendenz und von allem rein Persönlichen. Gelingt es nicht, der Diskussion diese gebotenen Grenzen zu ziehen, dann ist es für den Verein weit besser, die Beantwortung etwaiger, an den gehaltenen Vortrag anxnüpfende Fragen durch den Referenten oder den Vorsitzenden zu beschranken. — Die öffentlichen Vorträge im großen Saale der Lesegesellschaft waren durchweg in gewohnter Weise von Darneu und Herren sehr stark besucht und vermitteln anch solchen Kreisen, die sonst von jüdischen Dingen nicht allzuviel hören, schützenswerthe Kenntnisse über die reichen Schütze unserer Litteratur und über unsere glorreiche geschichtliche Vergangenheit. Das in den letzten Jahren unter sehrstarker Betheilignng aller Kreise unserer Gemeinde gefeierte Channckafest des Vereins hat sich eingebürgert und nicht wenig dazu beigetragen, den Literaturverein noch volksthümlicher zu machen. Die Pflege edler Geselligkeit sollte gerade in unserer Zeit mit zu den Aufgabe!! der Vereine gehören, die bestrebt sind, den Sinn für jüdische Wissenschaft und jüdische Geschichte jN unseren Gemeinden zu wecken und wach zu halten; handelt es sich doch um die festliche Begehung großer Erinnernngstage au eine ruhmvolle Vergangenheit. Leider kann ich über die Gründung einer jüdischen Volksküche für Köln noch nicht berichten, es ist davon wieder still geworden. Und doch kann die Nothwendigkeit einer solchen segensreichen Gründung für Köln nicht genug betont werden. So wenig man, und das mit Recht, in jetziger Zeit Neigung verspürt zu irgend welchen Neugründnngen, so sehr wäre die erwähnte Gründung einer Volksspeiseanstalt gerade gegenwärtig. wo die Ungunst der wirthschaftlichen Verhältnisse sich den wenig Bemittelten oder ganz Unbemittelten am empfindlichsten fühlbar macht, geboten. — Der privaten und öffentlichen Wohlthätigkeit bieten sich in diesem Winter große Aufgaben, die letztere nur dann erfüllen kann, wenn die in guten Verhältnissen lebenden Gemeindemitglieder mehr als in normalen Zeiten ihrer bedrängten Glaubensgenossen sich anuehmen und den stark in Anspruch genommenen Kassen der Wohlthätigkeitsvereine neue Mittel Zufuhren. Einer der bedeutendsten hiesigen Wohlthätigkeitsvereine, der „Israelitisch- Religiöse Wohlthätigkeitsverein" (Ehewra Semichas Dalim) hat, vor: vorerwähnten Erwägungen ausgehend, einen Aufruf erlassen, der den Beitritt zahlreicher neuer Mitglieder zur Folge hatte. Dem Vereine gehören nunmehr nahezu 650 Mitglieder an; seine Jahreseinkünste, die bestimmungsgemäß alljährlich an Bedürftige zur Vertheilung gelangen oder als nsfreie Darlehen ausgegeben werden, betragen jetzt etwa 8000 Mark. Selbstverständlich erfüllt er dabei auch seine religiösen Pflichten und seine Liebespflichten bei Krankheits¬ und Sterbefällen. Solche Vereine (Chewras) zielbewusst und wahrhaft menschenfreundlich geleitet, gereichen jeder Gemeinde zum Segen. Sie zu fördern und immer leistungsfähiger zu gestalten, muß deshalb das unausgesetzte Bestreben der besten Kräfte der Gemeinde sein, da sich in diesen Vereinen die edelsten Blüthen des Judenthums, wahre Religiosität, gepaart mit Menschenliebe und Barmherzigkeit entfalten und köstliche Früchte zeitigen, zur Ehre des Judenthnms, zuin Segen seiner Bekenner. Brief aus Oesterreich. Mitte Oktober 1901. NUN vorübergegangeneu Feiertage könnte man ak eine Art Heerschau über unser Judeuthum bezeichnen Selbst Diejenigen unter uns — und es sollen deren nicht wenige sein, — welche sonst dem etwas veralteten Grund falle huldigen: „Gotteshäuser betrachte ich am liebsten von außen, Berge von unten, Wirthshänser voll innen," fühlen mu diese herbstliche Tischrizeit ein sogenanntes religiöses Rühren sie öffnen ihre Geldtasche etwas mehr, — und gehen sogar in die Synagoge. Fern sei es von uns, die religiösen Motiv, besagter Herrschaften näher zu untersuchen, wir huldigen da dem talmudischen Satze: Thut man etwas auch nicht zu einem bestimmten Zwecke, so kann der Zweck dennoch erreicht werden Also, man geht all den „hohen Feiertagen", in die diversen „Schulen", welche oft gar nicht stalldesgemäß etablirt nnd untergebracht sind. Man kann in den Tempeln verschiedenartige Käuze wahrnehmen. Die Eineil statten dem lieben Herrgott einen Besuch ab, weil blasse Furcht ihr Herz du schleicht, und da möchten sie durch Gebet „das böse Verhängnis abwenden". Bei Anderen ist Gewohnheit die Amme, man gehl in den Tempel, weil man es in der Jugend „vor sich gesehen" Der Dritte thut es der lieben Jugend wegen; man muß doch eill gutes Beispiel geben und das Erbe der Väter weiter ver Pflanzen. Nun möchten wir die Frage aufwerfen, ob auch all diese Synagogenbesucher mit befriedigten religiösen Gefühlen aufgerichtet nnd erhoben und getröstet, die heiligen Stätten verlassen, um wieder zu den gewöhnlichen heimischen Penaten ziirückzukehren? Wir wollen Niemand krallten und beleidigen wir wollen die Frage nicht bejahen und auch nicht vereinen aber berechtigte Zweifel müssen dennoch in uns aufsteigen, ob denn unser Gottesdienst, wie er heute beschaffen ist, im Staiidc sei, Denen, die sich danach sehnen, auch wahre religiöse, tief innerliche Befriedigung zu gewähren. Man kennt uns scholl mall weiß, daß wir gewohnt sind, das Kind beim rechten Namen zu nennen, selbst auf die Gefahr hin, daß sich Jemand getroffen fühlen sollte; aber wir müssen es hier aussprechen voll Seite vieler Prediger und Kalltoren wird mit dem Gottesdienste viel zu viel Reklame getrieben, als daß er in Wahrheu wirken könnte. Das ist ein starkes, aber — leider müssen wir es sagen — nur allzu wahres Wort. Was soll es z. B. heißen, wenn wir in Zeitungen förmliche Kritiken über die - fast hätten wir es gesagt — schauspielerischen Leistungen der Redner nnd Sänger im Gottesdienste lesen? Ist dies nicht eine Entwürdigung der hochheiligen Handlung? Die

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