Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 39 (31.3.1838)
- Date
- 1838-03-31
- Page
- Seite 155 (sequence 3)
- Language
- German
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155 rrer gekommen sind, nicht diesen Anforderungen vollkommen? — Fern sei es von mir, mit einer Anklage gegen diese Männer und so viele Jüngere, die denselben Weg eingegeschlagen, hier austreten zu wollen. Ach selbst habe mir sehr nahe stehende Freunde unter ihnen, und erkenne dankbar an, wie viel Gutes schon durch die jetzt im Amte stehenden Rabbinen geleistet worden ist. Aber es ist jetzt Alles noch dem Zufall und der Willkür überlassen, es fehlt das Regulativ, es fehlt vor Allem an Bürgschaft für die Zukunft. Die namhaftesten Talmudschulen der früheren Zeit sind eingegangen, oder der Auflösung nahe; mancher Rabbine befaßt sich nicht mehr damit, sein erworbenes Wissen auch aufSchule zu übertragen, manchem fehlt, bei übrigens'hochzuschätzenden Eigenschaften, die Gabe sich klar und deutlich einem Schüler mitzutheilen'; viele Winkellehrer lehren ohne Einsicht und 'Nachdenken mit derselben Befugniß, wie die ausgezeichnetsten Gelehrten; keine Prüfung, keine Controle findet Statt, weder die Regierungen noch die Gemeinden beaufsichtigen einen so bedeutenden TheLL des Unterrichts. Was aber noch mehr ist, der talmudische Unterricht steht abgesondert von allen übrigen; wer Talmud lernt, lernt nichts Anderes, und daraus entsteht nur zu häufig die Umkehrung des Satzes, wer etwas Anderes lernt, lernt keinen Talmud mehr. So wie die jungen Leute anfangen, Gymnasien und Universitäten zu besuchen, treten ihre theologischen Studien in den Hintergrund, und so entfremden sie sich sechs, acht, oft zehn Jahre der besten Kraft, ihrem eigentlichen Berufe, verlieren den Sinn dafür, und nehmen eine Halbheit oder eine Verworrenheit an, deren Folgen für wissenschaftliche und noch mehr für sittliche Bildung in die Augen springen. Vergessen wir diesen letzten Punkt, die sittliche Bildung vor Allem nicht, sie ist wichtiger als alles Andere, und ist am meisten bei dem bisherigen Bildungsgänge gefährdet. Was hilft uns alle Wissenschaft bei unseren Geistlichen und Lehrern, wenn sie nicht auch als Menschen ohne Tadel dastehen, wenn sie nicht der Gemeinde vorleuchten in ihrem Lebenswandel durch Förderung und Belebung alles Guten? Es fehlt also ein Bindungsmittel zwischen dem Früher und Jetzt, es fehlt die Vermittlung zwischen jüdischer und allgemein-europäischer Bildung, und diesem Mangel soll die Gründung von Seminarien und einer eigenen Faeuttät für jüdische Theologie abhelfen. — Seminarien und Facuttät, beides sind dringende Bedürfnisse der Zeit; jene müssen an vielen Orten sein; Jeder, der Beruf in sich fühlt, oder zu fühlen glaubt, muß in seiner Nähe Gelegenheit haben, sich für die höheren Studien vorzuberekten. Diese, die theologische Facultat, genügt vorläufig an einem Orte; findet sich einst die Möglichkeit, daß auch sie vervielfältigt werde, desto besser. Seminarien könnten gemeinschaftlich sein für die Bildung von Lehrern und Rabbinen; es wären dazu nur einige Elassen für Talmudunterricht den gewöhnlichen Elementarschulen hinzuzufügen, oder, wenn sie schon vorhanden sind, bestimmt zu solchem Zwecke zu organisiren. Dazu bedarf es gar nicht sehr großen Aufwandes, jede mäßige Gemeinde kann eine solche Einrichtung aus eigenen Mitteln treffen. Denn was die allgemein-pädagogische und didactische Bildung unserer Lehre betrifft, dazu stehen ihnen ebenfalls die von den Regierungen jetzt schon in ziemlicher Anzahl errichteten Schullehrerseminarien offen, und nur das, was speciell jüdisches Wissen zu nennen ist, bedarf der Fürsorge der jüdischenGemeinden. Eben dieser Unterricht mußte auf der einen Seite mit dem der Lehrerseminarien, auf der andern Seite für die künftigen Geistlichen mit dem der Gymnasien *) parallel gehen. Für die Lehrer bildet der Austritt aus dem Seminar den Uebergang ins practische Leben, der künftige Geistliche hat nun noch die Universität vor sich. An dieser fehlte ihm bisher jede Rücksichtnahme auf seinen künftigen Stand; nothdücstig ersetzen konnte er dies durch Theitnahme an manchen Vorlesungen über christliche Theologie, aber gewiß nur sehr nothdürstig. Der Prediger an der christlichen Kirche nimmt eine ganz andere Stellung ein, als der Rabbine; nur wenige Punkte sind übereinstimmend; das Uebrige soll er entweder vergessen, oder in seiner eigenen Stellung völlig umschaffen. Nicht jeder aber ist so begabt, daß er sich gänzlich vom fremden Einflüsse losmachen kann, zumal wenn 0er Lehrer von der Art ist, wie sie alle sein sollten, wenn er es versteht, seine Zuhörer zu begeistern, gänzlich von seiner Wissenschaft und seiner Auffassung derselben zu erfüllen. Wie mächtig diese Eindrücke, die von einem ausgezeichneten Lehrer kommen, haften, das weiß nur, wer es selbst in sich erfahren hat. Wir wünschen daher *) Wir formen hier nicht übergehen, wie wichtig auch der Besuch der Gymnasien für die künftigen Theologen ist. Leider herrscht darüber noch viel Dorurtheil. Ein wenig Latein und Griechisch, so hört man häufig räsonniren, kann der, welcher Talmud versteht, schnell genug lernen; so lesen sie den NepoS und Caesar nothdürstig, übersetzen vielleicht einige äsopische Fabeln, und glauben damit schon genug gethan zu haben. Die hohe Wichtigkeit der Gymnasialstudien besteht aber gar nicht so sehr in der Summe von Kenntnissen — obwol auch diese etwas ganz Anderes bedeutet, als die Ausbildung manches Rabbinatscandidaten — sondern in der daraus hervorgehenden Erhebung und Bildung des Sinnes, des wissenschaftlichen wie des moralischen, und darauf kann man nicht Werth genug legen. Dr, I.