Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 39 (31.3.1838)
- Date
- 1838-03-31
- Page
- Seite 156 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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156 solchen Eindruck von Lehrern unsrer eignm Wissenschaft; die bisher gewonnenen Kenntnisse müssen hier, wie in einem Brennpunkte vereinigt, und zu einer Gesammtanschauung verarbeitet werden. Was bisher alleiniger Zweck des Unterrichts gewesen, die Erlernung der Sprache und Methode des Talmuds, tritt nun in die Reihe mit mehren selbstständigen Disciplinen, welche die Wissenschaft des Judenthums in ihrer Gayzheit ausmachen. lFortsetzung folgt.) Correspondenzen, Auszüge, Repliken. Prager Zustände. (Fortsetzung.) Man wußte und fühlte wol, daß etwas geschehen muffe, aber nicht wie weit man zu gehen habe; ob, da man schon daran war zu ändern, Altes schnurstrakö niedergerissen, und über den Trümmern irgend, Gott weiß was für ein Luftgebäude aufgerichtet werden solle, oder ob man daS Alte schonen und nur das zu verbessern habe, was einer Verbesserung bedarf. Hierzu mag noch kleinstädtischer Ehrgeiz mit noch sonstigen Artikeln der Kleinigkeitskrämerei gekommen sein, um in den Momenten, wo man von Außen her nicht angegriffen wurde — und deren gab eS freilich sehr wenige — doch im Innern nicht vorwärts kommen zu können. Viel Zwiespalt erregte auch die Verschiedenheit der Ansicht, ob daS dem neu cinzuführenden Gottesdienste gewidmete Gebäude, wie es war, gelassen, oder ganz umgebauet werden solle? Letztere Meinung hatte zwar das für sich, daß man der Menge durch die Neuheit, durch einen gewissen Glan; imponiren müsse, um die alten Übeln Gewohnheiten zu verdrängen; dagegen aber ließen sich gegründete ökonomische Rücksichten geltend machen. Denn obwol kurz nach einer Aufforderung des Ausschusses, welche, waS wol zu rügen ist, erst im Jahre 1835 erfolgte, durch Subftription die bedeutende Summe von mehr als 8000 Fl. C. M. in kaum einem Monate gedeckt war, reichte diese dennoch lange nicht hin, um die Ausgaben für den vorgehabten Bau zu bestreiten, und in der That mußte man zu dem etwas bedenklichen Geschäfte eines 5g Anlehenö von 15,000 Fl. C. M. feine Zuflucht nehmen — wobei, im Vorbeigehen gesagt, der unserer Gemeinde nicht angehörkge Salomon Freiherr von Rothschild mit 1000 Fl. C. M. auf 20 Aktien subscribirte. — Obwol sich nach den Namen, die auf der Subscriptions-Liste stehen, annehmen läßt, daß sie weder mit den Coupons noch mit den Schuldverschreibungen selbst den Verein besonders drängen werden. UebrigenS stellt sich für das erste Jahr 1837 das tröstliche Verhältniß heraus, daß man statt den statutenmäßig jährlich zu tilgenden 5 schon 6 Aktien zurückkaufen könne! Wer zählt noch die Widerwärtigkeiten, die von Außen herein stürmten! Das Lokal der sogenannten Altschule wird mit Bewilligung der competenten Behörde vom Vereine zu seinen Zwekken in Anspruch genommen, und 36 Sitzinhaber protestixen in Folge gewisser Eingebungen dagegen, als einen Eingriff in ihr rechtmäßiges Besitzthum. Als dieses Hinderniß durch Vergleich beseitigt und der Umbau deö Lokals für nothwendig anerkannt ward, suchte man alte Satzungen hervor, wonach kein Stein, sage kein Stein, an einer Synagoge gerührt werden dürfe. Kein Mittel blieb unbenutzt, um die hohen Behörden und daS Publikum von dem guten Zwecke abwendig zu machen; ja selbst eine Leichenrede mußte zum Vehikel eines DonnerwortS gegen den Verein dienen. Hätte der würdige schwache Greis sehen können, mir welchem ehrfurchtsvollen Anstand, der ihm veranstaltete Leichcnzug vor sich ging, hätte er gesehen die würdevolle Trauer derjenigen, die er als Abtrünnige verschrien, hätte er gesehen, wie auch jene, welche die gute Sache in seinen Augen entstellten, hingerissen durch den erhabenen Eindruck, den eine solche würdevolle Scene machen muß, anerkannten, daß eine würdevolle Haltung eher im Stande sei, erhabene Gefühle hervorzurufen, als ein verworrenes Geschrei und zügelloses Gewimmer: er würde sich mit Abscheu gegen diejenigen, die hinter der Coulrffe spielend, ihn den Schwachen, aufreizend allein auf die Bühne vorschoben, gewandt, und den Andern zugerufen haben: „Segen eurem Beginnen, fahret fort, wie ihr angefangcn, seid einig, gesegnet sei eurer Hände Werk!" Er hat eS gut gemeint, Friede seiner Asche! Kein Wunder also, wenn man in mebr als fünf Jahren kaum mit der Umgestaltung einer Synagoge fertig wurde, da man während dieser Zeit — wenigstens nach dem zu schließen, waS man Anfangs Alles in Bewegung gesetzt hat — alle 9 Synagogen hätte umbauen können; kein Wunder, wenn die große prager Gemeinde von den kleinern zu Teplitz, Branders und Münchengrätz überflügelt wurden, obwol bereits am 12. Februar 1835 die feierliche Uebergabe der „Altschule" au den Verein zur Verbesserung des Gottesdienstes Statt gefunden hat. — Uebrigens mag der Betrachtung, daß eS in der Welt keinen Augenblick gibt, aus welchem nicht etwas Gutes hervorginge, der Reiz der Neuheit abgehen, widerlegt wenigstens wurde sie nicht durch die Entwickelungsgeschichte unserer CultuSangelegenheiten. Und in der That waren eS zwei merkwürdige Unfälle, welche dazu beitrugen, dem verbesserten Gottesdienste in Prag Eingang zu verschaffen. Es war nemlich im Januar 1833, als man die Erinnerung an die ein Jahr zuvor hier hausende Cholera feiern und für die Dahingeschiedenen öffentlich beten wollte. Da gab der Verein für Krankenpflege — von welchem später in einem eigenen Artikel — den ersten Impuls zur praktischen Ausführung des ProjectS zu einem regelmäßigen Gottesdienste, benutzte die sich ihm darbietenden hie und da zerstreuten Elemente, um die Sache, so gut es ging, ins Werk zu setzen. .Und siehe, der Andrang war so groß, und jeder fühlte sich durch den — zwar sehr schwachen — ersten Versuch so angeregt, daß er auch bei andern Vereinen Nachahmung fand, und in Kurzem war die Stimmung der Gemeinde von der Art, daß man vou ihrer Seite wenigstens keinen Widerstand gegen ein ferneres Fortschreiten zu besorgen hatte. ' Ein zweiter Unglücksfall, der die sammtlichen österreichischen Staaten in Betrübniß versetzte, war das Hinscheiden des guten Kaisers Franz des Ersten. Die Trauerandachtt, welche der Verein bei dieser Gelegenheit veranlaßt, verfehlte ihren Zweck nicht, denn die entsprechende Ausstattung der Synagoge, die wehmüthigcn Psalmen, welche von einem damals schon ziemlich gut eingeübten Chor vorgetragen wurden, waren ganz dazu geeignet, den Gefühlen jenen Aufflug zu geben, womit der Sterbliche so gern erhabene Seelen nach dem Jenseits begleitet. Und unser Dr. Wessely hat in seinem geistvollen beredten Vortrage, durch Darstellung dessen was der Hingeschiedene für uns gewirkt, in den Herzen der Zuhörer ein unvertilgbareS Denkmal errichtet, und die großen Hoffnungen belebt, die wir in seinen erhabenen Sohn und Nachfolger setzen. So war nicht nur der Zweck des Tages erreicht, sondern auch dadurch der Wunsch immer lebhafter, Daß die Verbesserung des israelitischen Culnrs, welche durch Kaiser Franz ins Leben gerufen, unrer Ferdinand dem Ersten, seiner Vollendung zugeführt werde. Und dieser Wunsch ging auch in Erfüllung. (Schluß folgt.) Redacteur: vr. L. Philippson. - Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirfchfeld.