Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 39 (31.3.1838)
- Date
- 1838-03-31
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Lehrer jüdischer Wissenschaft sich ausschließlich in dm T»lmudschvlm, welche an viele» Rabbinaksitze» «sichtet und oft wich dotirt warm , vorbereitetm, daselbst sich gründliche Kenntnisse des Talmuds und der mit ihm im genauen Zusammenhänge stehenden Werke verschafften; alle Bildung in anderen Zweigen des Wissens aber auf rein zufällige Weife, durch Lectüre, durch Umgang, oder wie es sonst kommen mochte, sich aneigncten. Nicht der geringste Theil der angestellten Rabbinen aber wurde aus Polen berufen, und dieser nahm gar keinen Theil an der Bildung, die ohne Rücksicht auf Religion und Glaubensbekennmiß, als Gemeingut der Deutschen, wie mehrer anderer europäischer Nationen, sich geltend macht. — Es möchte wol vorzüglich die Occupatio» Deutschlands durch die Franzosen sein, die eine durchgreifende Aenderung dieses Verhältnisses verbreitete. Die Anerkennung des Judenthums als einen Theil des allgemeinen Staatslebens brachte die Bekenner desselben in «ine früher nicht gekannte Stellung zu den Regierungen, und das Bedürfniß zeigte sich lebhaft und unabweislich, durch Aneignung der allgemein verbreiteten Bildungsmittel die Verbindung mit dem ganzen Staatskörper zu erhalten und zu erweitern. Daher seit jener Zeit zuerst auch solche jüdische Jünglinge, die nicht der Arzneikunde sich widmeten, die Gymnasien und Universitäten zu besuchen ansingen. Auch solche, die als künftige Bewerber um Rabbinenstellen auftretrn wollte», singen an diesen Weg zu betreten, und so entschiedenen Beifall fand dieser Fortschritt bei de» meiste» Gemeinden Deutschlands, daß ich nicht zu irren fürchte, wenn ich behaupte, es sei — vielleicht mit alleiniger Ausnahme des äußersten Ostens — in ganz Deutschland in den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren kein Rabbine neu angestellt worden, der nicht mehr oder weniger diesem Fortschritte sich angeschlossen, und Gymnasial- und Universitätsstudien seiner talmudischen Bildung hinzugefügt hat. In manchen Ländern des südlichen Deutschlands haben die Regierungen cs sogar den Rabbinatscandivaren zur unerläßlichen Pflicht.gemacht, ihre academischen Zeugnisse vorzulegen, und in besonderer Prüfung ihre gewonnenen Kenntnisse zu documentiren. Auch in Galizien hat neuerdings, wie bekannt, die Regierung verordnet, es solle vom Zahre 1847 an kein Rabbine angestellt werden, der nicht regelmäßige Schul- und Universitätsbildung genossen habe. Wol kann man nun die Frage auftversen: Ist denn das wirklich ein Fortschritt? Verliert nicht das Judenthum bei dieser Vermischung mit fremdartigen Bestandtheilen? — Die Antwort ist einfach. Die Wahrheit verliert nie an ihrer Reinheit und Wirksamkeit, in welcher Umgebung sie auch auftrete. Die größte Blüthe des Judenthums fällt vielmehr in die Zeit, wo Männer, die auf,Her Höhe aller Wisftnfchaft ssanden, ih« Kräfte auf die wissenschaftliche Ausbildung derselben anwandke», wo Manmec wir Maimonides, Nachmani, Aldo und viele Andere lehrten und wirkten, Männer, welche die Anerkennung aller folgenden Geschlechter in so hohem Maße gefunden haben. Sie vcrschmäheten es nicht, an den Academien und Universitäten der damaligen Zeit die Kenntniß der Weisheit zu schöpfen, die jetzt noch immer an ihnen bewundert wird. Mai'monides studirte, wie alle seine Zeitgenossen zu Lucen» und Cord ova, und verbrachte da seine Knaben- und Jünglingsjahre; ein muhammedanischer Weiser, Averroes, war sein Lehrer und Freund, und auf dem Gebiete der Theologie, der Philosophie, wie der Medicin, wurde er den Ersten seiner Zeit zugezählt. Aber auch noch aus einem andern Grunde müssen wir die Theilnahme an neuerer Bildung als einen Fortschritt betrachten. Unsere Gemeinden selbst haben sich verändert. Es find nicht mehr jene isolirten, von aller Berührung mit der Außenwelt abgeschlossenen Massen, sie stehen überall in näherer oder weiterer Beziehung zu ihren Mitbürgern; in dem größeren Thcile von Deutschland genießen sie ein, wenn auch meist noch beschränktes Bürgerrecht. Daraus ergeben sich vielfache Beziehungen zu Regierungen und Bürgergemeinden. Wer ist nun da ihr natürlicher Vertreter? Inden materiellen Interessen ihr Vorsteher und Aeltester, in allen geistigen dagegen die Rabbinen und Lehrer. Diese sollen ihre Rechte wahren in Synagoge und Schule, sollen häufig Vermittler sein zwischen der Gemeinde und der Regierung, sie sollen auch die divergirenden Richtungen der Zeit, die aus dem Stande der allgemeinen Bildung hervorgehen, zu begreife» und zum Frommen des Einzelnen zu lenken suchen. Hierzu genügt talmudische Bildung nicht, das leuchtet ein. Unsere Rabbinen dürfen, wie sie hie und da schon äußerlich mit der christlichen Geistlichkeit rangiren, so vor Allem in ihrer inner» wissenschaftlichen und sittlichen Bildung nicht hinter diesen zurückstehen. Dazu bedürfen sie ähnlicher Bildungsmittel wie diese, dazu ist ihnen Gymnasium und Universität unentbehrlich. Der Wahn, als sei die heutige Bildung eine wesentlich christliche, wird Niemand mir entgegenstellen. Unsere Bildung ist europäisch, ist germanisch, so wenig aber christlich, daß ihr wesentlichstes Fundament gerade heidnisch ist, und sich auf die Studien der griechischen und römischen Classiker stützt. Die Heroen der Literatur haben sich auch durch nichts weniger gehoben als durch ihr Christenthum. Aber, könnte man mir einwerfen, genügt denn der bisher betretene Weg, auf dem uns so viele würdige Män-