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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-10-18 · Heft 42 (18.10.1901) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 42 (18.10.1901)
Date
1901-10-18
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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2 den Angelegenheiten der Gemeinde im Plenum sowohl wie in den verschiedensten Kommissionen gewidmet haben. Wir erinnern, um nur eines herauszugreifen, an das große Verdienst, das sich Justizrath Dr. Simon erworben hat, indem er diejenige Basis fand, auf der endlich nach jahrelangen mühseligen und unerfreulichen Kämpfen das Statut für das jüdische Krankenhaus zu Stande kommen konnte. Hoffentlich finden die Gemeindebehörden recht bald eine geeignetere Form der Ergänzung der Nepräsentanten-Stellvertreter, die im Interesse der Kontinuität der Verwaltung dringend wünschenswertst erscheint. Berlin, 14. Oktober. Eine polizeiliche Haussuchung fand am Freitag in den Räumen der „Staatsbürger-Zeitung" statt, um den Verfasser eitles Artikels zu ermitteln, der sich mit dem Nitnalmorde beschäftigt. Die Haussuchung verlief ergebnißlos. Der „Germanische Volkssreund" hatte vor Kurzem eine von uns wiederholt charakterisirteUmfrage über den sogenannten „Nitualmord" veranstaltet, die Antworten wurden zunächst in der „Staatsbürger-Zeitung" veröffentlicht. Nachdem jetzt das gesammelte Material in Vroschürenform herausgekommen ist, hat die Staatsanwaltschaft sich zum Einschreiten veranlaßt gesehen. — Der Prozeß, der zur Zeit gegen dasselbe Blatt wegen Beleidigung der Konitzer Behörden und der Berliner Kriminalpolizei schwebt, wurde vertagt, da die Beklagten den Antrag gestellt hatten, ein Gutachten der O be rm ed i z i na l b eh ö r d e darüber einzufordern, ob Ernst Winter mittelst des „S ch ä ch t s chn i t t es" getödtet worden sei. da sie (die Beklagten) vom Vorliegen eines Nitualmordes im Falle Winter fest überzeugt seien. Den Gerichten ist jetzt dieses Gutachten der Obermedizinalbehörde zugegangen, und zwar dahin lautend: „Ernst Winter ist nicht durch deu sogenannten „S chä ch ts chn i t t" getödtet Word eil. Die völlige Blutleere des entseelten Körpers ist vom medizinischen Standpunkt aus leicht erklärlich, da durch Abtrennung sämmtlicher Gliedmaßen und Oeffuung der Venen das Blut freien Abfluß hatte und durch das Liegen im Wasser vollständig ausgelaugt worden war." — Berlin, 14. Oktober. Als der Deutsch-Israelitische Gemeindebund vor Jahresfrist die Begründung einer jüdischer! Fürsorgeanstalt als wünschenswertst erklärte, konnte er selbst kaum ahnen, in welchem Grade das Bedürfniß hierzu vorhanden ist. Im Mai d. I. ist die durch ein hochherziges Geschenk des Rentier Nosenstielschen Ehepaares und durch die bereitwillig seitens 40 jüdischer Gemeinden Preußens zur Verfügung gestellten Beiträge ermöglichte Eröffnung der israelitischen Fürsorgeerziehnngsanstalt in Nepzin bei Schivelbein erfolgt, und bereits sind aus den verschiedenen Landestheilen zehn Knaben eingewiesen, zwei fernere Anmeldungen sind bereits ersolgt, mehrere weitere stehen in naher Aussicht. An der Spitze der Anstalt, deren Kuratorium sich aus Ansschußmitgliedern des D. I. G. B. und den Vertretern .der den höchsten Beitrag leistenden Gemeinden znsamniensetzt, steht Herr Erziehnngsinspektor Nosenbaum. früher Inspektor des israelitischen Waisenhauses in Jnowrazlaw; ihm ist als Ausseher und Helfer in der technischen Ausbildung der älteren Zöglinge Herr Gärtner Sommer, früher Zögling der Ahlemer Anstalt, beigegeben. Von den bereits überwiesenen oder angemeldeten Zöglingen stammen je drei aus der Nheinproviuz und aus Berlin, zwei ans Ostpreußen, je einer aus Hessen-Nassau, Sachsen, Westfalen und Schlesien. Das Alter der Zöglinge schwankt zwischen 11 und 17 Jahren. Leider hat sich heransgestetlt, daß dle Schaffung einer Anstalt für Mädchen noch dringender war, als die von dem Dezernenten ans dem Kultusministerim sür die am nothwendigsten erachtete Anstalt für Knaben. Sobald die mannigsachen Arbeiten für die Nepziner Anstatt dem Kuratorium die nothwendige Muße verstatten werden, 3vird man es nicht unterlassen, sich um die Schaffung einer Fürsorgeerziehungsanstalt für Mädchen zu bemühe«. 2/D Berlin, 14. Oktober. Der Wettbewerb um deu Preis der ersten und zweiten Michael Beerschen Stiftung für Maler n n d B i l d h a u e r bezw. Kupferstecher jüdischer Religion wird nach einer Bekanntmachung des Senats der königlichen Akademie der Künste für das Jahr 1902 eröffnet. Die Ablieferung der sür diese Wettbewerbe bestimmten Arbeiten nebst schriftlichem Bewerbungsgesuche muß bis zum 1. März 1902, Nachmittags 3 Uhr, ersolgt sein. Der Preis besteht in einem Stipendium von 2250 Mark zu einer einjährigen Studienreise nach Italien und ist zahlbar in vierteljährlichen Raten, deren erste im Betrage von 900 Mark beim Antritt der Studienreise, die serneren mit je 450 Mark irr Nom durch Vermittelung des deutschen Konsulats zur Auszahlung gelangen. Der Stipendiat ist verpflichtet, sich acht Monate in Nom auszuhalten und über seine Studien vor Ablauf der ersten sechs Monate an die Akademie unter Beifügung eigener Arbeiten schriftlichen Bericht zu erstatten. Die Zuerkennung des Preises erfolgt im März 1902; nach getroffener Entscheidung kann auf Bestimmung des Senats eine öffentliche Ausstellung der Bewecbungsarbeiten stattfinden. ü. Charlottenvurg, 10. Oktober. Sicher interessiven Ihre Leser die folgenden Zahlen, welche dem soeben erschienenen Hefte XI der Charlottenburger Statistik entnommen sind. Im königlichen Augusta- Ghmilasinin wird kein jüdischer Religionsunterricht ertheilt, wohl aber in kombinirten Abtheilungen der städlischen höheren Schulen, und zwar je eine Stunde wöchentlich in jeder Abtheilnng. Die jüdischen Kinder der Gemeindeschnlen werden der Neligionsschule der jüdischen Neligionsgemeinde Eharlottenbnrg (Bestand 150 Schüler), einige auch derjenigen des Religionsvereins Westen Angewiesen. Verde Neligionsschulen werden voll der Stadt Charlottenburg subventionirt und sind in Gemeindeschnlen nntergebracht. Die Statistik der jüdischen Schüler im Verhältniß zu den Andersgläubigen ist folgende: Königliches Augnstaghmnasinnl: Gesammlzahl 563, davon jüdisch 44 (8 Prozent); Städtische Schulen: 1. Nealghmnasium 927, davon jüdisch 114, (13 Prozent); 2. Neformgyninasinni 632, davon jüdisch 190 (30 Prozent); 3. Oberrealschnle 896, davon jüdisch 36 (4 Prozent); 4. Realschule ohne Vorschule 179, davon jüdisch 11 (6 Prozent); 5. 11 Gemeindeschuleu für Knaben 9029, davon jüdisch 44 (1 Prozent); 6. 11 Gemeindeschnlen sür Mädchen 8677. davon jüdisch 56 (1 Prozent); 7. Bürgermädchenschnle 528, davon jüdisch 11 (2 Prozent); 8. private Mädchenmittelschnle 381, davon jüdisch 25 (7 Prozent); 9. 11 höhere Mädchenschulen (davon 1 städtische) 3133, davon jüdisch 422 (13 Prozent). 3. (i. — I>b. Potsdam, 10. Oktober. Am 23. v. M. wurde in unserer altehrwürd igen Synagoge der letzte Gottesdienst abgehalten. Am^Tage darauf begann der Abbruch derselben, da auf derselben Stelle die neue Synagoge in erweitertem Maße erbaut werden soll. Eine tiefe Ergriffenheit herrschte in den trauten Räumen, welche seit säst 134 Jahren der Gemeinde als Stätte der Andacht gedient, zu welcher der Eine den glühenden Dank für seine Freude, der Andere heißes Flehen und Bangen in schweren Sorgenstnndeu getragen. Hier fand der Trauernde Trost, richtete der Gebeugte sich auf. hier standen in frommer Andacht vor ihrem Gott die ehrwürdigen Gestalten unserer Väter und Urväter, welche längst der Nasen deckt- Unter den Auspicien Friedrich des Großen erbaut, und — wie die Tradition behauptet — von ihm der Gemeinde verliehen, wurde die Synagoge von Potsdam am 29. Dezember 1767 eingeiveiht. In einer Jannaruunnner der Hauch- und Spenerschen Zeitung findet sich ein ausführlicher Bericht über diese Feier, daß der damalige Kronprinz derselben beigewohnt, und welche Staatswürdenträger anwesend waren, ein Beweis, in welcher Achtung die jüdische Gemeinde von Potsdam bei Hof und Negierung stand. Nach manchen belanglosen Umbauten des Innern beging die Synagoge am 29. Dezember 1867 in erhebender Weise die Säkularfeier. Die hebräischen Lieder von der Einweihung 1767 hatte der derzeitige Rabbiner Dr. Tobias Cohn wieder aufgefnnden und ließ sie, durch von ihm verfaßte zeitgemäße hebräische Verse vermehrt, bei der Feier singen. Freilich die in Aussicht gestellte Anwesenheit des geliebten Kronprinzen Friedrich Wilhelm, nachmaligen Kaisers Friedrich, der Potsdam so nahe stand lind der jüdischen Gemeinde stets sein Wohlwollen bewiesen hatte, wurde in letzter Stunde ans dienstlichen Gründen abgesagt. — Bei dem Schluß' gottesdienste am Jomkipur war auch der Alt-Rabbiner Dr. Tobias Cohn, welcher 40 Jahre in der Gemeinde als Seelsorger gewirkt hat, gegenwärtig. Dr. P. Nieger sprach in erhebender Weise von der Bedeutung dieses Schlußaktes. — Möge die ehrwürdige, opferwillige Gemeinde Potsdam, aus der so viele Männer der Wissenschaft und Intelligenz hervorgegangen, in der seit Väterzeit zahlreiche Wohlthütigkeitsvereine blühen, sich stetig weiter entwickeln und in dein neuen Gotteshause in Andacht sich dem Dienste des Jndenthums weihen! in. 5). C'ydlktthiren, 8. Oktober. Am Freitag wurde ans höheren Befehl in der evangelischen Kirche in Whstiten durch Superintendent Wnsnitz aus Suwalki ein Dankgottesdienst sür unseren Kaiser und den Zaren vor einer zahlreich versammelten andächtigen Gemeinde abgehalten. Der Herr Superintendent schilderte die wunderbaren Schickungen Gottes, wie sich solche gezeigt an dein

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