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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-10-18 · Heft 42 (18.10.1901) · p. Seite 504

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 42 (18.10.1901)
Date
1901-10-18
Page
Seite 504 (sequence 14)
Language
German
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504 Wie aufsteigendes Schluchzen bricht unwillkürlich kaum hörbar von ihren Lippen: „Ephraim, so müssen wir uns Wiedersehen?" Beim Klang der leise gehauchten Worte zuckt der Kranke zusammen; aus den müden Augen bricht ein Strahl des alten Feuers; rothe Fieberrosen glühen auf den fahlen Wangen empor, und heiser flüstert er: „Du hast mich erkannt, Gittel? Nach so vielen Jahren? Einen Sterbenden?" „O sprich nicht so, Du wirst genesen. Sag, was kann ich für Dich thun? Soll ich Deine Familie, Deine Frau, Deine Kinder benachrichtigen?" „Ich habe kein Weib, ich habe keine Kinder. Ich stehe allein aus der Welt. Wenn ich sterbe, wird Niemand mich beweinen." Frau Gittels Augen füllen sich wieder mit Thränen; sie möchte sprechen, doch darf sie ja nicht; so stammelt sie nur: „Ephraim, verzeih mir. Ich habe es damals gleich bereut, und seither immer und immer wieder; später hörte ich dann, daß Du geheirathet haben sollst; so Hab ich mir gedacht. Du bist glücklich und hast mir verziehen. Und jetzt muß ich Dich so Wiedersehen? O Ephraim, verzeih mir." „Ich habe Dir längst vergeben; Du warst noch ein Kind und hast mich nicht geliebt. Es war nicht Deine Schuld." „Nicht geliebt-" Eine leidenschaftliche Entgegnung drängt sich auf Frau Gittels Lippen, aber mit Pflichtbewußtem Entsagen kämpft sie das klagende Aufschluchzen nieder und trocknet stumm die überströmenden Augen. „Gittel, Du weinst! Bist auch Du nicht glücklich?" flüstert der Kranke, die schlaff herabhängende Linke der regungslos Stehenden erfassend. Frau Gittel starrt sinnend vor sich hin. Dann sährt sie mit der Hand über die Stirn und spricht tonlos: „Glücklich? Niemand auf Erden ist glücklich. Ich habe keinen Grund zur Klage. Gott hat mir einen guten Mann gegeben, den ich hochachte und — und — liebe. Er hat mich mit guten, schönen Kindern gesegnet. Ich kann zufrieden sein." Die Augen des Krankeil hasten mit leidenschaftlichem Flehen und heißer Sehnsucht forschend an ihren Zügen, die Blicke begegnen einander; die aufsprühenden Funken fachen die mit der Asche des Vergessens bedeckte Gluth ehemaliger Gefühle wieder zu Heller Flamme an, und beim Scheine dieser nufflackernden Flamme liest Jedes im Herzen des Andern gar wundersame Offenbarung. „Gittel, wo bist Dn?" Der schlummernde Fieberkranke sährt empor und blickt suchend umher. „Gittel, inein theures Weib, hast Du mich schon verlassen?" .... Herbstlicher Dämmerschein senkt sich auf den weiten Raum, das lärmende Stimmengewirr zu leiserem Flüsterton dämpfend, und Frau Gittel sitzt wieder an des kranken Gatten Bett, erwärmt mit ihren heißen Händen die kalten Finger des Frvstgeschüttelteu und vertröstet ihn mit liebevollen, hoffnungweckenden Versprechungen. Und immer tiefere Abendschatten senken sich auf das Bett des kranken Zadik gleich düsterem Bahrtuch; aber seine inbrünstig gen Himmel gerichteten Augen sehen jetzt den Gott, den er gesucht; und aus der röchelnden Brust steigt inbrünstig das unsterbliche Bekenntniß des gottergebenen Glaubens auf die Lippen: Lelmina .lisroel, allonai elolienu aclonrn ecduä! Sprechfaul. Geehrte Redaktion! n Nr. 41 Ihrer Zeitung vom 11. Oktober 1901 veröffentlicht der Geheime Sanitätsrath Herr Dr. Blumenthal eine Erklärung, welche den Zweck hat, sein Verhalten bei den Verhandlungen über das Geschenk der Bambergerschen Erben zu rechtfertigen. Diese Zuschrift ist geeignet, den wahren Sachverhalt zu verdunkeln. 1. Aus welchen Gründen die Bambergerschen Erben der Gemeinde das Geschenk von 10000 Mark gemacht haben, entzieht sich derKenntniß sowohl der konservativen wie der liberalen Mitglieder der Nepräseiltantenversammlung. Diejenigen, die es annahmen, wollten der herailwachsenden Jugend durch den Hinweis aus Nürnberger zeigen, daß man zugleich Jude und guter Deutscher sein kann. Die Gegenbemerkung. daß L. Bamberger dem Judenthum „lau" gegenübergestandeu habe, zeugt von einer ungenügenden Kenntniß jenes bedeutenden Mannes. Herr Geheimrath Dr. Blumenthal war nicht verpflichtet, das literarische Auftreten Bambergers gegen v. Treitschke lPol. Schriften, Band V) zu kennen, aber Niemand wird ihn von dem Vorwurfe freisprechen, daß er einen Verstorbenen öffentlich tadelte, ohne dessen Verhalten in Bezug auf den strittigen Punkt zu kennen. Ob die Erben von L. Bamberger, es handelt sich um Neffen und Nichten, getauft sind, ist nicht festgestellt, jedenfalls könnte man für die etwaige Thatsache doch den Onkel nicht verantwortlich machen. Es ist bereits hervorgehoben, daß weder die Bambergerschen Erben noch die liberalen Mitglieder der Repräsentantenversammlnng an der Formulirung der Widmung mitgewirkt haben. Im Effekt war mit dem Ausschluß der Neligionsschulen nichts anderes gesagt, als daß die Schüler der Knaben- und Mädchenschule der Gemeinde die Prämien erhalten sollten. Wie wellig hierdurch und durch die Auswahl der Bücher das „religiöse Empfinden" konservativer Männer „gekränkt" wurde, ergiebt sich aus der Thatsache, daß bei der namentlichen Abstimmung sür die Annahme des Geschenkes Repräsentanten stimmten, die in ihrer ganzen Lebensführung als Juden konservativ sind. 2. Es ist ein bereits wiederholt berichtigter Jrrthum des Herrn Geheimen Sanitätsrath Dr. Blumenthal, daß die liberalen Mitglieder der Nepräsentantenversammlung dnrch eine Notiz in der „Vosstschen Zeitung" die Angelegenheit in die Oeffentlichkeit „gezerrt" hätten. Es wäre besser, diesen Jrrthum nicht immer wieder der Oeffentlichkeit zu unterbreiten. Dagegen haben vier dissentirende Herren ihre Abstimmung in der „Voss. Ztg." öffentlich motivirt. und die dabei geschehene Angabe ihrer Titel und Würden, die mit ihrer Stellung als Repräsentanten in keinem Zusammenhangs stehen, giebt der Deutung Raum, als ob ihrem Votum besondere Bedeutung beizulegen wäre. 3. Nach der Zuschrift des Herrn Geheimen Sanitätsrath Dr. Blnmenthal möchte es fast scheinen, als ob die Herren sich nur zu dem Zwecke zum Herrn Kultusminister begeben haben, um dessen Lobrede auf Ludwig Bamberger zu hören. Wäre es so, warum dann die Geheimthuerei mit dem Proteste überhaupt und mit dessen Wortlallt, den die Liberalen zu erfahren wünschten, damit der Gemeindevorstand seine Gegenvorstellung machen könnte? Warum das stolze Wort, der Herr Minister würde die Gemeindevertretung schon über ihre Pflichten belehren? Und wenn wirklich der Herr Kultusminister so ganz aus eigener Bewegung die Herren zu sich beschieden hat, dann war es eine glückliche Vorahnung, daß alsbald nach der Repräsentantensitzung vom Juni 1899 öffentlich bemerkt werden konnte, hoffentlich werde der Herr Minister dem Geschenke die Bestätigung versagen. 4. Freilich die Gemeinde würde in ihrer Existenz nicht gefährdet worden sein, wenn die Herren Erfolg gebabt hätten, ebenso wie sie jetzt keinen Schaden nimmt, nachdem die Schenkung bestätigt worden ist. Aber ein dauernder Schaden ist der Gemeindeverwaltung von jenen Herren dadurch zugefügt, daß sie durch ihr Vorgehen und die Heimlichkeit, mit der sie es umgaben (Monate hindurch verlautete nichts von den ihrerseits bei den Behörden unternommenen Schritten), das Vertrauen in der Versammlung untergraben, und daß sie den Mitgliedern der Genleinde das böse Beispiel gegeben haben, in Streitigkeiten über „religiöses Empfinden" die Entscheidung der Staatsbehörden anznrufen. Berlin, 14. Oktober. Der Vorstand des liberalen Vereins sür die Angelegenheiten derjüdischen Gemeinde. Druck und Verlag von Rudolf Mossein Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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