Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1901)
- Date
- 1901-10-18
- Page
- Seite 503 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228462--58022-3294438- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
503 konnte, die ja über Nacht auch schon zuin heirathsfähigen Mädchen heranwächst. Am Bett des kranken Gatten sitzend, erzählte die blasse, schöne Frau mit mütterlichem Stolze, wie wunderbar ihr Nettester bei dem alten Laib Hirsch, dem strengen, greisen Lamden, aus einem ganzen Blatt Gemore die Prüfung bestanden, wie prächtig sich ihr Augapfel, ihre schwarzäugige Mirjam, entwickle; bei ihr hat's Gott nicht an Segen fehlen lassen, ist sie ja doch so hoch aufgeschossen wie die Mutter, und die zwei schweren, dichten Flechten, die ihr fast bis au den Rocksaum reichen, sind fast noch schöner als der Mutter vielbewundertes Haar, als jene duftigen, märchenhaften, nachtschwarzeu Wogen, um deren willen - - ihre Mutter-einst, vor langen Jahren — — — vielleicht ist's längst nicht mehr wahr, vielleicht ist's nur ein Traum gewesen —-irr eitlem Stolze ihr eigenes Glück und das eines Anderen in den Staub getreten. Nachtschwarzes Haar!? Wer spricht hiervon nachtschwarzein Haar? Der alte Zadik starrt mit weitgeöffneten Augen vor sich hin. Wozu hat Gott das Frauenhaar geschaffen? Hat ja doch diese fluchwürdige Zier sein Lebensglück vernichtet. Wie war sie doch schön an jenem Morgen, als sie die blauschimmernden Flechten löste, vast sie gleich einem Königsmautel ihre Gestalt umflossen, und mit blitzenden Augen, flammenden Wangen und verführerischen Schmeichellauten bat und flehte: „Ephraim, sieh diesen herrlichen Schmuck, den Gott mir verliehen! Hättest Du das Herz ihn abschneiden zu lassen? Glaubst Du, das wolle Gott? Gelt, ich bin schön in dieser Haarpracht? Nicht wahr, Du liebst mich? Nun denn, wenn Du mich liebst, so sage, daß ich mein Haar nicht abzuschneideu brauche." Doch das bestrickende Flehen glitt wirkungslos an dem glaubensgepanzerten Herzen des jungen Bochers ab. Finstere Wolken umdüsterten die gefurchte Stirn, und mit abgewendetem Blick, um nicht der Versuchung anheimzufallen, erwiderte er ernst und streng: „Gittel, Du bist kein Kind mehr, last die Thorheiten. Eine gottesfürchtige Jüdin darf nicht in der eitlen, sündigverführerischeu Zier ihres Haares vor Gottes Altar treten, das weißt Du ja wohl, und mein ehelich Weib kann nur eine gottessürchtige Jüdin sein. Quäle mich nicht, denn ich kann Dir keine andere Antwort geben. Du bettelst umsonst. Du mußt Dir das Haar abschneiden lassen, sonst kannst Du nicht vor dein Altar die Meine werden." „Ichaberlasse es nicht abschneiden," rief Gittel ansschluchzend und stampfte trotzig mit dem Fuß. „Nein und huntertmal nein Niemals! Wenn Du mich liebst, kannst Du's gar nicht verlangen. Jetzt beweise mir Deine große Liebe. Nimm mich sammt meinem Haar oder gar nicht. Du hast die Wahl." Dann verfloß Tag um Tag, Nacht um Nacht. Vergebens wartete er auf ein bittendes Wort von seiner Braut, er möge wiederkommen, sie habe ihre kindische Launenhaftigkeit schon längst bereut, denn für thörichte Mädchenlaune hatte er ihr leidenschaftliches Aufwallen gehalten. Kein Brief, keine Nachricht, die schone Gittel hielt zäh an ihrem Worte fest. Stumm brütete der junge Bocher über den großen ledernen Folianten, zwischen den krausen Lettern schwebte gleich verführerischem Irrlicht die schlanke Gestalt des schöne» Mädchens, vom dunklen Gczelt ihres uachtschwarzen Haares umschattet und aus dem eintönigen Gemurmel des Nippen klangen immer und immer wieder die Worte an sein Ohr: „Ephraim, wenn Du mich lieb hast, kannst Du's nicht verlangen!" — Ob er sie liebt? Plötzlich fährt sie zusammen. Leises, ersticktes Aechzen berührt ihr Ohr und sie erhebt sich rasch und blickt suchend umher. An jedem Bette Plaudernde Gruppen theilnehmeuder Angehöriger, auf jedem Antlitz ein Schimmer vorübergehender Heiterkeit; da plötzlich bleibt ihr Auge an der dunklen Ecke haften, wo der Fremde, aus seinem Lager nach Athem ringend, keucht: „Doktor, Wärterin, ich sterbe!" Niemand achtet seiner; sein jammernder Klagelaut verhallt im Gesumme, das den Krankensaal erfüllt. Im nächsten Augenblick steht Frau Gittel an seinein Bette und rückt die abwärts geglittenen Kissen unter dem grauhaarigen Haupt zurecht. Dort — dort, zehn TroPPen, ich ersticke." Mit zitternden Händen tastet sie auf dem schwanken Nachttisch nach der wasserhellen Flüssigkeit in den: kleinen Arzneifläschchen und träufelt mit fliegender Hast die beruhigenden Tropfen auf des Kranken zuckende Lippen. Wo mag sie dies Antlitz wohl gesehen haben? Ihr Auge ruht forschend auf dem schmerzverzerrten, aber noch immer edelschönen Zügen wie auf einem verblaßten Gemälde, um ihrem Gedächtniß nachzuhelfen. Dann stellt sie das Fläschchen auf seinen Platz, und dabei fällt ihr Blick auf den verblichenen Tefillinbentel, auf dessen ehemals grün gewesenem Sammt inmitten purpurner Rosen und schwellender Knospen ein verschnörkelter Name in reicher, doch längst gebräunter Goldstickerei prangt. Ihre Glieder beben wie im Fieberfrost, die Arme fallen schlaff herab und ein erstickter Ausschrei entfährt ihren Lippen. Dieser Tefillinbeutel ist ihr gar wohl bekannt, hat ja doch ihr eigener Vater vor langen Jahren den Sammt dazu aus Warschau gebracht, und hatte ja doch sie selber, bei jedem Stich rosige Zukunftstränme träumend, diese Rosen mit liebevollem Eifer hineingestickt.... Regungslos starrt sie bald auf das kleine Sammtbeutelchen, bald ans den fieberisch zuckenden Kranken, und heiße Thräuen verdunkeln ihre glänzenden Augensterne. Und durch den Thrünenschleier sieht sie die Erinnerungen der Vergangenheit gleich bunten Faltern sie umflattern. Der Krankensaal mit seiner stickigen Atmosphäre ist verschwunden, und sie ist wieder im Elternhaus und eilt muthwillig von Zimmer zu Zimmer, um das Afikomen sorgfältig zu verbergen. Da plötzlich vertritt ihr im Halbdunkel des Wohnzimmers der stattliche Nachbarssohn denWeg und fragt mit verhaltenerStimme: „Gittel, willst Du heut über ein Jahr an Deinem Tisch als meine Balbostin beim Sedermahl sitzen?" Und dann, als sie unter Thränen lachend ihr leises „Ja" gestammelt, fühlte lie etwas glühend heißes auf ihren Lippen, und das war so sinnverwirrend, daß ihre Thränen sofort versiegten .... Das athemlose Röcheln des Krankeil ward immer leiser, seine blau gewordenen Lippen gewannen ihre blasse Nöthe zurück, seine Brust hob lind senkte sich immer ruhiger, und sein Blick glitt träumend über die schlanke Frauengestalt, die an seinem Bette stand. Aus Gittels umflorten Augen quollen zwei schwere Tropfen, und mit ihnen zerrannen die, Regenbogenschimmer, Nebelvisionen; vor ihr liegt wieder nur ein grauhaariger Fremder, sie aber ist eines Anderen angetraute Gattin, dem sie ewige Treue vor dem Altar geschworen, den ihre Kinder Vater nennen, den sie schätzt und achtet und — — ja — ja — so ist es, denn es muß so sein — den sie auch liebt; das klebrige, das was nicht gewesen, hat sie längst vergessen.