Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1901)
- Date
- 1901-10-18
- Page
- Seite 502 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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502 Die Frage, wie und zu welcher Zeit die Translokation der Oertlichkeiten und die Umgestaltung der Sage vor sich gegangen, bleibt freilich auch für ihn ein Problem, „dessen endgiltige Lösung auf kaum zu überwindende Schwierigkeiten stoßen wird". Schreiner schließt mit einer Frage an seine Leser: Welche Methode bekundet eine höhere poetische Auffassung, die, welche dem größten Dichter eitle Kindermärchen in die Schuhe zu schieben, oder die, welche den Nachweis versucht, daß in den homerischen Epen historische Nuhrnesthaten mit meisterhaften Zügen in geheünnißvoller Sprache dein Andenken aller Zeiten überliefert worden seien? Eine Antwort auf diese Frage dürfte nicht schwer fallen, wenn es möglich wäre, jenen Nachweis wirklich zu begründen. Ob dies aber Schreiner gelungen ist, das habe ich nicht zu entscheiden. Er selbst ist etwas ängstlich darin; er. ist sich bewußt, daß für eine solche Auffassung des homerischen Epos „noch nicht die Fußbreite Bodens erstritten sei", dennoch aber erklärt er, daß „keine Kritik ihm die felsenfeste Ueberzeugung untergraben könne, eine vornrtheilsfreiere Zukunft werde sich seinen Ideen geneigt erweisen". Nach dieser Versicherung ist es nicht weiter nothwendig, eine Kritik an diesen Hypothesen zu üben, aber auch ohnedies erschien es unnöthig, denn sie sprechen gegen sich selbst. In der Odyssee sind ohne Zweifel eine Anzahl von Volkssagen eingeflochten und nach dem Empfinden des Dichters bearbeitet oder verändert. Tie neue vergleichende Mythologie hat diesen Bestandtheilen des Epos ihre volle Aufmerksamkeit zugewendet und sie mit den Erzählungell anderer Völker verglichen, wobei nicht nur die Mythen der arischen Völker, sondern die Sagen und Märchen der mongolisch-tatarischen Stämme herangezogen wurden. Jakob Mähly hat sehr Recht, wenn er in seiner Geschichte der antiken Litteratur sagt, Homer sei so wenig tendenziös, daß er voll der mythologischen Bedeutung seiner Figuren, die sich nicht leugnen läßt, auch nicht die leiseste Ahnung habe. Die Kritik Schreiners aber zieht die Ergebnisse der philologischen Forschung insofern gar nicht irr Betracht, als sie die einzelnen Theile des Epos, die doch zu verschiedenen Zeiten entstanden sind, wie ein einheitliches Ganzes behandelt. Schon dieser eine Umstand genügt, um die Unhaltbarkeit der Hypothesen nachzuweisen. Es steht ziemlich fest, daß einzelne Schilderungen, und zwar gerade solche, auf die Schreiner besonderen Werth legt, Spätlinge waren, die in die Dichtung eingeschoben wurden. Das wichtigste Argument aber gegen die Hypothese des holländischen Kritikers scheint mir dieses zu sein, daß die alten Griechen gar keine so genaue Kenntnis; voll der biblischen Geschichte gehabt haben können, wie sie die Hypothesen Schreiners voraussetzen. Ueber den Beziehungen zwischen Juden und Hellenen in alter Zeit schwebt ein undurchdringliches Dunkel. Zwar ist es ein uraltes Bibelwort, das die beiden Hauptfaktoren der antiken Kultur, das Judenthum und den Hellenismus, in nahe Beziehungen brachte. Nach der Verheißung dieses Bibelworts sollte Gott Japhet ausbreiten und in den Hütten Sems wohnen; nach späterer Bedeutung sollte die Schönheit dem Japhet, die religiöse Erkenntnis; dem Sem durch dieses alte Wort zugeschrieben und damit das ureigene Grundwesen der beiden Völker ausgedrückt sein, die erst, nachdem sie lange getrennte Pfade gewandelt, schließlich in einem Entscheidungspunkte der Weltgeschichte auf einander stießen. Von einem geistigen Verkehr in früheren Zeiten weis; die Geschichte nichts und auch die Sage nur wenig zu berichten. Nur die Reise- und Wanderstndien griechischer Philosophen nach dem Osten weiß sie zu melden und diese dort mit den Denkern des Orients in einen Gedankenaustausch zu verweben, dem dann bedeutende philosophische Systeme entsprossen sind. Die Fäden dieser Geistesentwickelung laufen herüber und hinüber, wie die des Webeschiffleins; gelingt es, sie zu entwirren, dann wird auch das Geheimnis; jener Jdeenwanderung in lichtvoller Klarheit dem Forscherange aufgehen. Dieses Geheimnis; hat Josef Schreiner aber noch nicht enthüllt. Wenn Herodot von Homer sagt, daß er den Griechen ihre Theologie gegeben, so ist das ohne Zweifel richtig, aber in dieser Theologie ist noch kein Raum für semitische Anschauungen, wie sie schon zur Zeit Homers sich historisch Nachweisen lassen. Und hier liegt nach meiner Meinung der Kern dessen, was von einem höheren als dem üblichen philologischer; Standpunkt aus gegen die abenteuerlichen Hypothesen des holländischen Gelehrten sich sagen läßt. Im lebten Grunde ist es für uns ziemlich gleichgiltig, welche Einflüsse hier gewaltet haben. Man kann die beiden großen homerischen Epen völlig verstehen und vielleicht noch unbefangener genießen, wenn man gar keine Ahnung von den mythologischen Elementen hat, aus denen sie hervorgegangen sind. Ihre ureigene Schönheit und dichterische Wahrheit ist es, die auch den modernen Menscher: immer wieder in ihren Bannkreis zieht. Hermann Grimm hat uns ja gezeigt, wie wir rein menschlich Homer zu erfassen haben. Auf diesem Wege müssen wir fortschreiten, unbeirrt von den sich um die beiderr Dichtungen aufthürmenden Hypothesen. Gerade die Odyssee hat für uns rein menschlich eine ungleich größere Anziehungskraft als die Ilias. Sie eröffnet einen weiteren Horizont, der gleichwohl ans einem einheitlichen Punkte, dem Heimathhause auf dem trauten Eilarrd beruht, sie bietet mehr Abwechselung, mehr Bilder der Lieblichkeit und des Stilllebens, mehr Vertiefung. Und so steigt den: modernen Menschen aus ihren rneernmrauschten Blättern immer noch der Odem der Götter, der leuchtende Menschenfrühling und der blühende Himmel von Hellas entgegen. 6. X. Ephraim. Von Irene Czerhalmi. III. ^^eiseres Stöhnen entringt sich den zuckenden Lippen des kranken Fremden in dem armseligen Krankenhause, und ungestüm, daß das morsche Bett unter ihm knackt und kracht, dreht er sich der Mauer zu, um die Geister der Vergangenheit zu bannen. Laut stimmt er den Hymnensang an und murmelt mit verdoppeltem Eifer die erhabenen Psalrnengesänge, um den Sturm in seiner Seele zu übertönen. Von Frau Gittels Lippen aber fließt die Rede leise und erheiternd, die alltäglichen Vorfälle ihrer kleinen Welt zu Hause getreu berichtend: wie viel Schmalz ihre zwei eigenhändig gemästeten Gänse zum Feste gegeben, wie gute Geschäfte sie in ihrem kleinen Lader: gemacht, so das; sie aus dem Gewinn- Überschuß ein Stück Leinwand für ihre Zweitälteste kaufen