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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-10-18 · Heft 42 (18.10.1901) · p. Seite 501

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 42 (18.10.1901)
Date
1901-10-18
Page
Seite 501 (sequence 11)
Language
German
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501 Sie hatten ihre eigenen Schulen nebst Synagoge, und es fiel Niemand ein, sie zu stören, wenn sie z. B. an ihrem Laubhüttenfeste ihre Laubhütten hier und da in den von ihnen bewohnten Straßen errichteten, worin sie wohnten, speisten und auch ihre nächtliche Nutze genossen. Keiner dachte damals daran, sie mit dem Einfangen von christlichen Kindern und der Benutzung des Blutes derselben zu religiösen Zwecken zu verdächtigen oder gar zu beschuldigen. Man kannte sie nämlich zu gut, als daß man ihnen so etwas Unnatürliches zumuthen sollte. Judentaufen waren dazumal keine Seltenheiten, doch waren die jüdischen Konvertiten von ihren früheren Glaubensgenossen weniger gehaßt, als es in der Gegenwart der Fall ist. Ebenso fanden gemischte Heirathen zwischen Inden und Christen gelegentlich statt, und namentlich bewarben sich Christen mit besonderer Vorliebe um solche Jüdinnen, die entweder reich oder schön, oder beides zugleich waren. Die gegenwärtige antisemitische Bewegung in Deutschland und Rußland kann man nicht anders als mit schmählich (ckisgraeetul) bezeichnen." Professor Max Müller erzählt auch in seinen „Erinnerungen", daß man in Dessau während seiner Jugendzeit neuere Sprachen nur bei Juden lernen konnte, die darin ziemlich unterrichtet waren, und daß er selbst sich genöthigt sah, dem allgemeinen Beispiele zu folgen. „Ich ging," bemerkt er daselbst, „zu einem ältlich aussehenden Juden, um bei ihm Französisch und Englisch zu lernen. Derselbe hieß Levy Rubens und war durch und durch ein Gentleman. Er hatte bereits schon meinem Vater und Großvater in denselben Sprachen Unterricht ertheilt, und er freute sich daher recht inniglich, als auch ich, die dritte Generation. zum selben Zwecke zu ihm kam. Er sprach Französisch und Englisch sehr geläufig, doch mit einem jüdischen Accent, der merkwürdigerweise von allen seinen christlichen Schülern in Dessau recht getreulich adoptirt wurde. Zivar war die Disziplin bei seinem Unterricht nicht ganz wie sie sein sollte, aber dem alten Manne fiel sie nicht im Geringsten auf. Auch war er mit seinem mäßigen Honorar ganz zufrieden, und fühlte sich glücklich, wenn er nach Beendigung seines Unterrichts zu seinen geliebten Büchern und seiner laugen Pfeife zurückkehren konnte, welch letztere er dann ganz gemüthlich und seelenvergnügt bei seinem Studium schmauchte. Er führte ein einsames Leben, war aber pflichtgetreu und gewissenhaft in seiner Arbeit und würde sicherlich mehr von seineil christlichen Schülern respektirt worden sein, hätten sie seine jüdische Abstammung nicht genau gekannt." Als Kuriosum mag hier noch zum Schluß folgende kleine amüsamte Episode erwähnt werden, die Professor Max Müller in seinen „Erinnerungen" mittheilt. Wie vorher bereits bemerkt wurde, kam er als Knabe oft mit jüdischen Knaben zusammen, bei welcher Gelegenheit er von ihnen gewisse Ansdrücke und Wörter hörte und lernte, die, obschon von hebräischem Ursprünge, er dennoch als vom deutschen Idiom abstammend, erachtete. Eines dieser Wörter war das hebräische Adjektiv „mkselmggk" (wahnsinnig), das der junge Müller adoptirte und zuweilen gebrauchte, ohne jedoch die keineswegs schmeichelnde Bedeutung desselben so recht zu wissen. Er glaubte, es bedeutete „sich irren" oder „unrichtig urtheileu", welcher Ausdruck doch ganz harmlos ist. Nun kam er aber einst mit Jacob Bernays, mit dem er befreundet war, zusammen, bei welcher Gelegenheit dieser irgend eine Behauptung aufstellte, die Max Müller nicht recht billigen konnte. Er rief daher in momentaner Aufregung dem Professor Bernays die Worte zu: „Was, sind Sie denn ganz „mesolmggs?". Und war nicht wenig erstaunt, als er merkte, das; der Angeredete darüber sehr erzürnt war. Ueberhaupt geht aus den in Rede stehenden „Erinnerungen" hervor, daß der Verfasser derselben verschiedene gebildete Juden zu Freunden hatte, unter denen Mendelssohn-Bartholdy den ersten Platz einnimmt. Auch schwärmte er stets für Heines unsterbliche Schöpfungen und pries sie in Wort und Schrift, so oft eine Gelegenheit sich ihm dazu darbot. Daher kommt es hauptsächlich auch, daß Heine nächst Goethe der bekannteste deutsche Dichter in England in neuerer Zeit geworden ist. Aas Geheunniß der Odyssee, m. nch die Ermordung der Freier der Penelope in der Odyssee findet nach Herrn Schreiner ihre Parallele in der heiligen Schrift. Wir sind ja im Thale Sichern, der Freistätte für die Todtschläger, wo der alte Fürst die Tochter des Patriarchen Dinah entweiht und entwürdigt hatte. Zur Strafe dafür gingen deren Brüder Simon und Levi in die, Stadt und ermordeten Alles dort, was männlich war. Dieses Strafgericht mag dem Dichter zum Vorbilde für vie Ermordung jener Schaar von Jünglingen gedient haben, die im Palaste des Helden so lange frech gehaust hatten. Der Kausal-Nexus zwischen der Bibel und dem griechischen Epos ist auch leicht herzustellen. Nun fehlt nur noch der treue Argos und seine geschichtliche Basis. Die Erklärung dieser Episode leitet Schreiner mit einem heftigen Angriff, dessen Plötzlichkeit friedliche Leser geradezu erschrecket! muß, auf die moderne Behandlung der Mythologie ein, indem er meint, daß mythologische Fragen weit weniger zu ihrer Lösung der Verstandesschärfe als eines gewissen Grades von Psychologischer Begabung bedürfen. Schreiner ist der Ueberzeugung, daß das Andenken an Josua und Kaleb, die beiden genialen Führer Israels, die Sagenwelt des mittelländischen Meeres auf Jahrhuuderte beschäftigt habe; besonders die Rüstigkeit Kalebs im hohen Lebensalter mag die Bewunderung der Mitwelt erregt haben. Aus diesem Grunde begegnet uns der rüstige Wüstenfahrer auch in der griechischen Mythologie unter den verschiedensten Gestalten: Nausithoos, Argonautes. Argos und Panoptes. Andererseits mag es den Hellenen nicht entgangen sein, daß das Wort Kaleb im Hebräischen die Bedeutung Hund habe. Nun kann man es sich auch erklären, wie die Ueberlieferung vom rüstigen Kaleb sich nmgestaltet hat zur Sage vom Hunde Argos, und welche Bedeutung dieser für den göttlichen Dulder hat, ist ja bekannt. Homer hat nichts inehr und nichts weniger darstellen wollen als „die historisch-notorische Freundschaft zwischen Josua und Kaleb." Den Abschluß bildet eine Betrachtung über die Schicksale der Stadt Sichern, über welcher die neue Königskrone Israels erstrahlte. Er sieht über der ganzen Dichtung Homers den Nimbus der glorreichen Regierung Salomos schweben, er erblickt in ihr das Spiegelbild der endlosen Wüstenfahrt sowie der Wunderberichte über den Sturz Jerichos, der gewaltigen Stadt, der die Episode über die Kundschafter bei der Wirthin Nahab gewidmet ist.

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