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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-10-18 · Heft 42 (18.10.1901) · p. Seite 500

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 42 (18.10.1901)
Date
1901-10-18
Page
Seite 500 (sequence 10)
Language
German
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500 schiedenheit des Glaubens, um den „Ungläubigen" zum jagdbaren Wild zu machen. Unsere Zeit ist toleranter. Der Fanatismus ist aus der Mode; des Glaubens wegen zu hassen und zu verfolgen, ist verwerflich. Dafür aber greift man die jüdische Sittenlehre an und leitet aus unserer Ethik, die der Ausdruck der Liebe und Toleranz ist, das Recht her, uns zu hassen und zu verfolgen. Dieser Angriff hat uns an uns selber irre gemacht; er hat nur zu gut gewirkt und Argwohn und Mißtrauen in unsere eigenen Reihen hineingetragen. Es hat zu lange gedauert, ehe wir uns ermannten und in der Kenntniß der jüdischen Sittenlehre den Schild fanden, an dem alle Pfeile wirkungslos abprallen. Aber der instinktiv Jahrhunderte hindurch gepflegte Haß ist um Gründe nicht verlegen. Er entlehnt sie — und dadurch werden sie sür uns selber so gefährlich — der Wissenschaft, die das Geistesleben unserer Zeit beherrscht und ihm ihr Gepräge verleiht, und gewinnt dnrch dieses neue Mäntelchen, das er sich umgezogen hat, in den Augen der großen Menge inneren Werth. Unsere Zeit steht im Zeichen des Sozialismus. Der einseitige Individualismus des vorigen Jahrhunderts, nach dem der Mensch das Maß aller Dinge ist, ist überwunden. Das Ich ist von seinem Throne gestürzt worden. Es ist nicht mehr der allmächtige Schöpfer des Weltbildes, es ist vielmehr nur als das Produkt zu begreifen, dessen Faktoren in dem Vorgefundenen Gemeinschaftsleben mit seinen Formen in Sitte, Recht, Moral, Religion n. s. w. einerseits und in den individuellen Anlagen und Fähigkeiten anderseits zu suchen sind. Die Soziologie hat also die Entwickelung des menschlichen Geistes auf allen Gebieten zum Gegenstand ihrer Forschung zu machen. Die Gegenwart beschäftigt sich aber hauptsächlich mit den wirthschastlichen Formen des Gemeinschaftslebens. Das ist begreiflich, wenn es auch nicht ganz gerechtfertigt ist. Denn einmal bilden die materiellen Daseinsbedingnngen den Untergrund aller Assoziationen, und dann ist es die materielle Richtung unserer Zeit, die diesem Zweige der Soziologie ihr Uebergewicht verleiht. Unsere Zeit bewerthet also nicht mehr den Menschen an sich, sie sieht vielmehr in ihm nur das Glied der großen Gesammtheit, und je nach den Beziehungen, die er zu dieser Gesammtheit hat, wird sich das Urtheil verschieden gestalten. Nach dieser Betrachtungsweise ist die menschliche Gesellschaft eine große Lebensgemeinschaft, und ganz wie im Thier- und Pflanzenleben stellen wir die Frage, was der Einzelne für das große Ganze leistet, und was das große Ganze dem Einzelnen dafür gewährt. Freilich muß sich dieses Prinzip eine ganz bedeutende Einschränkung gefallen lassen. Es fehlt in dem Gemeinschaftsleben der Menschen die mechanische Nothwendigkeit, die in den Naturorganismen mit unerbittlicher Konsequenz waltet. An die Stelle des Müssens tritt im Menschenleben das Sollen, an die Stelle der mechanischen die teleologische Nothwendigkeit. Trotzdem aber läßt sich das Gemeinschaftsleben der Menschen unter dem Bilde des sozialen Organismus begreifen. Vor diesem Forum ist nun die jüdische Gesammtheit nach ihrem Werthe abgeschätzt worden, und glücklicherweise hat ntan auch hier wieder die Merkmale unserer Inferiorität entdeckt. Es bedurfte nur einer Verwirrung der Begriffe, auf die es hier hauptsächlich ankommt, der Begriffe „Arbeit" und „Staat". Man konstruirte rein künstliche Merkmale dieser Begriffe, die durchaus nicht zu den denselben gehören, und brachte es dadurch zuwege, uns die Prädikate „Arbeiter" und „Staatsbürger" abzusprechen. Der Handelsthätigkeit, die das historische Erbe der Juden ist, kommt nach dieser Art, die Dinge zu betrachten, nur ein untergeordneter Werth zu, und der Jude hätte keinen Anspruch darauf, sich „Deutscher" zu nennen. (Schluß folgt.) Professor MaX Müllers „Erinnerungen". Von Nev. Dr. I. Chotzner. vor einigen Monaten Hingeschiedene weitbekannte Oxforder Professor Max Müller hat ein Manuskript hinterlassen, welches dessen Autobiographie enthält, die vor Kurzem vom Sohne des Autors durch den Druck der Oeffentlichkeit übergeben worden ist. Nun enthält dieselbe einige Bemerkungen, die insofern für manche Leser dieser Blätter von einigem Interesse sein dürften, als sie auf das allgemeine Leben der Juden in Deutschland, und namentlich in Dessau Bezug haben, wie es vor etwa einem halben Jahrhundert daselbst gestaltet war. Manche dieser Bemerkungen, die in englischer Sprache geschrieben sind, sollen hier nach einer kurzen, erklärenden Einleitung wiedergegeben werden. Professor Max Müller war in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu Dessau geboren, und der Zufall wollte es, daß er während seiner ersten und späteren Jugendjahre mit Juden verschiedenen Alters häufig zusammenkam. Er hatte also vollauf Gelegenheit, ihre Licht- und Schattenseiten wahrzunehmen, und da er ihnen stets bis an sein Lebensende freundlich gesinnt war, so läßt sich aus diesem Umstande leicht schließen, daß er bei ihnen mehr Vorzüge als Nachtheile entdeckt haben mußte. An einer Stelle der „Erinnerungen" schreibt der Verfasser wie folgt: „Zur Zeit, als die Juden in allen Theilen Deutschlands heftig verfolgt wurden, nahm sich ihrer der regierende Herzog von Dessau huldvoll an und gestattete ihnen, sich in seiner kleinen Residenz niederzulassen. Er beschränkte sie zwar auf nur einige wenige Straßen der Stadt, aber diese Straßen waren keineswegs schlecht zu nennen, da sie ein recht respektables Aussehen hatten, und man konnte da mit Bequemlichkeit und in Ruhe wohnen. Da ich und viele andere christliche Knabe» der Stadt zu Hause und in der Schule eine freisinnige Erziehung genossen, so hatten wir fast gar keine Vorurtheile gegen die jüdische Bevölkerung derselben, obschon wir wohl wußten, daß deren Existenz blos eine geduldete war. Zuweilen kam aber die Verschiedenheit der Religion in Betracht, und nur fragten uns im Stillen: „Haben nicht die Juden den Heiland gekreuzigt?" Nun wurden wir aber wiederholentlich belehrt, daß es Unrecht sei, irgend welches Rachegefühl im Herzen zu tragen, und infolge dessen legten wir kein besonderes Gewicht auf diese vermeintliche Schuld der Juden, und spielten daher mit den Judenknaben in höchst freundlicher Weise zusammen. Im Laufe seiner „Erinnerungen" kommt der Autor auch auf die gegenwärtigen antisemitischen Unruhen in Deutschland zu sprechen, nnd beschreibt als Gegensatz dazu das friedliche jüdische Gemeindeleben in Dessau, wie er es selbst vor etwa einem halben Jahrhundert daselbst gekannt, in folgenden Worten: „Vor fünfzig Jahren führten die Juden bei uns ein bescheidenes und nicht viel Aufsehen machendes Dasein, und daher war kein Grund vorhanden, sie christlicherseits zu hassen.

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