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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-10-18 · Heft 42 (18.10.1901) · p. Seite 499

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 42 (18.10.1901)
Date
1901-10-18
Page
Seite 499 (sequence 9)
Language
German
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499 Welt beschäftigt lind den Lehrplan der Schule zum Gegenstand hat. Derselbe hat auch seitens der jüdischen Schule das größte Interesse zu beanspruchen, und jenachdem wie die Entscheidung fallen wird, wird Heil oder Unheil für uns erwachsen. Das Wichtigste unter den Unterrichtsfächern, die Einlaß in die Schule begehren, ist die „Gesellschaftskuude". Sie hat für die jüdische Schule eine so hohe Bedeutung, daß ihr Fehlen, wie in den folgenden Ausführungen gezeigt werden soll, geradezu ein Manko in dem Lehrplan der jüdischen Schule darstellt. Alle Erziehung läuft auf Charakterbildung hinaus. Ein Charakter setzt aber eine sich selbst und ihres inneren Werthes bewußte Persönlichkeit voraus. Charakterbildung ist also identisch mit der Bildung des Selbstbewußtseins und Selbstgefühls. Ohne diese kann sich kein Charakter entwickeln; wo sie fehlen, da giebt es kein Streben nach Vervollkommnung und Ehre und kein Verabscheuen der Unehre. Viele Erziehnngsfaktoren wirken an der Entwickelung des Selbstgefühls mit. Den mächtigsten Einfluß übt die Gesellschaft aus, in die wir hineingeboren sind, und in der wir leben. Ihr Urtheil ist im Stande, den Schwachen und Zweifelnden aufzurichten, anderseits vermag sie aber auch, ihm jeden Halt zu rauben. Dieser Einfluß unserer Umgebung birgt nun eine große Gefahr in sich. Die Meinung der Welt ist eben schwankend und nicht immer richtig, und so kann sie unserem Handeln eine falsche Richtung geben oder sie bringt den von uns erstrebten Gütern eine geringe Werthschätzung entgegen. Beides greift verhäugnißvoll in das Leben des Zöglings ein und entfernt ihn von dem Sittlichen oder nimmt ihm anderseits das Selbstvertrauen und lähmt so seine Kräfte. So kann ein unverständiger Lehrer durch ewiges Tadeln und Schelten aus ursprünglich lern- und arbeitslustigen Schülern eine Klasse herauziehen, deren verzagtes, schüchternes und ängstliches Wesen den Erfolg seiner ganzen Thätigkeit in Frage stellt. Aus solchen Schülern werden auch nie Menschen heranerzogen werden können, die durch eigenes kraftvolles Handeln bestimmend auf ihr und ihrer Nebenmenschen Schicksal einwirken. Wo aber ein fremder Wille dominirt, da kann es auch keinen Charakter geben, da ist jedes Handeln nach bestimmten Grundsätzen ausgeschlossen. Die Willeusthütigkeiten sind nicht Aeußerungen des eigenen Selbst, sondern Eingebungeil des fremden Willens, und ihr Werth oder Unwerth hängt nicht von allgemeinen moralischen Gesetzen ab, sondern von dem Wohl- oder Mißgefallen des dominirenden fremder: Willens. Diese Erscheinung zeigt sich auch im Leben ganzer Völker Ganze Nationen giebt es, deren Selbstbewußtsein erloschen ist, die sich nicht zu eigenem kraftvollen Thun aufraffen können, die deshalb für den Fortschritt der Menschheit nichts leisten und von: Schauplatz der Weltgeschichte abtreten müssen. Die. Geschichte liefert uns mehr als ein Beispiel dieser Art. Aber auch das Gegerttheil ist oft zur geschichtlichen Thatsache geworden. Das fast schor: erstorbene Bewußtsein des eigenen Werthes und der daraus sich ergebender: Aufgaben ist geweckt worden und hat seine Träger aus todbringender Ohnmacht anfgerüttelt und sie zu Helden der Weltgeschichte gemacht. Bei solchen: Werthe, den Selbstgefühl und Selbstbewusstsein im Leben des Einzelnen wie in den: der Gesammtheit zu beanspruche:: haben, empfinden wir mit voller Wucht die traurige Thatsache, daß den Juden als solche so ganz Selbstgefühl und Selbstbewusstsein abgehen. Wir gleicher: den: Kinde, besser: Kräfte und Fähigkeiten durch erviges Bekritteln lahmgelegt worden sind. Unser Judenthun: hat sich zu viel lieblose Urtheile gefallen lassen müssen, als daß nicht etwas hätte hängen bleiben sollen. Wir haben kein Vertrauen zu uns selber. Wer daran noch zweifelt, wird schnell belehrt sein, wenn er bei aufmerksamer Beobachtung wahrnimmt, wie. der Mangel an Selbstvertrauen irr: Leben der Gesammtheit dieselben Symptome zeitigt wie im Leben des Einzelnen. Wie der Einzelne, derr: das Selbstgefühl mangelt, die Dinge an sich nicht zu schätze:: weiß, sondern den fremder: dominirenden Willen gleichsam als Werthmesser seines Handelns einsetzt und dadurch sich jeder Freiheit und Selbständigkeit begiebt, so äußert sich auch in der Gesammtheit der Mangel an Selbstvertrauen darin, daß bei jeden: Beginnen und Vorhaben das Urtheil Anderer maßgebend und entscheidend ist. Einer: geradezu klassischen Beweis lieferte der Vorschlag des Herrn Professor Philippson, einer: Jndentag ins Leben zu rufen. Ohne der: Vorschlag nach seinem inneren Gehalte zu prüfen, begegnete man ihm, wie so vielen anderen Vorschlägen, mit der fast stereotyper: Frage: Was werden die „Anderen" dazu sagen? Als ob es auf diese „Anderen" ankäme! Merken wir denn nicht, welche Unlogik darin liegt, die Berechtigung oder Nichtberechtigung dieses Vorschlages von dem Urtheile der Anderen abhängig zu machen? Seit wann gestehen wir denn den „Anderen" das Recht zu, für uns zu denken? Aber Logik kann man nur von einem selbständiger: Geiste erwarten. Wo das Bewußtsein der inneren Kraft, kurz wo das Selbstvertrauen fehlt, da herrscht nicht die auf innerer Wahrheit beruhende Logik. Da vollzieht sich das Denken nicht nach logischen Gesetzen, sondern ordnet sich einem fremden, autoritativer: Willen unter, dessen Urtheile dogmatische Kraft gewinnen. Was nun thun, um jüdisches Selbstbewusstsein und Selbstgefühl wieder zu Heber:? Nun, genau so verfahren, wie ein verständiger Lehrer verführt, der seine Schüler auf eigene Füße stellen will. Der unverständige Lehrer schilt und tadelt und ist stets unzufrieden, dadurch entmuthigt er seine Zöglinge und lähmt ihre Kräfte, der verständige Lehrer ist über die bescheidenste Leistung erfreut urrd zeigt sich zufrieden, dadurch ermuthigt er die Kinder und lehrt sie die Flügel gebrauchen, die ihnen gewachsen sind. Der Jude wagt sich mit seinen: Judenthun: nicht hervor, weil das Judenthun: in der öffentlichen Meinung geringe Werthschätzung genießt. So ist denn auch ir: unfern: Denken das Jndenthnn: nicht das, was es ist, sondern wofür es gehalten wird. Die öffentliche Meinung ist eine rrrit säst unbeschränkter Gewalt herrschende Despotin, die die Geister in ihre Fesseln bannt. Nur eine Macht giebt es, die ihr entgegenzutreten vermag, das ist die Wahrheit. Zeiger: wir Inden und Juderrthum in ihrer wahren Gestalt, und wir werden ein Geschlecht heranziehen, das aus dieser Kenntnis; die Kraft herleitet, Inder: und Judenthum, und sei es auch einer ganzen Welt gegenüber, zu vertheidigen. Die Kriterien des Werthes oder Unwerthes einer Nation wechseln: so verschiedet: die Zeiten, so verschieden auch die Ur- Lheile. Nur das Urtheil über die Inder: ist sich bis heute gleich geblieben; was wechselte und der Zeit seinen Tribut zollte, das waren die Gründe, auf denen sich das Urtheil aufbaute. Sie mußten sich der jeweiligen Geistesströmung anpassen, um den Zeitgenossen gegenüber wenigstens den Schein der Wahrheit sür sich zu haben. Im Mittelalter genügte schon die Ver-

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