Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1901)
- Date
- 1901-10-18
- Page
- Seite 497 (sequence 7)
- Language
- German
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497 -iinigen Konnex mit dem Judenthum traten, ohne doch den Kampf gegen den Antisemitismus als ausschließliches Ziel im luge zu haben. Denn — das soll gleich vorweg genommen oerden — es kann nie und nimmer die Aufgabe der jüdischen Ztudenteuvereine sein, unter Aufgabe aller wissenschaftlichen und studentischen Bestrebungen die Bekämpfung des Antisemiismus als Daseinszweck aufzufassen. Wenn es auch für uns zuden gewiß nothwendig ist, uns so früh wie möglich mit ein Rüstzeug geistiger Waffen. zn versehen, die unsere Lage rfordert, es ist eine Verkennung der Ziele der Studentenschaft, oeim man diese in den Kampf der Parteien hineinzuziehen acht. Von einer höheren Warte aus müssen die Studenten >uf das Parteigewühl herabblicken, und nur so weit ihre unteressen in Frage kommen, dürfen sie in den Kampf eingreifen. m den letzten Jahren erst sind an den Universitäten jüdische Vereine entstanden, die geeignet und vvllbewußt an der Arbeit md. eine allmälige Aussöhnung zwischen jüdischem und christ- .chem Studententhum zu verhindern, die die idealen Aufgaben es Studententhnms über unfruchtbaren parteipolitischen Disiissionen vergessen. In solchen Vereinen kann der Student acht zu einem Manne heranreifen, der die Motive der Strömungen mit wissenschaftlichem Ernst zu erfassen sucht; die inseitige Beschäftigung mit einem bestimmten Programm, auf as er sich eiuschwört, muß ihn zu einem Schwätzer machen, essen geistiger Horizont nicht über seine Phrasen hinausreicht. Welchen Standpunkt aber soll der jüdische Student dem ntisemitismus gegenüber einnehmen? Die christlichen Stndentenvereine sind in ihrer großen Kehrzahl heute antisemitisch, die wenigen studentischen Beringungen, zu denen auch Juden der Zutritt gewährt ist, ehmen in Bezug auf die Judenfrage häufig genug eine mincstens zweideutige Stellung ein, so daß es nicht allen jnischen Studenten gegeben ist, ihre Ueberzeugung mit derjenigen eser Leute in Uebereinstimmung zu bringen. Was liegt also i iher, als daß die jüdischen Studenten ihren eigenen Organi- > itionen beitreten und bei eintretender Gelegenheit bei nßt als Juden den Antisemitismus in der Studentenschaft ckämpfen. Es soll noch einmal betont werden, daß es immer ' »d unter allen Umständen ein trauriges Zeugniß des Geistes!, der an unseren Hochschulen herrscht, daß engherzige konssionelle Bedenken die freien Söhne der rrlmrr mrrwizu trennen a Stande sind - wie aber die Verhältnisse heute liegen, ist? nicht nur ein Recht der jüdischen Studenten, sich zusammenithun, sondern es ist sogar ihre Pflicht. Nun aber soll man ese Vereine nicht zn Tummelplätzen wüsten Parteigezänks machen; ur wenn es die Nothwendigkeit gebietet, sollte man an die Öffentlichkeit, d. h. an die Studentenschaft treten und seine Überzeugung zum Ausdruck bringen. Sonst aber soll die Be- ' nipfuilg des Antisemitismus zurücktreten hinter die Angegenheite», die dem Studenten näher liegen. Mit einem Wort: der Studeutenverein soll.keine Kampfcganisation für oder gegen eine Zeitströmung sein, sondern ne Gemeinschaft jüdischer Studenten, die sich nnr deshalb isammenthun, weil ein Zusammengehen mit christlichen Kom- > ilitonen zur Zeit nicht möglich ist, und die den Antisemitis- »s da bekämpfen, wo er in ihre Interessensphäre einzubrechen nht. Immer soll man sich bewnßt sein, daß die zu starke etvnnng eines kleinlichen konfessionellen Standpunktes die >egensätze verschärft und der Erziehung zu einem in jeder Hin- >ht freien Menschenthum entgegenarbeitet. Man braucht darum auf der anderen Seite sein Judenthum niemals zn verleugnen — wo dieses angegriffen wird, ist immer ein energisches Eintreten am Platze. Aber keine Parteifanatiker soll der Studentenverein heranbilden, sondern freie Menschen, die sich durch die Wissenschaft zu einer höheren Weltanschauung durchgerungcn haben — die die Welt nicht als eine Vielheit von Käfigen ansehen, von denen sie sich einen als ständigen Aufenthaltsort aussuchen müssen. Joseph Fewin Saalschutz. Vo» De. S. Carpi ». Ein Gedeiiknrtikel post lsslum. änzlich unbeachtet ist in jüdischen Kreisen der hundertjährige Geburtstag eines Mannes geblieben, der es wohl verdient hätte, daß er nicht so schnell der Vergessenheit anheimgefallen wäre. Hat er doch für das Judenthnin in doppelter Hinsicht Bedeutung: 1. Als Bahnbrecher aus dem Gebiete jüdischer Wissenschaft. 2. Als erster jüdischer Dozent an einerdeutschen Universität, zugleich auch als erster Dr. Phil, mosaischen Bekenntnisses an der Universität zn Königsberg, seinem Geburtsort, dem er auch den größten Theil seines Lebens treu blieb. Hier erblickte Saalschütz am 15. Mürz 1801 das Licht der Welt. Hier erhielt er auf dem Gymnasium und der Universität seine Ausbildung, hier promovirte er, wie bereits angedeutet, zum Dr. Phil, im Jahre 1824, hierher kehrte er nach mehrjähriger Wirksamkeit als Prediger und Neligionslehrer an den israelitischen Gemeindeschulen Berlins und Wiens im Alter von 34 Jahren zurück, um von nun ab den ganzen Nest seines Lebens als Prediger und seit 1847 auch zugleich als Privatdozent für hebräische Archäologie hier zn verbringen. Sein Tod erfolgte am 23. August 1863 und rief allgemeine Trauerunter seinen Glaubensgenossen hervor. Sein Leichenbegüngniß gestaltete sich zur ehrenvollsten Kundgebung für die allgemeine Beliebtheit, deren sich Saalschütz in seiner Vaterstadt, die seitdem noch so manchen anderen hervorragenden Elanbensgenossen (wir nennen nur Johann Jacobh, Dr. Kosch, Professor- Samuel, Dr. Falkson) hat ins Grab sinken sehen, infolge seinervorzüglichen Charaktereigenschaften und seiner wissenschaftlichen Bedeutung erfreute. Letztere konnte man bereits in seiner Erstlingsarbeit: „Von der Form der hebräischen Poesie" 1823, erkennen. Wenn irgendwo, so trifft hier das lateinische Sprichwort: „Irx ungue leonem" zu, denn weit entfernt, daß Saalschütz Veranlassung gehabt hätte, dieses sein Erstlingswerk, wie es so vielfach der Fall ist, späterhin zu verleugne», gab er es beinahe 30 Jahre später (1853), allerdings gründlich umgearbeitet und durch die neu hiuzugetretenen Resultate der inzwischen erfolgten wissenschaftlichen Forschungen unter dem Titel: „Form und Geist der hebräischen Poesie" wieder heraus. Im Zusammenhang mit diesen Studien stand: „Die Geschichte und Würdigung der Musik bei den Hebräern" (1829), deren Resultate der Verfasser in sein archäologisches Hauptwerk hineingearbeitet hat. Dieses: „Archäologie der Hebräer", in zwei Theilen 1855—56 erschienen, geht im ersten Abschnitte aus von der körperlichen Bildung der Israeliten, beschreibt sodann Kleidung, Wohnung. Nahrung, um in einem zweiten Abschnitte sich über die Lebensweise und Hauptbeschäftigungen, Viehzucht, Ackerbau, Handel, Schifffahrt, Handwerk n. s. w. zu verbreiten. Der dritte Abschnitt betrifft Religion, Kultus und