Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1901)
- Date
- 1901-10-18
- Page
- Seite 496 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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4S6 Der Student im Kampfe gegen den Antisemitismus. Von Alfred Dallmann. ar die studirende Jugend in früheren Zeiten ein nicht zu unterschätzender Faktor im Tageskampf der Geister, so ist sie aus dieser Position heute vollkommen verdrängt worden, so ist sie heute eine — in dieser Hinsicht — bedeutungslose Kaste, deren Stimme keine Wucht hat und deren Entschließungen kein Einfluß auf das politische und soziale Leben zukonnnt. Es soll hier nicht untersucht werden, welche Verhältnisse diesen Zustand der Dinge herbeigeführt haben — die Thatsache läßt sich jedenfalls nicht leugnen. Trotzdem aber hat der Student den Konnex mit dem bürgerlichen Leben nicht verloren, und das studentische Leben bietet ein getreues Spiegelbild des bürgerlichen Lebens mit seinen Strömungen und Zeit- und Streitfragen, mit seinem Lieben und Hassen, seinen Sympathien und Abneigungen, seinem Wünschen und Wolle». Da ist keine Strömung, deren Strudel nicht auch die Studentenschaft ergriffen, und keine Bewegung, die vor den Mauern der Hochschulen Halt gemacht hätte. Und die nberschänmende, jugendliche Kraft bemächtigte sich der Tages- und Zeitströmungen mit einer Leidenschaft, daß man wohl verstehen kann, wie studentische Feuerköpfe einst den Lauf der Ereignisse beeinflussen konnten. Und doch sind es gerade diese Leidenschaftlichkeit, dieses tolle Springen von Extrem zu Extrem, diese schrankenlose Sympathie und abgrundtiefe Antipathie — verbunden natürlich mit der mangelnden Erfahrung und dem Mangel an großen Gesichtspunkten — die den Keim der Unfruchtbarkeit in sich tragen. Und dennoch — wer wollte lieber eine Jugend, die den Zeitsragen verständnißlos oder schlafmützig gegeuübersteht? Ist doch das jugendliche Feuer etwas, was leider zu früh verloren geht, und dessen Mangel häufig genug zu beklagen ist. AU das macht es erklärlich, daß auch der Antisemitismus seinen Weg in die Studentenschaft fand und hier durch die Leidenschaftlichkeit, mit der man sich auf ihn warf, geradezu verheerende Verwüstungen angerichtet hat. Ohne Prüfen und Wäge», mit jugendlicher Rücksichtslosigkeit und schonungslosem Radikalismus ward das Taseltuch zerschnitten zwischen den Anhängern der Bewegung und ihren Feinden. Interessengemeinschaften und Jugendfreundschaften wurden der Bewegung zum Opfer gebracht, keine Gcmeinschast entschied als die des Glaubens. Und da schossen denn aller Orten jene Korporationen wie Pilze ans der Erde hervor, die es sich zur Aufgabe machten, den Riß zu erweitern, der durch die Studentenschaft ging. „Alle Studenten christlicher Konfession können Mitglieder werden," das war die Losung, unter der die Jsolirnng der jüdischen Studenten begann. Während die Studenten aller Fakultäten und Konfessionen sich früher in gewissem Grade gemeinsam zu Korporationen zusammenthaten, die gemeinsamen studentischen Interessen zu Pflegen, ward nun eine reinliche Scheidung zwischen christlichem und jüdischem Stndententhum herbeigeführt. Da gab es denn bald keine Korporation mehr, die neben christlichen auch jüdische Mitglieder duldete — ein Geist der Unduldsamkeit erfüllte die christliche Studentenschaft, ein wüthender Haß gegen alles, was eine gebogene Nase hatte, ein Haß, der sich die Schlagworte von nationalem Empfinden, von Rassenabneigung und Ueberlegenheit der arischen Rasse zu eigen machte. Die nothwendige und unausbleibliche Folge war natürlich die Entfremdung, die zwischen christlichen und jüdischen Studenten eintrat. Während die etwa bestehenden Gegensätze und Unterschiede sich in gemeinsamen Vereinen zn verwischen pflegten und über der Interessengemeinschaft konfessionelle Unterschiede in duldsamer Weise in den Hintergrund gedrängt wurden, wurden von den christlichen Studenten die Gegensätze nun absichtlich und zielbewußt hervorgehoben. Do gab es denn kein Paktiren und Ueberbrücken — die Kluft, die sich aufgethan, trennte zwei Lager, von denen das antisemitische jede Gemeinschaft mit dem anderen von sich wies. Und da begann es sich denn auch auf jüdischer Seite zu regen, wenn auch viele jüdische Studenten in berechtigtem Optimismus und Idealismus an die Dauer der unduldsame» Strömung nicht glauben wollten und fort und fort den Versuch machte», indem sie selbst ihr Ehrgefühl zum Opfer brachte» der antisemitischen Bewegung zum Trotz Eingang in christlich Korporationen zn finden. Die große Masse der jüdische» Studentenschaft sah mit den geschärften Augen der den Hai gewöhnten Juden die Vergeblichkeit dieser Bestrebungen ei» und entschloß sich zu dem au sich bedauerlichen, aber durch die Verhältnisse gerechtfertigten Schritt, dem antisemitische» Druck den jüdischen Druck entgegenzusetzen. Und damit ward der Studentenschaft das Gepräge gegeben das sie heute noch hat — und voraussichtlich noch lange habe» wird. Die jüdischen Studenten schlossen sich zu Korporationen zusammen, um im Studentenleben der antisemitischen An maßnng gegenüber ihre berechtigten Interessen zu vertrete» und antisemitischen Verstoßen die Spitze bieten zu können. Allerdings war die Duldsamkeit der jüdischen Studenten — wenigstens vorläufig noch — größer als die ihrer christliche» Kommilitonen, denn man wehrte auch diesen nicht den Eintril in die jüdischen Vereine, wenn auch leider die Gelegenhe» zur Bethätigung dieser Duldsamkeit selten genug an sie heran trat. Der größte Theil dieser jüdischen Korporationen halt bezeichnenderweise den Kampf gegen den Antisemitismu nicht einmal aui die Fahne geschrieben; da sie aber fast ausnahmslos nur jüdische Mitglieder hatten, wurden sie von de» antisemitischen Vereinen als jüdische angesehen und angefeindet so daß sie sehr häufig Gelegenheit hatten, gegen diese auf zutreten, im Grnnde also als Juden gegen den Antisemitismu kämpften. Die Verschleierung des den Antisemitismus be kämpfenden Charakters dieser jüdischen Vereine geschah übrigen mit Absicht, weil man sich dessen bewußt war, daß man durcl die Betonung dieses Charakters die offizielle Scheidung zwische» christlichen und jüdischen Studenten herbeiführte und de» zwischen ihnen schon klaffenden Riß noch erweiterte, und auc! weil man anderseits den ganzen Kampf nicht im Namen de Judenthums führen wollte, sondern im Namen der damal beliebten Schlagworte: Toleranz und Humanität. Nun sin» Toleranz und Humanität gewiß sehr schöne Dinge — die unte ihrem Namen Kämpfenden waren von den besten Absichte» beseelt — man vergaß aber (oder wollte es auch vergessen daß es sich für uns Juden außer um das Menschenthum auc» noch um unser Judenthum handelte. Viel zielbewußter ha» delten jene jüdischen Korporationen, die — auch wieder au denselben Gründen unter Umgehung des für die Rechte de- Judenthnms kämpfenden Charakters — die rein wissenschaftlich' Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte und Litteratnr zun» Ausgangspunkt machten; es wurde dadurch das nicht z» unterschätzende Moment erreicht, daß die Mitglieder in eine».