Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-10-18 · Heft 42 (18.10.1901) · p. Seite 495

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 42 (18.10.1901)
Date
1901-10-18
Page
Seite 495 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228462--58014-3294430
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4Sö!i China befanden sich sehr viele Juden, namentlich dienen »hlreiche Inden in der englischen Marine, rvo es über 100 »dische Matrosen geben svll. Sehr zahlreich waren die Juden ii dem australischen Kontingent, das in Südafrika gekämpft mrt, vertreten. Namentlich zählt die Abtheilung von Nen- Züdwales viele Inden in ihrer Mitte. Angesichts solcher Thalsachen ist die Behandlung, welche ie Juden ist Rußland noch immer zu erdulden haben, doppelt .»gerecht. Derselbe jüdische Soldat, der für sein Vaterland ns dem Schlachtfelde mit aller Tapferkeit gekämpft hat, muß, nenn er nach der Heimath zurückkehrt, die entwürdigendsten Beschränkungen sich gefallen lassen. In der That, ein trauriges Schauspiel! Bei einer wichtigen Frage, der Auslieferung von politischen Verbrechern, hat sich jüngst wieder gezeigt, wie die leitenden -taatsmänuer Rumäniens über die Juden denken, obwohl a jene Frage nicht den geringsten Zusammenhang mit diesen lat. Der demokratische Abgeordnete Constantin Mille, der;egen die Auslieferung sprach, hob hervor, daß, da „Fremde" u jedem Falle ausgeliefert werden müssen, der österreichischungarische Staat auch die Auslieferung in Rumänien geborener chlden fordern könnte, ohne daß die rumänische Regierung die tuslieferung dieser ihrer Unterthanen zu verweigern das Recht ätte. Die Frage ist nun, oberflächlich betrachtet, nicht von lelaug, ja es kann Vorkommen, daß ein Jude froh wäre, den sterreichischen Richtern überwiesen zu werden — aber prinipiell ist sie von außerordentlicher Wichtigkeit. Dies begriff gerr Sturdza, der jetzige Ministerpräsident, sofort, denn er beuchte die Gelegenheit, um eine Antwort zu geben, die mit einem -chlage die ganze rechtliche Stellung der rumänischen Inden mstürzte. Er meinte: die Juden seien nicht rumänische Bürger, uelche nur von der Ausübung Politischer Rechte ausgeschlossen »d, wie manche Juristen behaupten; sie seien auch nicht rnnänische Unterthanen, sondern nur rumänische Schützing e (pi-olt-sirt), Leute, die, solange sie sich nicht uucksen, hier ruhig leben können, denen aber jedereit dieser Schutz entzogen werden kann. Damit werden die Inden außerhalb des Gesetzes gestellt, für vogelfrei ertärt, und es wird ihnen in Rumänien eine Ausnahmsstellung »schaffen, der im internationalen Rechte keine Kategorie entricht, und die dem Berliner Vertrag direkt ins Gesicht schlügt.!ber in Rumänien kann man sich heute alles — gegen die uiden erlauben! r- Wie aus s Konstantinopel gemeldet wird, hat der Sultan »> 4. d. M. eine Ordre erlassen, durch welche der Aufenthalt emder Juden in Palästina aufs Nene wesentlich erschwert »rd. Der Aufenthalt^darf unter keinen Umstünden länger!s drei Monate dauern. Da neue jüdische Einwanderungen ach Palästina in den letzten drei Jahren nicht stattgefunden aben, so bringt man das neue Jrade des Sultans mit den onistischen Aspirationen in Verbindung. Im klebrigen muß »an sagen, daß auch, wenn dieser Zusammenhang nicht ristiren sollte, man nach den geheimnißvollen Andeutungen von onistischer Seite doch etwas anderes erwarten durfte als »en solchen Erlaß. 4 Wir haben s. Z. über das sonderbare Ansinnen berichtet, welches die Newhorker „llnitsck Ilobrevv Cluwilies" an den Londoner Lomck ok 6>uwäirm8 gestellt haben, Letzterer möge fortan keine Juden mehr nach den Vereinigten Staaten oder nach Kanada senden. Die Kommission des Auswanderungskomitees, dem die Angelegenheit zur weiteren Bearbeitung überwiesen wurde, hat nuu am 16. v. M. in der Sitzung des Boards Bericht erstattet. Danach hat das Komitee im verflossenen Jahre 1038 jüdische Emigranten befördert, voll den 754 nach Newyork geschickt wurden. Die Auswanderer mußten im Alter von unter 40 Jahren stehen, gesund und im Besitz von einigen Mitteln sein und in Newyork Verwandte oder doch Freunde haben, welche bereit wären, sich in der neuen Heimath ihrer anzunehmen. Lehrer oder Kaufleute wurden von der Beförderung nach Newyork prinzipiell ausgeschlossen. Das Komitee glaubt nicht, daß von allen von ihm nach Newyork beförderten Juden auch nur ein Einziger die Hilfe der vereinigten jüdischen Wohlthätigkeitsvereine Newyorks in Anspruch genommen hat. Von den 1038 Auswanderern hatten 20 Prozent ihre Familien bei sich, weitere 20 Prozent waren alleinstehende Männer und Frauen, 5 Prozent hatten Verwandte in Amerika die ihnen Schiffskarten geschickt haben, während der Rest von 55 Prozent ganze Familien waren, die ihrem ihnen nach Amerika vorausgegangenen Ernährer nachgereist sind. Bei dieser vom Board getroffenen vorsichtigen Auswahl der Emigranten, und angesichts der Thatsache, daß die 754 vom Board nach Newyork beförderten Personen kaum 1 Prozent aller im Jahre 1900 nach Amerika ausgewanderten Juden ausmachen, schlügt das Komitee dem Board vor, den Wunsch der blniteä Hebrerv (lliarities abzulehnen. Alles, lvas der Board noch allenfalls versprechen könnte, wäre: 1. Keine Juden mehr nach Newyork zu senden; 2. keine Familien, deren Oberhaupt bereits in Amerika iveilt, ohne Genehmigung der vereinigten Newyorker Wohlthätigkeitsvereine nach den Vereinigten Staaten zu befördern. Dagegen kann der Board nicht versprechen, die Auswanderung nach außerhalb Newyorks liegenden Plätzen der Vereinigten Staaten oder gar nach Kanada zu unterbrechen. Diesem Antrag des Auswanderungskomitees trat Mr. Joseph entgegen, welcher überhaupt jede bindende Zusage an die llmtecl I4el>i6>v Lliaritie? abgelehnt sehen will. Seit dem 15. Juli hat der Board überhaupt nur 68 Personen nach Newyork befördert. Angesichts dieser Thatsache schlägt er folgende Resolution vor: Der Board erblickt in dem riesigen Anwachsen des Newyorker Ghetto eine große Gefahr für das amerikanische Jndenthnm und spricht den unter großen Schwierigkeiten arbeitenden Vereinigten jüdischen Wohlthätigkeitsvereiuen Newyorks seine volle Sympathie aus. Gleichzeitig erklärt er, ohne sich irgendwie binden zu wollen, auf dem seit zwei Monaten befolgten Wege Auswanderer nach Amerika nur in Ansnahmesällen zu befördern, bis auf weiteres verharren zu wollen. Dieser Beschluß, welcher ein sehr weitgehendes Entgegenkommen den Wünschen der Newyorker Vereine gegenüber und eine faktische Restriktion der Auswanderung nach Amerika bedeutet — soll in allen Auswanderungscentren Rußlands, Galiziens und anderer Länder bekannt gemacht werden, damit die jüdischen Emigranten ans jenen Ländern wissen, daß sie von London nichts zu erwarten haben und das Reisegeld dahin sich sparen mögen. Diese Resolution wurde einstimmig angenommen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.