Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1901)
- Date
- 1901-10-18
- Page
- Seite 494 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4S4 Ludwig Barnberger sagt in seiner Gedenkrede ans Lasker: „Ich, der ich in seine Verhältnisse tief hineingeblickt habe, ich habe mich manchmal gefragt: Woher nimmt er sein Geld für seine Wohlthätigkeit?" Lasker huldigte aber dem Satze „Delire ma8l<i1 ei (lol"; er gab nicht Almosen, sondern er suchte Diejenigen, die er seiner Unterstützung würdig befunden, moralisch zu heben, und er suchte dem Uebel durch Einblick in seine Ursachen abzuhelfeu. Die echte altjüdische Erziehung, die Lasker genossen hatte, zeigte sich auch in der Persönlichen Einfachheit und Schlichtheit, die ja auch seinem Freunde Ludwig Bamberger eigen war. Als Lasker auf der Höhe seines Ruhmes stand, bewohnte er eine bescheidene Wohnung, deren Hauptschmuck Lasters Büchersammlung war. Aehnlich vielen hervorragenden bescheidenen jüdischen Gelehrten haben Lasker und Bamlwrger Auszeichnungen persönlicher Art eher zu vermeiden als zu erlangen gesucht. Die einzigen Ehrungen, die Lasker wahre Freude machten, waren das Diplom eines Doktors der Rechte, welches ihm 187:-. Ehren halber die Universität Leipzig, und eines Doktors der Philosophie, welches die Universität Freiburg i. B. ihm 1875 verlieh. Beider Männer Erholung voll den schweren politischen Kämpfen bestand in der Ausarbeitung litterarischer, natioualökonomischer und philosophischer Essays und in dem Anhören guter Musik. Auch sprachen sie gern zum Volke in öffentlichen Vorträgen. So wie einst im Berliner Handwerkerverein Lasker seinem Freunde Berthold Auerbach, so hat Ludwig Bamberger seinem Freunde Lasker die Gedenkrede in der Singakademie in Berlin gehalten. Und dort sagte er ausdrücklich: „Unter dem, was ihn drückte, darf nicht verschwiegen werden jener eigenthümliche Zug, der sich in Deutschland seit einigen Jahren kenntlich macht, und der, weil die Zeit nicht mehr den Fanatismus des Glaubens verträgt, einen neuen Fanatismus für das Bedürfniß der Fanatiker erfunden hat, den Fanatismus der Nasse. Vielleicht hat er unter diesem Uebel mit am Meisten gelitten." Beider Männer Leben muß unserer jungen Generation als vorbildlich gelten, sich fernzuhalten von allem Streberthum, der Jahne, der man einmal Treue geschworen, nicht untreu zu werden, den Anschluß an das allgemeine Kulturleben trotz aller Ungunst der Zeit mit allen: Eifer zu fördern. Eine solche Mahnung thnt uns gerade in unserer Zeit dringend Noth, da man bemüht ist, uns in ein geistiges Ghetto zurückzuweiseu, nachdem ein anderes kann: noch anfzurichten ist. Da erscheinen Männer wie Lasker und Bamberger als Vorbilder, auf die immer und immer wieder der Blick unserer Jugend hingelenkt werden muß. Und schon darum ist es für uns ein erhebender Gedanke, daß die beiden politischen Freunde und Männer einer großen Zeit das gemeinsame Grabdenkmal jetzt vereint, dessen Einweihung zu unserer eigenen Ehre bevorsteht. Are Woche. Berlin, 16. Oktober. Parteitag der deutsch-sozialen Reformpartei in Leipzig hat ein wichtiges Ergebniß gezeitigt. Ueberwiegend ist nämlich der Ueberzeugung Ausdruck gegeben worden, daß die antisemitische Hetze nicht mehr zieht, und daß man sich positiver Arbeit zuwenden müsse, um sich behaupten zu können. Wir können mit diesen Resultat zufrieden sein, wenn auch die üblichen antisemitischen Redensarten und Vorschläge hinsichtlich des Schüchtens, der Einwanderung fremder Juden u. s. w. natürlich keineswegs fehlten. Alls solche Anzapfungen erwiederte der Neichstagsabgeordnete Werner: Mit allgemeinen Judendebatten und mit Radau werde mall in: Reichstag keine Erfolge erzielen, sondern einzig und allein mit sozialreformatorischer Arbeit. Dagegen verlangte sein Kollege Bindewald wieder „radikales Vorgehen" in der Judeufrage, während der Stadtverordnete Klause aus Dresden der Meinung war, heute dürfe nicht die Judenfrage die Hauptsache sein, sondern die moderne Entwickelung stelle die Magenfrage in den Vordergrund. Darüber kau: es zu neuen und sehr erregter: Auseinandersetzungen, in denen noch verschiedene Redner stärkere Betonung der Mittelstandsfrage verlangten. Es folgte dann noch eine nicht minder lebhafte Debatte über den Deutschen Volksbund des Herrn v. Mosch, dem Bindewald vorwarf, daß er der: Antisemitismus nur dazu benutze, um Geschäfte zu machen, und daß dabei Mittel zur Anwendung gebracht worden seien, die höchst bedenklicher Natur seien. Auch gegen den Staatsallwalt Kanzow-Vertin, der bei Gelegenheit des Prozesses Dewald den Ausspruch gethan hat: „Für einen gebildeter: Menschen giebt es keinen Nitualmord" wurde ziemlich lebhaft protestirt. Ja, es wurde sogar eine besondere Resolution gegen ihn gefaßt. Um die vielgerühmtc Einigkeit in der Partei steht es also, wie man aus dem Gang der Verhandlungen ersehen konnte, noch ziemlich schlecht. 4 Antisemitische Blätter haben nach den: Tode Miguels recht bestimmt Diesen zu einen Antisemiten zu stempeln versucht. Das Stöckersiche „Volk" z. B. sagte, er sei ein strammer Antisemit gewesen, und in gelegentlichen Privatänßerungen habe er kein Hehl daraus gemacht. Vielleicht Werder: die Antisemiten mit dieser Legendenbildung anfhören, wenn ihnen Folgendes bekannt wird: „Ein süddeutsches Vorstandsmitglied des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus bat bei Gründung des Vereins bezw. bei Erlaß des erster: Aufrufs Herr»: Miguel, mit hervorragenden Mitgliedern der nationalliberaler: Partei wegen Unterzeichnung des Aufrufs zr: sprechen. Das hat Miguel bereitwillig zugesagt und auch gethan. Von einer späteren Gesinuungsänderung des verstorbenen Staatsmannes nach dieser Richtung hin ist nichts bekannt geworden. Wie die „Jewish Chronicle" ans guter Quelle erfährt, belief sich die Zahl der in der: Reihen des russischen Heeres in China kämpfenden jüdischen Soldaten auf mehr als 5000. Eine einzige Brigade zählte 580 Juden, von den im Lause der Kampagne 18 gefallen und sehr viele verwundet worden sind. Während des Passahfestes gab General Stössel, welcher damals in der Nähe von Tientsin operirte, seinen jüdischen Soldaten, welche in einer Stärke von 300 Mann unter seinem Kommando stände::, die beiden ersten sowie die beiden letzter: Feiertage frei. Auch ließ er für diese Zeit für seine jüdischen Soldaten zwei große Zelte errichten, von denen das eine als Synagoge, das andere als rituelles Vorrathshaus und Mazzotbäckerei diente. Am ersten Tage des Passahfestes besuchte General Stössel in Begleitung des Oberst Orodnikow und des Oberstleutnant Rabinen diese improvisirte Synagoge und spendete für dieselbe 25 Rubel. Auch unter den: englischen Kontingent