Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1901)
- Date
- 1901-10-18
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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65. Jahrgang. Nr. 42. Allgemeine Berlin, 18. Oktober 1901. eitung öes Auömlbums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M- Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig PHMppson-Konn Verlags-Expedition: Gerün, Jerusalemerstr. 48/49. I Alle Zusendungen für Redaktion und! Expedition sind an die Adresse: Verlag der ü „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin n 8W., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. ÄN^kIl. Ein Grabdenkmal. — Die Woche. — Der Student im Kampfe gegen den Antisemitismus. Von Alfred Dallmann. — Joseph Lewin Saalschütz. Von Dr. S. Car Pin. — Ein Manko in dem Lehrplan der indischen Schule. Von Lehrer A.Neuhaus in Guxhagen. I. — Professor Max Müllers »Erinnerungen". Von Rev. Dr. I. Chotzner. — Das Geheimniß der Odyssee. III. — Ephraim. Von Irene Ezerhalmi. III. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. 6liarlottenbnrg, Potsdam, Eydtkuhnen, Breslau, Hildesheim, Dresden, Hamburg, Elberfeld, München, Wien. — Bon Rah und Fern. — Geschäftliche Notizen. Gin Grabdenkmal. Berlin, 15. Oktober. Grab Eduard Lasters aus dem Friedhofe in der Schönhauser Allee war bisher fast schmucklos; es war nicht eingefriedigt, ohne Gitter, und nur eine kleine Granittafel kündete, das; hier jener als Denker und Staatsmann so verdiente Geist ruhe, der eine Reihe von Jahren hindurch an der Gesetzgebung des deutschen Reiches einen wesentlichen Antheil genommen hat. Jede Zeit hat ihre eigenen Aufgaben. Es gehört aber heute leider oft zum Rüstzeug der jungen Generation, über das Wirken eines Laster, eines Bamberger sich absprechend zu iußern, — die Zeit scheint noch nicht gekommen, um abchließend zu sagen, welche Keime bessere und edlere Blüthen wir die Zukunft gezeitigt haben, die Saat jener für die wahre Freiheit im edelsten Sinne des Wortes ringenden Männer, welche doch noch tiefer, als sie es selbst vielleicht Port haben wollten, im Judenthum wurzelten, oder die Verprechungen der Apostel einer unklaren Zukunft mit ihren bisher noch sehr unfruchtbaren, geringen positiven Leistungen. Manche dieser jungen Herren Politiker thun heute so, als ob ie lieber in das Ghetto zurückkehren oder den Verheißungen egend eines phantastischen falschen Messias folgen, als die zrnndlegenden Leistungen jener beiden Führer des deutschen Liberalismus anerkennen wollen. Sie fördern indirekt die Bestrebungen der überall wieder sehr rührigen Dunkelmänner und Reaktionäre, welche erst dann dem nach ihrer Meinung >iel zu sehr das Licht der Aufklärung liebenden Jndenthum den skappzaum einer „Judengesetzgebung" wieder anzulegen hoffen oürsen, wenn die Ausschreitungen der Exaltados den Sinn für in gesundes Mittelmaß von Freiheit und bürgerlicher Gleichheit erstickt und die vermeintlichen „Sünden des Liberalismus" der Reaktion den Weg gebahnt haben, so daß dann die Entwickelung des Rechtsstaates, für den Lasker und Bamberger ille Zeit gekämpft, der Hemmschuh angelegt werden an». Wir wollen nicht hoffen, daß man noch einmal in trüben Zeiten, wie sie Preußen und die Juden innerhalb der schwarzweißen Grenzpfähle schon wiederholt durchgemacht haben, zu diesem jetzt vereinten Grabe Laskers und Bambergers, der beiden Führer für Recht und Wahrheit und maßvolle bürgerliche Freiheit, wallfahre, aber unsere Geschichte lehrt, daß die Grabstätte dieser in der Ehrenreihe mit Männern wie Leopold Zunz, Michael Sachs u. A. bestatteten beiden Helden der Geistesfreiheit ein geschichtliches Monument ist, das niemals vergessen werden soll, so daß der Gedanke, die beiden Grabstellen durch eine gemeinsame Ernstplatte mit der Widmungstafel „Hier ruhen im Tode vereint, die im Leben gemeinsames Streben für Deutschlands Einheit und Freiheit verband", zu vereinigen, als ein sehr glücklicher zu bezeichnen ist. Der 14. Oktober ist der Geburtstag Eduard Laskers. Wir hätten diesen Tag für die Einweihung des Grabdenkmals für besonders geeignet gehalten. Wie schnell wir doch heute leben! Im Jahre 1873 flüsterte in Berlin, wenn der freundliche kleine Mann mit dem brannen krausen Haar, der es in der offiziellen Stufenleiter nnr bis zum „Assessor" gebracht hatte, dessen Namen aber bald in einem Athemzuge mit den ersten Führern der deutschen Volksvertretung genannt wurde, auf der Straße vorüberging, alle Welt: „Das ist Lasker!" Und heute? Undank ist ja nicht nur in der politischen Welt oft der einzige Lohn, und so mußten wir es erleben, daß man selbst im eigenen Lager den Namen des edlen und großherzigen Vorkämpfers liberaler Anschauungen nicht immer mit gebührender Ehre genannt hat. Hätten wir in der jüngsten finanziellen Krisis einen Juden im Vordergründe unserer Politik gehabt, so hätten vielleicht Manche, als der Boden sich mit finanziellen Ruinen bedeckte, diesem Manne die Schuld an der Ueberproduktion und der dann naturgemäß folgenden Krisis aufgehalst. Sv wurden, als die sieben mageren Jahre nach dem Ausschwung in dem neuen deutschen Reiche sich anmeldeten, Lasker und Bamberger die Sündenböcke, gegen die die ganze Flnth des erst im Werden begriffenen politischen Antisemitismus sich wandte; sie, die als Begründer der „liberalen Gesetzgebung" hervorgetreten waren, wurden und blieben recht lange die hauptsächlichste Zielscheibe der Verleumdung. Dabei war ihr Leben makellos, ganz dem Wohle des Vaterlandes geweiht. Für sich selbst hatte Lasker, der Aermere von Beiden, fast gar keine Bedürfnisse, und dabei war er rastlos thätig; aber weit über den Kreis seiner Glaubensgenossen, denen er sich nie versagt hat, reichte seine weit geöffnete Hand.