Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1901)
- Date
- 1901-10-11
- Page
- Seite 491 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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4SI Aber so oft die Thür aufgeht, fährt er zusammen, und sein Auge irrt suchend umher, als erwarte auch er Jemanden. Und wieder öffnet sich die Thür, aus dem geräumigen Treppenflur strömt blendender Sonnenschein in den Saal, und aus dein Lichtmeer hebt sich wie ein Bild dom Goldgrund eine schwarzgekleidete schlanke Frauengestalt ab. Die Thür wird geschlossen, der Lichtstrom versiegt, aber die dunkle Frauengestalt schreitet mit leisen, rythmischen Schritten durch den Saal. Aller Augen richten sich auf sie mit dunkeln Zornesblicken; die kindlichjunge Frau des Bochers zieht mit scheuer Hast die Kinder an sich, damit nicht eine Falte des herabwallendeu schwarzen Gewandes sie streife, dieses nachtschwarzen Gewandes, aus dessen dichter Halskrause ein wohl nicht mehr junges, doch zauberhaft schönes Antlitz leuchtet; doch die klassischgesormte Marmorstirn, unter der ein herrliches Augeupaar Flammen sprüht, schmückt — oh Entsetzen — eine Krone seidenweicher, dunkler Flechten des eigenen Haares. Der fremde Kranke starrt weitgeöffneten Auges, mit verhaltenem Athem auf die schlanke Erscheinung, die den Saal durchschreitet. Nein, nein, das kann nicht sein. Fieberträume necken ihn. Das ist das Spiel der bösen Versuchung. Er will sich vor ihr in den heiligen Schutz des Gebetes flüchten, aber das Gebet erstirbt auf den bebenden Lippen. Er reibt sich die Augen und fährt mit der Hand über die Stirn, aber die Vision zerrinnt nicht, die junonische Gestalt schreitet an ieinem Bette vorüber, und der Kranke zuckt zusammen. Dieses Haar, dieses nachtschwarze, sinnberückeude, blauschimmernde Gewoge, dieses klassische, blasse Profil! Schma Jisroel, es kann keiner Anderen angehören. „Gittel, mein gutes, treues Weib!" flüstert eine kraftlose Männerstimme, und aus dem gegenüberstehenden Bette streckt ein vom Fieberfrost geschüttelter Kranker seine beiden abgemagerten Hände in ungeduldiger Erwartung der schönen Frau entgegen. „Gott segne Dein Kommen. Du bringst nur gute Nachricht, ich seh Dir's an den Augen an." Frau Gittel läßt sich auf die Kante des Bettes nieder und drückt einen Kuß auf des Kranken feuchtkalte Stirn; dann zieht sie milde lächelnd ein dichtbeschriebenes weißes Blatt hervor und liest, liest mit klangvoll leiser Stimme das thenre Schreiben ihrer ältesten Tochter, der schönsten Rose, die je unter dem Beltzer Himmel emporgeblüht, und die ein junger Handelsmann aus Odessa mit sich geführt in sein fernes, fernes Vaterland. „Theuerste Eltern, so lautet das Schreiben, ich bin namenlos glücklich. Habt Dank dafür, daß Ihr mir erlaubt habt, dem Manne anzugehören, den ich liebe, und daß Ihr mich nicht gezwungen habt, die Gattin Mendel Hirschs, des Beltzer Oschers, zu werden. Was nützt der Reichthum, wo kein Glück ist, und kann es Glück geben ohne Liebe? Und wisset, theuerste Eltern, leise, ganz leise will ich's Euch ins Ohr flüstern: bald, gar bald wird etwas ganz Winziges, Süßes, das Ihr Enkel nennen werdet, dort in der Wiege neben meinem Bette strampeln, und wenn's ein Junge wird, so soll er Ephraim heißen; der Name ist der theuren Mutter stets so lieb gewesen. Und jetzt, beste aller Mütter, muß ich Dir etwas gestehen; zürne mir nicht, sondern lach es aus, Dein dummes Töchterchen, deren Stolz und Eitelkeit im Feuer der Liebe ganz weggeschmolzen sind. Du weißt, wie theuer mir Deine glänzend schwarze Haarkrone stets gewesen, die Du mit solcher Würde trägst, und in deren Schmuck Du als Auserwählte unter allen Frauen erscheinst; Du weißt auch, wie stolz ich auf mein eigenes schönes Haar gewesen, denn ich meinte, von Gott besonders begünstigt zu sein, da er mir diese Zier verliehen. Aber ach, liebe Mutter, diese herrlichen Haarwellen, mein Mann sieht sie nicht gern, es verletzt sein Auge, wenn mein Haar aufgelöst über meine Schultern wallt; er blickt so trüb, wenn ich es kämme, aber er spricht kein Wort, denn er bringt's nicht über's Herz, dies Opfer zu verlangen. Nun denn, liebste beste Mutter, ich, Deine starke, kluge Tochter, wurde schwach wie ein Kind und — und — so lache doch Mutter — ich ließ mein schönes Haar abschneiden, damit meines Mannes Seele die frühere Ruhe wiederfiude. Habe ich Unrecht gethan? Doch was thut eine Frau nicht alles, wenn sie liebt." Frau Gittel seufzt tief ans, und ihre Stirne umwölkt sich, als stiegen Schatten längst verblaßter Erinnerungen empor. „Gelobt sei Schein borchu, daß er den Kindern Masel und Broche hat gegeben, aber was urisre Lissel da plauscht voll Lieb und von Glück, das is lauter Stuß. Wir waren auch nicht verliebt, der alte Löw Bär, unser Schadchen, hat mir sogar damals so was gesagt, daß Du früher Jemand Andern gern gehabt haben sollst — und wir waren doch sehr glücklich mit einander, nicht wahr, Gittel, mein Herz?" Statt aller Antwort streichelt sie liebevoll die eingefallenen Wangen des Kranken, und in leisem Flüsterton beginnt sie zu plaudern. Der melodische Tonfall ihrer Stimme dringt an das Ohr des fremden Zadik und stiehlt sich ihm sanft ins Herz hinein, den wilden Sturm der aufgewirbelten Erinnerungen beschwichtigend und seine Seele in rosige Vergangenheitsträume wiegend. Oh, diese Stimme, diese bestrickend süße Stimme! Bei ihrem Klange werden sie wieder wach, jene längstvergangenen Sabbathabende, da er, der verwöhnte Sohn seiner alten Eltern, zwischen den Mauern seines Gartenstübchens sich in das Labyrinth des Talmud vertiefte und die Ohren mit beiden Händen zuhielt, damit der silberhelle Nachtigallensang, der aus dem Nachbargarten von den Lippen der wunderschönen Gittel so herzbewegend herüberzitterte, seine Seele nicht von den Mysterien der heiligen Lehre abwende. Oh, und jene Sabbathnachmittage, da die festlich geputzten Freundinnen seiner Schwester, der immer gut gelaunten Channe, der Braut des frommen Rabbiners von Maikorska, sich getreulich zusammenfanden, und ihr girrendes Lachen, ihr muthwilliges Geplauder an sein Ohr schlug. Er aber hörte aus dem verschwommeneu Stimmengewirr nur die metallene Stimme der schönen Gittel, wie sie, ihr anmuthiges Haupt schüttelnd, daß die goldenen Ohrringe klirrend und klimpernd zusammenschlugen, immer aufs Neue wiederholte: „Wie kann man einen Mann heirathen, den man kaum kennt? Liebst Du ihn denn? Ja? Ich glaube es nicht. Weißt Du denn überhaupt, was Liebe ist? Und willst Du wirklich Dein prächtiges Haar abschneiden lassen? Ich thät's nicht. Nie und nimmer. Wenn Gott es gegeben hat, so gab er's damit ich's habe! Was, eine Sünde? Eine größere Sünde ist's wegzuwerfen, was Gott uns verliehen. An mein Haar wird keine Scheere rühren, niemals. Ich heirathe nur einen Mann, der mich liebt, und liebt er mich, so heirathet er mich so wie ich bin." Der junge Bocher aber gebot, so oft er dies hörte, seinem sehnenden Herzen ewiges Entsagen und vertiefte sich seufzend in die verblaßten Hieroglyphen. lForts. folgt.)